Der Anziehungspunkt, zu dem die Jugend strömt

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Wir setzen unseren Zyklus von Artikeln, die dem Jubiläum des Verbands der deutschen Jugend Kasachstans gewidmet sind, fort. Das Gast der heutigen Ausgabe ist Olga Stein, die die Organisation zum Ende der 1990er Jahre leitete.

„Das war für uns alle etwas Unbekanntes. Wir folgten einem Weg, den niemand zuvor gegangen war. Alle waren sich gegenseitig interessant, wir haben die Dinge getan, die wir wollten, und die Dinge haben auf unseren inneren Zustand der Beteiligung an unserer Ethnie reagiert. Trotz der massiven Abwanderung der Deutschen aus Kasachstan sind eine Vielzahl an jungen, energiegeladenen Menschen mit Initiative in unsere Organisation gekommen. Für viele war dies die erste Erfahrung im Umgang mit ihrer nationalen Gruppe. Gerade in den Jugendvereinigungen konnten sie sich wirklich öffnen, ihre Fähigkeiten zeigen, ein Teil der Sprache, der Geschichte und der Kultur ihres Volkes werden und Freunde im Geiste finden. Und was noch wichtiger ist, sie konnten ihre Ideen entwickeln und verwirklichen“, – erinnert sich Olga Stein, Vorsitzende des VdJK von März 1997 bis April 2000.

– Olga, wie verlief Ihr Weg im Verband der deutschen Jugend Kasachstans und wie hat er Ihr Leben beeinflusst?

– Ich habe die Gesellschaftliche Vereinigung der Deutschen während meiner Studentenzeit kennengelernt, als ich in Kokschetau an der Fakultät für Fremdsprachen studiert habe. Das war zwischen 1992 und 1993. Als wir das erste Mal in die Gesellschaft der Deutschen der Stadt Kokschetau kamen, war für mich alles neu: die Feiertage, die Darbietungen, das Kulturprogramm. Im Jahr 1994 bin ich nach Hause zurückgekehrt, nach Karaganda, und bin in unsere Gesellschaft der Deutschen gegangen. Ich habe parallel als Übersetzerin und an der Universität gearbeitet.

Wir waren Feuer und Flamme für die Idee

– Im Jahr 1995 fand in Almaty der II. Kongress der Deutschen Kasachstans statt. Ich wurde als Delegierte für das Gebiet Karaganda ausgewählt. Nach einer der Sitzungen wurden wir gebeten, im Saal zu bleiben. Junge Menschen aus Almaty präsentierten die Idee der Gründung einer Jugendorganisation innerhalb des Rates der Deutschen Kasachstans, was von Aleksandr Fjodorowitsch Dederer unterstützt wurde. In der Initiativgruppe aus Almaty befanden sich drei strahlende Vertreter: Natalja Adam, Angelika Gorzhinskaja und Jurij Becher.

Wir sind in die Regionen zurückgekehrt und waren Feuer und Flamme für die Idee einer Jugendvereinigung. In einer Reihe von Städten entstanden Jugendgruppen, darunter auch in Karaganda. Hier ergriff Sergej Tornagi die Initiative, er wurde der erste Jugendleiter. Die Klubs wurden zu einer Art Anziehungspunkt für junge Deutsche, die praktisch nichts von ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihrer Sprache wussten. Sie halfen, sich ihrer selbst, ihrem Platz und ihrer ethnischen Zugehörigkeit bewusst zu werden.

Das erste große Projekt in Karaganda war eine Ausstellung junger deutscher Künstler, die wir in der zentralen Ausstellungshalle der Stadt untergebracht haben. Ohne finanzielle Unterstützung halfen uns Enthusiasten, die Halle anzumieten, die Bilder zu transportieren und die Ausstellung zu organisieren. Fazit: zwei Räume waren ausgefüllt, die Ausstellung lief ein paar Wochen lang, aber das Wichtigste war, dass sich die Jugendlichen selbst beweisen konnten.

Das Jahr 1996 – der Ausgangspunkt

Im Februar 1996 machten wir uns als Vertreter unserer Regionen auf den Weg ins Deutsche Haus der Stadt Almaty, wo eine Orientierungskonferenz zur Gründung des Verbandes der deutschen Jugend Kasachstans stattfand. Die Initiative kam, wie bereits zuvor, von der Jugendgruppe Almaty, Das Team setzte sich aus ganz Kasachstan zusammen. Das erste Leitungsgremium des Verbandes wurde gewählt und ein Rat gebildet. Die erste Vorsitzende des VdJK wurde Olga Martens (Widiger), die zu diesem Moment die Gesellschaft der Deutschen der Stadt Kokschetau leitete. Die stellvertretende Vorsitzende wurde ich.

Das markanteste Projekt war das Jugendsprachlager im August 1996, bei dem sich bis zu 120 Teilnehmer versammelten. Die Auswahl war sehr streng, eine Teilnahme musste man sich durch aktive Mitarbeit im Klub und Erfolge beim Erlernen der deutschen Sprache verdienen. Diese Projekte haben den Weg vieler junger Menschen geprägt. Es war erfreulich zu sehen, dass die Jugendlichen selbst die Verantwortung für die Erarbeitung und die qualitativ hochwertige Realisierung von A bis Z übernommen haben.

– Wie erinnern Sie sich an den Vorsitz?

– Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass wir keinerlei Finanzierung und Budget hatten, viele Dinge haben wir aus purer Begeisterung gemacht. Als die Gesellschaft Karaganda in ein neues Gebäude zog, habe ich mit den Jungs und Mädels die Renovierung selbst übernommen, wir haben Möbel zusammengesucht und unser eigenes jugendliches Alltagsleben eingerichtet. Dort habe ich Kurse in Landeskunde auf Deutsch und auf Russisch gegeben, die immer von rund 50 bis 60 Menschen besucht wurden.

An erster Stelle stand Mundpropaganda, aber wir haben auch oft Tage der offenen Tür veranstaltet. Ich kann nicht sagen, dass wir gezielt junge Menschen angezogen haben, das haben wohl eher die Traditionen und die Werte des Klubs getan. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich noch kein unabhängiges Kasachstan herausgebildet, und für die Jugendlichen war dies die einzige Möglichkeit der Kommunikation mit der eigenen ethnischen Gruppe.

Deshalb war dieser Zeitraum zwischen 1997 und 2000 die Zeit der aktiven Entstehung und Entwicklung der Klubs auf dem Gebiet unseres Landes, die Definition der Ausrichtung ihrer Arbeit, die Identifizierung von Führungskräften und Mannschaften, die Erarbeitung und die Realisierung erster ernsthafter Initiativen. Aber alles, was wir machten, geschah aus Inspiration. Da wir nicht die geringste Erfahrung und Kenntnisse im Bereich der Organisation von Jugendarbeit und Projektaktivitäten hatten, folgten wir der Methode „Try and Error“. Deshalb wurden bereits im Jahr 1997 die ersten Schulungsseminare und Trainings initiiert.

Zu uns kamen Spezialisten, die uns die Grundlagen des Projektmanagements vermittelten. Genau zu diesem Zeitpunkt haben wir begonnen, aktiv mit mit dem Organisationsnetzwerk CJD – Christliches Jugenddorfwerk zusammenzuarbeiten und unsere Vertreter zu Praktika und Ausbildungen nach Deutschland zu schicken.

– Die schönste Erinnerung…

– Im Jahr 1997 wurde Natalja Schandra zur ersten Referentin für Jugendarbeit im Deutschen Haus. Sie war eine wunderbare Fachfrau, sie integrierte sich wunderbar, sie verstand alle Aufgaben, zusammen mit ihr arbeiteten wir bis zum Jahr 2000 in der Jugendarbeit. In Zusammenarbeit mit anderen Leitern haben wir zusammen ein Netz der Jugendstrukturen in Kasachstan aufgebaut.

Die ersten Jugendprojekte keimten auf: eine Schreinerei in Karaganda, eine Nähwerkstatt in Taraz und ein Computerclub in Almaty. Diese Werkstätten, die Unterstützung in Form von technischer Ausstattung erhielten, erzeugten Arbeitskräfte sowie Ausbildungsplätze für Jugendliche und halfen ihnen, einen Beruf zu erlangen. Und die Werkstätten selbst unterstützen viele Jahre lang die Aktivitäten der Klubs und der Gesellschaften der Deutschen vor Ort. Die Sprachlager fanden auf regelmäßiger Basis statt – sowohl im Winter, als auch im Sommer, und gaben sehr vielen jungen Menschen die Möglichkeit, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern.

Aber der lebendigste Eindruck dieser Zeit, das waren die Menschen, das waren die Jungs und Mädels, die gekommen lange bei uns geblieben sind, die sich bewiesen haben, die andere begeistert haben, die Initiative, Verantwortung und Führung übernommen haben. Sie haben sich selbst entwickelt und anderen dabei geholfen, sich zu entwickeln. Die Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen, die viele in der Jugendarbeit erworben haben, waren der Startschuss für ihre weitere Entwicklung im Beruf sowie im gesellschaftlichen und im privaten Leben.

– Welches sind die Namen in der Bewegung, die Ihrer Meinung nach erwähnt werden sollten?

– In dieser Zeit gab es viele strahlende, interessante und würdige Persönlichkeiten: die Leiterin unseres Verbands Olga Widigern, Swetlana Allert (Badak) und Andrej Lider aus Kokschetau, sowie Nina Miller und Anastasija Kamerloch aus Pawlodar. Der wunderbare deutsche Chor aus der Stadt Rudnyj: Artjom Gartung, Ewgenij Ladner und die anderen Jungs und Mädels. In Kostanaj gab es das starke Team von Irina Ljanger, Swetlana Utjatikowa und Natalja Klauzer. In Atyrau stand Marina Denisowa am Anfang der Bewegung. Ljudmila Burgart und Marina Robertus aus Ust-Kamenogorsk, Swetlana Oldenburg und Swetlana Gunt aus dem ehemaligen Tselinograd, Oksana Fribus aus Taraz, Dmitrij Ejtner aus Schymkent, sowie Andrej Schtichling, Ewgenij Ungefur und Nadezhda Krajnenko aus Karaganda…

Wissen Sie, diese Liste lässt sich endlos fortführen. Jeder verdient eine gesonderte Erwähnung, jeder hat seinen Teil zum Aufbau und zur Entwicklung der deutschen Jugendbewegung in unserem Land beigetragen. Viele Jahre sind vergangen, wir sind heute alle verstreut in verschiedenen Städten und Ländern. Aber wir halten den Kontakt miteinander aufrecht, wir wissen immer, dass wir viele Freunde haben, sie in jeder Situation helfen können. Für uns alle ist die Periode unserer Tätigkeit im Jugendverband und in den Heimatvereinen unvergesslich, wir alle bewahren bis zum heutigen Tage Fotos und Erinnerungen auf, wir pflegen unsere Kontakte. Nicht umsonst sagte Angelina Mazur-Sotskaja während der Live-Übertragung des 25. Jubiläums des VdJK: „Ein Mensch kann einen Klub verlassen, aber der Klub wird niemals den Menschen verlassen“.

Nachdem ich die Position der Vorsitzenden des Jugendverbandes verlassen hatte, habe ich mich nicht von der Jugend losgerissen, ich habe immer versucht, sie zu unterstützen und ihnen zu helfen. Ich arbeite bis heute in der Gesellschaftlichen Vereinigung der Deutschen, ich bin stellvertretende Geschäftsführerin der Projektarbeit in der Stiftung.

– Vielen Dank für das Interview.

Kristina Libricht

Übersetzung: Philipp Dippl

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