Die Schicksale unserer Länder sind untrennbar miteinander verbunden

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Der 31. Mai ist der Gedenktag für die Opfer politischer Repressionen in Kasachstan. Der Tag, an dem tausender unschuldiger Toter und Opfer der Jahre der Massenrepressionen gedacht wird. Alleine in Kasachstan wurden zwischen 1920 und 1953 mehr als 100.000 Menschen verurteilt, gegen 25.000 wurde das höchste Strafmaß verhängt – Tod durch Erschießen.

Jede Ethnie unserer multinationalen Republik war von diesem Datum betroffen. So wurden mehr als 400.000 Deutsche in die endlosen kasachischen Steppen deportiert. Viele von ihnen starben unterwegs, andere in der Arbeitsarmee und in den Sondersiedlungen. Aber ihre Nachfahren leben heute auf der fruchtbaren kasachischen Erde und halten das Gedenken an die unschuldig Gestorbenen zusammen mit den anderen Ethnien Kasachstans in Ehre.

Mit dem Ziel, der Opfer des Totalitarismus zu gedenken und neue Brücken der Zusammenarbeit aufzubauen, trafen sich die Vertreter der diplomatischen Vertretungen der Länder der Europäischen Union in Kasachstan, die Leiter der ethnokulturellen Vereinigungen und die Abgeordneten der Mazhilis des Parlaments. Die Konferenz fand auf dem Territorium des berüchtigten Akmolinsker Lagers der Frauen von Vaterlandsverrätern statt.

Dies war das größte sowjetische Frauenlager und eine der drei „Inseln“ des „Archipels GULag“. Mehr als 18.000 Frauen haben es in den verschiedenen Jahren durchlaufen. Ihre einzige Schuld bestand darin, dass sie die Ehefrauen, Töchter oder Schwestern von sogenannten „Volksfeinden“ waren.

In Erinnerung an sie ist hier heute ein Museums- und Gedenkkomplex entstanden, der aus mehreren Objekten besteht. Besonders das Monument „Bogen der Trauer“ zieht die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich, welches eine Frau verkörpert, die um ihren verstorbenen Mann und ihre verlorenen Kinder trauert. Die Mauer der Erinnerung, in die mehr als 7000 Namen von Frauen eingemeißelt sind, die eine Strafe in dem Lager ALZHIR verbüßen mussten, versinkt immer unter Blumen. Am Tag des Gedenkens legten auch die Teilnehmer der Konferenz „In Gedenken an die Opfer des Totalitarismus – Aufbau neuer Brücken zwischen Europa und Kasachstan“ Blumen am Denkmal nieder.

So bekämpfte das Regime sein eigenes Volksfeind

Zur Eröffnung der Konferenz rief Aigul Kuspan, Vorsitzende des Komitees für internationale Angelegenheiten, Verteidigung und Sicherheit der Mazhilis der Republik Kasachstan die Teilnehmer dazu auf, über das historische Gedächtnis zu sprechen.

– Auf dem gesamten Gebiet der ehemaligen UdSSR befanden sich 36 Besserungsarbeitslager, 11 davon befanden sich in Kasachstan, darunter ALZHIR. Unter dessen Gefangenen befanden sich hauptsächlich Ehefrauen prominenter politischer und gesellschaftlicher Persönlichkeiten. Im Lager gründeten sie eine Nähfabrik. Hier befand sich gleichzeitig praktisch die gesamte Timirjazew-Akademie – Botaniker und Züchter. Dank ihnen wurde im Lager auch Landwirtschaft betrieben. Aber viele starben auch hier. In ALZHIR schmachteten auch ihre Landsleute – Finninnen, Estländerinnen, Österreicherinnen, Niederländerinnen, Griechinnen und Polinnen. Es waren die Vertreterinnen vieler Nationalitäten. Und wir haben uns hier versammelt, um ihnen zu gedenken, – fasste Aigul Kuspan zusammen.

Die Republik Kasachstan war das erste Land, welches den Tag des Gedenkens an die Opfer politischer Repessionen eingeführt hat, im Jahr 1993 wurde ein Gesetz zur Rehabilitierung verabschiedet, viele Archive freigegeben und eine Reihe an Museumskomplexen geschaffen, um das Andenken an die unschuldigen Opfer zu bewahren. Diese Initiativen des jungen Staates wurden in jeder der Reden der Leiter der diplomatischen Missionen erwähnt.

– Es gibt heute nur wenige Orte, an denen der Opfer des Totalitarismus so gedacht wird, wie in Kasachstan, – sagte Sven-Olov Karlsson, Botschafter der Europäischen Union in Kasachstan. – Wir müssen der Führung des Landes, die Denkmäler wie ALZHIR eröffnet hat, unseren Dank aussprechen. Wir müssen weiterhin das Andenken bewahren und Brücken zwischen Völkern und Generationen aufbauen, um zu verhindern, das solche Schrecken jemals wieder passieren.

Die Erinnerung ist es wert, dass man von ihr erzählt

Das Mitglied des Komitees für soziale und kulturelle Entwicklung der Mazhilis der RK Ajdos Sarym teilt mit den Anwesenden seine Auffassung hinsichtlich der Arbeit der staatlichen Kommission für die vollständige Rehabilitierung der Opfer politischer Repressionen, welche vom Staatsoberhaupt am 24. November 2020 konstituiert wurde:

– Heute sich Archivare und Mitarbeiter staatlicher Organe an der Arbeit beteiligt. Es wird sehr viel dafür getan, um die Archive freizugeben. Es ist wichtig, all diese Dokumente soweit wie möglich der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Der Politologe gab ein Beispiel dafür, wie in dem Dorf Zhanalyk im Gebiet Almaty zu Beginn der 1990er Jahre ein Massengrab entdeckt wurde. Eine Untersuchung ergab, dass die Überreste von Opfern politischer Repressionen stammen. Sie alle wurden von Organen des NKWD erschossen, da sich in den Schädeln zwischen einem und drei Einschusslöcher befanden. Im August 2018 wurden hier nochmals die Überreste von mehr als einhundert Menschen gefunden.

– Wahrscheinlich wissen ihre Angehörigen noch nicht einmal davon. Deshalb wollen wir sie im Rahmen der Regierungskommission finden. Ich möchte die Botschaften aller europäischer Länder zur Zusammenarbeit mit der Regierungskommission und der Volksversammlung Kasachstans aufrufen, die sich ebenfalls aktiv an dieser Arbeit beteiligt hat. Ich denke, dass es die Erinnerung wert ist, dass man von ihr erzählt. Und dies ist nur fair den Menschen gegenüber, die unschuldig erschossen wurden.

Strategische Partner: Deutschland – Kasachstan

Im Rahmen der Konferenz fand eine Diskussionsplattform statt, an der der Botschafter Deutschlands in Kasachstan Tilo Klinner sowie Albert Rau, Abgeordneter der Mazhilis der RK und Vorsitzender des Kuratoriums der Gesellschaftlichen Stiftung „Vereinigung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“ teilgenommen hat.

In dem Dialog, der stattgefunden hat, betonte Albert Rau insbesondere, dass es für die Deutschen neben dem Tag des Gedenkens an die Opfer politischer Repressionen noch ein weiteres schmerzvolles Datum gibt – der 28. August, als das Dekret über die Deportation der deutschen Bevölkerung nach Kasachstan und Sibirien erlassen wurde. Dies sind Gedenktage, die heute die Deutschen der Republik vereinen.

Bei der Darstellung der aktuellen Lage der deutschen Ethnie sagte der Abgeordnete, dass Deutschland heute ein wichtiger strategischer Partner Kasachstans darstellt. Die Tatsache, dass etwa 180.000 Deutsche in Kasachstan und rund eine Million unserer früherer Landsleute in Deutschland leben, ist ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen.

– Im Jahr 1993 waren die Deutschen die drittgrößte ethnische Gruppe nach den Russen und den Kasachen. Heute ist unsere Anzahl deutlich zurückgegangen, wir leben sehr verstreut, hauptsächlich in den nördlichen und zentralen Gebieten. Aber es gelingt uns, unsere nationalen Wesenszüge zu bewahren – nach wie vor ist uns die öffentliche Meinung wichtig, wir legen großen Wert auf unseren Ruf. Wenn wir irgendeine Arbeit aufnehmen, dann machen wir sie gut.

Den Verlust der deutschen Muttersprache nannte Albert Rau eine echte Tragödie. Heute fördert die Selbstorganisation der Deutschen Kasachstans in jeder Hinsicht ihre Wiederbelebung. Unter anderen auch dank des Förderprogramms aus Deutschland.

– Wir danken der Bundesregierung Deutschlands dafür, dass sie seit vielen Jahren die Aktivitäten der „Wiedergeburt“ unterstützen, in erster Linie zur Bewahrung der Muttersprache und der Kultur. Ebenso haben wir mit der Regierung Kasachstans vereinbart, dass dort, wo es Interessierte gibt, die Deutsch lernen möchten, ihnen diese Möglichkeit gegeben wird. Die Hauptsache ist, dass es eine Gruppe Interessenten und einen entsprechenden Lehrer gibt. Denn ich spreche heute von der Motivation der Eltern und der Gesellschaft als Ganzes, Deutsch zu lernen. In unserer praktischen Erfahrung gibt die Fälle, dass sich bereits die Vertreter der älteren Generation an entsprechenden Deutschkenntnissen interessiert sind, da sie, nachdem sie in Kasachstan leben, sich nicht mit ihren Enkeln unterhalten können, die nur Deutsch sprechen. Wir analysieren regelmäßig unsere Arbeit mit der heranwachsenden Generation. Natürlich sind die Deutschen über das riesige Territorium Kasachstans verstreut, aber dank der Digitalisierung versuchen wir, immer in Kontakt sein zu können. Über die sozialen Netzwerke, die Kanäle auf YouTube und die Zeitung DAZ sehen wir die Aktivität junger Menschen, analysieren sie und arbeiten für ihre Zukunft und ihre Perspektiven.

Zum Abschluss der Veranstaltung zitierte Askar Abdrachmanow, der Vorsitzende des Komitees für internationale Informationen des Außenministeriums der Republik Kasachstan die Worte des Staatsoberhaupts anlässlich des Tages des Gedenkens an die Opfer politischer Repressionen:

– Wir haben die Lehren aus der Geschichte gezogen und werden alles mögliche tun, um sicherzustellen, dass sich ähnliche Tragödien nie wieder ereignen.

Übersetzung: Philipp Dippl

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