Eine Deutsche zu sein bedeutet für mich in erster Linie, ehrlich und anständig zu sein

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Larisa Rodwald ist seit dem Jahr 1996 Aktivistin und Freiwillige des deutschen Kulturzentrums „Wiedergeburt“ der Stadt Schymkent. In dieser gesamten Zeit hat sie keine einzige Veranstaltung verpasst, sie versucht immer, auf dem Laufenden über die Ereignisse jener Deutschen zu bleiben, die in ihrer Region leben. Und die Gesellschaft selbst ist ihr längst ans Herz gewachsen…

Auf die Frage, was sie als erstes am Kulturzentrum der Deutschen reizte, antwortet meine Gesprächspartnerin ohne zu zögern:

– Es ist die warme und herzliche Atmosphäre. Es ist, als würde man zu seinen nächsten Verwandten kommen. Als noch viele Deutsche hier waren, war es in der Gesellschaft immer laut und freundschaftlich. Die Menschen waren sehr eng miteinander verbunden – sie haben zusammen Feiertage gefeiert und einander in schwierigen Momenten geholfen. Leider sind viele heute nicht mehr in unserer Nähe: die einen sind nach Deutschland gegangen, andere kommen aus Altersgründen nicht mehr vorbei. Aber ich erinnere mich immer mit besonderer Wärme an diese guten Zeiten.

Eine ganze Geschichte verbirgt sich dort…

Die Familie des Vaters von Larisa Rodwald lebte bis zum Krieg in der Ukraine, in der Stadt Zhitomir. Im Jahr 1941 schafften sie es nicht, evakuiert zu werden, da in diesen frühen Kriegstagen die Stadt bereits von den Faschisten belagert wurde. Zhitomir wurden von den sowjetischen Truppen erst im November des Jahres 1943 bei der Kiewer Operation befreit.Vor diesem Hintergrund begannen die Besatzer, die einheimische Bevölkerung vorab nach Deutschland zu vertreiben. So landete die Familie Rodwald in der Heimat ihrer Vorfahren, wenn auch nicht aus freien Stücken.

– Zuerst kam das Lager einer Flugzeugfabrik in Deutschland, – fährt Larisa mit ihrer Erzählung fort, – anschließend, nach Kriegsende, wurden sie im Jahre 1946 als Strafe für die Arbeit für die Deutschen für zehn Jahre in ein sowjetisches Lager geschickt. Hätten sie zu dieser Zeit eine Wahl gehabt?…

Sie haben es nicht verstanden

Der Vater von Larisa, Eduard Rodwald war der älteste in der Familie, zu Kriegsbeginn war er erst 13 Jahre alt. Die übrigen Kinder waren noch jünger. Hätte sich die Familie Rodwald denn gegen die faschistischen Besatzer wehren können? Sie haben ja nichts verstanden… Ihr neuer Wohnsitz war viele Jahre lang die Stadt Wolzhsk in der Republik Marij El.

Und erst im Jahr 1956, nach dem Tod Stalins, als die Fälle der Strafgefangenen erneut überprüft und aus den Lagern massenhaft unschuldige Menschen entlassen wurden, wurden die Mitglieder der Familie Rodwald in die Kasachische SSR geschickt, ohne das Recht, deren Grenzen zu verlassen. Hier befanden sie sich in einer Sondersiedlung und standen unter der Aufsicht der Kommandantur.

– Viele Jahre lang musste sich mein Vater bei den Behörden melden. Von Beruf war er Bauarbeiter, und selbst wenn er auf eine Dienstreise geschickt wurde, war es zwingend erforderlich, die Kommandantur darüber zu informieren und sie entsprechende Ausreisegenehmigung einzuholen. Und direkt nach seiner Rückkehr musste er sich wieder melden.

Als es den Deutschen erlaubt wurde, in ihre historische Heimat auszuwandern, ging fast die gesamte Familie Rodwald nach Deutschland. Nur der Vater von Larisa Eduardowna blieb. Er fühlte sich zutiefst beleidigt, dass man für die Ausreise nach Deutschland einen Sprachtest zur Kenntnis der deutschen Sprache ablegen musste.

– Es war für ihn schwer, seine Empörung in Worte zu fassen. Er, der durch die Lager gegangen ist und im Krieg lediglich aufgrund seiner Nationalität unschuldig gelitten hatte, der seine Muttersprache perfekt beherrschte, sollte dies jemandem beweisen?

Muttersprache und Kultur

– Die deutsche Sprache ist in unserer Familie erhalten geblieben, Wie ich bereits gesagt hatte, war sie meinem Vater sehr vertraut. Ich habe bis etwa 2006 auch sehr gut Deutsch gesprochen. Aber die Zeit verging, alle Verwandten sind nach Deutschland gegangen, und auch die Reihen der Gesellschaft lichteten sich schnell. Die Sprachpraxis verschwand vollständig, Deutsch habe ich schnell vergessen. Was soll ich sagen, die massenhafte Abwanderung der Deutschen hat unsere Ethnie sprachlich und kulturell hart getroffen. Deshalb könnte ich heute nicht mehr sagen, dass ich gut Deutsch sprechen würde. Aber in der Gesellschaft der Deutschen versuchen wir natürlich, auf Deutsch zu sprechen und unsere nationale Identität zu bewahren.

Olesja Klimenko

Übersetzung: Philipp Dippl

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