Ewiges Gedenken an die Opfer der Repressionen

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In Aktau wurden jene geehrt, die zu Unrecht unter „Stalins Mühlsteinen“ litten.

Für viele Kasachstaner ist der 31. Mai ein besonderer Tag. Ein Tag der Tragödie und des Leidens. Zum sechsten Mal versammel sich die Bewohner von Aktau vor dem Denkmal von Zhylau Mynbajew, um den Opfern politischer Repressionen zu gedenken.

So zollten auch die Vorsitzenden ethnokulturellen Organisationen und der Versammlung der Völker Aktau jenen ihren Tribut, die für Gerechtigkeit kämpften und allen, die ohne Gericht und Ermittlung leiden mussten. Die Leiter der ethnokulturellen Zentren legten Blumen am Denkmal des Vorsitzenden des zentralen Exekutivkomitees der Kasachischen ASSR Zhalau Mynbajew nieder. Der Name dieser großen politischen Persönlichkeit, die sich gegen Stalinistische Repressionen aussprach und das einfache Volk verteidigte, war viele Jahre lang verboten.

Eine Minute des Schweigens erscheint wie eine Ewigkeit. An was denkt jeder der Anwesenden in diesem Moment? Die Vorsitzende der deutschen Gesellschaft „Wiedergeburt“ Aktau Margarita Klee konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Die Erinnerungen lassen einen wieder und wieder in jene Zeit zurückkehren, als die Menschen unter unmenschlichen Bedingungen überleben mussten.

Die Heimat Krim

Im Jahr 1732 wurde die Halbinsel Krim zur neuen Heimat für deutsche Familien, die auf der Suche nach einem besseren Leben in diese Gebiete kamen. Unter ihnen war auch die Familie Klee – sieben Männer und eine Frau. Ganze zwei Jahre lang reisten sie von Baden-Baden bis ins Dorf Mamut-Baj, im Kreis Ewpatorija. Warum so lange? Das ist ganz einfach: die Strecke von tausend Kilometern legten die Klees zu Fuß zurück…

Nach dem Manifest von Katharina der II. wurden Siedlern Grundstücke zur Verfügung gestellt und Umzugsgelder gegeben. Mit den Jahren kamen immer mehr Deutsche, neue Traditionen tauchten auf, die die örtlichen Bewohner in das Alltagsleben der gebürtigen Deutschen brachten. Trotzdem wollte niemand seine historische Heimat vergessen. Gegenwärtig bewahrten die russischen Deutschen sorgfältig das, was ihnen ihre Vorfahren übertrugen. In zweihundert Jahren wurde die Krim für das deutsche Volk wirklich zur zweiten Heimat. Die Siedler erwarben Höfe und brachten die Produktion in Gang. Und ihre Dörfer erinnerten schon bald an ein kleines Europa. Umso schmerzhafter war es, sich von diesem Himmel auf Erden trennen zu müssen…

Ihr habt kein Zuhause mehr…

Die Nachricht vom Beginn des Zweiten Weltkrieges nahmen die russischen Deutschen mit Besorgnis auf. Jeden Tag, den ihre Verwandten mit Arbeit verbrachten, lasen sie Gebete für die Gesundheit und dafür, dass das Unglück sie verschonen möge. Es half nichts. Im August des Jahres 1941 klopften die Soldaten und die Vertreter der Aufsichtsbehörden an die deutschen Häuser auf der gesamten Krim. Ausgestattet mit dem Recht, über ihr Schicksal zu entscheiden, gaben sie den Deutschen ein paar Tage Zeit, um sich zu versammeln. Als Antwort auf die zahlreichen Fragen gab es nur Schweigen. Da verstanden die Deutschen, dass sie kein Zuhause mehr hatten…

– Am 16. August starb meine Großmutter Filippina, die Mutter meines Vaters, an einer inneren Blutung, – erinnert sich Margarita Klee. – Auf der Krim ist der Boden hart und steinig, ein Grab auszuheben dauerte lange, aber es blieb nicht viel Zeit. Da wickelten mein Vater, ein 16-jähriger Junge, zusammen mit seiner Schwester den Körper der Großmutter in einen Teppich. Auf dem Friedhof fanden sie ein frisches Grab und gruben eine Vertiefung. Und so haben sie sie begraben.

Die Hölle auf Erden

Im August 1941 verstreuten sich die Deutschen der Krim in der gesamten Sowjetunion. Der ältere Klee, Rudolf Franzewitsch, wurde in den Norden Kasachstans, nach Petropawlowsk geschickt, sein Sohn Otto kam in eine Goldmine im Gornozawodsker Kreis im Gebiet Molotowsk (später Gebiet Perm), und die Tochter wurde nach Karaganda geschickt. Otto Klee wurde in einem Unternehmen zum Dreher ausgebildet, womit er sich das ganze Leben lang sein Brot verdiente.

Damit die verbannten Menschen nicht wegliefen, wurde in der Fabrik eine Zone eingerichtet. Nach den Erinnerungen der Überlebenden war es dort eine echte Hölle – in den Baracken, die für zehn Menschen ausgelegt waren, lebten drei Mal so viele. Mit der Enge sind sie irgendwie zurechtgekommen, viel mehr starben an der mangelnden Verpflegung. Dutzende Menschen starben an einem Tag…

Diese überleben das nicht…

Nach dem Ende des Krieges wurde es ein bisschen leichter. Im Jahr 1949 traf Otto Rudolfowitsch seine Liebe. Es stellte sich heraus, dass Lidija Mischkina Deutsche war, aber sie wurde in Sibirien geboren. Im selben Jahr heirateten die jungen Leute. Die Wohnung der neuen Familie war eine kleine Hütte mit zwei engen Zimmern, aber die Klees waren glücklich darüber. Und nach kurzer Zeit erfuhr Otto, dass er Vater werden würde.

Es wurde Ende November 1950. Irgendwo mitten im Wald wurden Eisenbahnschienen durchgeschlagen. Die Aufgabe der drei Arbeiter, unter denen Lidija Klee war, war an diesem Tag: die Gleise mit den Händen auf die Aufschüttung schleppen. Ein Stromkabel der Stromleitung, die ganz in der Nähe verlief, verursachte die Tragödie: Das Gleis berührte das Kabel… Zwei Frauen starben an Ort und Stelle. Lidija wurde 30 Meter in den Wald geschleudert. Hier wurde das kleine Kind geboren, welches erst sechs Monate alt war…

– Zwischen den Zimmern in unserer Hütte stand ein Kanonenofen. Der Vater baute einen Metalleimer, der an den Ofen festgehakt wurde. Ich wurde gewickelt und in diesen Eimer gelegt. So bin ich „gereift“, – erzählt Margarita Ottowna.

Einen Namen hat das kleine Mädchen nicht bekommen, es bestand eine große Wahrscheinlichkeit, dass das Kind nicht bis zum neuen Jahr überleben würde. Nach einem Monat geschah das, an was sich Margarita Klee bis an das Ende ihres Lebens als Wunder erinnern wird. Die Ehefrau eines Freundes des Vaters fragte, ob sie in der Hütte übernachten könne.

– Es stellte sich heraus, dass sie Ärztin war, sie wusch mich mit Mangan, trocknete mich ab, wusch mich wieder. Und nach ein paar Tagen konnte ich bereits die Milch der Mutter trinken, – erzählt meine Gesprächspartnerin.

Ein Schluck Leben

Im Jahr 1953 schwächte sich die Überwachung der Deportierten ab, und Otto Klee bat um eine Verlegung nach Petropawlowsk, zu seinem Vater. In die Stadt selbst haben sie ihn nicht gelassen, der Dreher wurde in die vierte Siedlung dirigiert.

– Wir lebten in Waggons oder Baracken. Es war kalt, der Frost zog bis in die Knochen, aber nach der Zone war dies ein Hauch frischer Luft. Ich erinnere mich an die winterlichen „Wanderungen“ in die Schule: von jedem Hof wurde bis zur Schule ein Draht gespannt. Wir haben die Augen vor Schnee und Wind geschlossen und sind diesen Draht entlang gelaufen.

Erst nach 1956 gab es die Hoffnung, auf die Krim zurückkehren zu können, aber als die Kommandantur aufgehoben wurde, wurden die Deutschen der Krim nicht nach Hause gelassen. Sie versuchten trotzdem zusammenzuhalten, besonders stark war die Freundschaft zwischen acht Familien. Einige Jahre lang reiste dieser „Clan“ von Dorf zu Dorf – von einer Baustelle zur nächsten. Und im Jahr 1961 zogen sie in den Süden Kasachstans, zur Station Tschu.

– Uns wurde Arbeit angeboten – das Dorf Nowotroitzkoje hochziehen. Die örtliche Bevölkerung hat uns vier Jurten gegeben und allen geholfen. Sie haben sogar einen Hammel geschlachtet. Wissen Sie, ich habe mit 11 Jahren zum ersten Mal Fleisch gegessen, – gibt Margarita Klee zu.

Im Laufe der Zeit baute jede der deutschen Familien ein solides Haus. Die Deutschen sind hart arbeitendes und fleißiges Volk, deshalb wurden solche Spezialisten in der Region geschätzt und respektiert. Otto Klee arbeitete als Dreher, und seine Ehefrau als Köchin in einem Kindergarten. Leider starben beide mit 62 Jahren, gezeichnet von den 18-stündigen Arbeitstagen in der Zone…

Nach dem Schulabschluss ging Margarita Ottowna nach Moskau und studierte Modedesign, und danach zog sie nach Aktau. Dort heiratete sie und bekam Kinder.

– Ich werde nie die tragischen Ereignisse im Leben unserer Familie vergessen. Es ist unglaublich schwer und schmerzhaft. Meine Vorfahren haben alles verloren: ihre Häuser, die Landwirtschaft, die Angehörigen, die zweite Heimat. Ich bewundere sie und verneige meinen Kopf vor denen, die diese schreckliche Zeit überleben konnten… – seufzt Margarita Klee.

Vorbereitet von Konstantin Sergeew

Übersetzung: Philipp Dippl

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