Fäustlinge

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Diese merkwürdige Welt: eine deportierte Deutsche arbeitet tagsüber an zwei Arbeitsstellen, und nachts strickt sie Fäustlinge aus Schafwolle für die Front.

Ihre älteste Tochter Jekaterina, die nach Perm in die Arbeitsarmee verbannt wurde, fällt zu dieser Zeit unter härtesten Bedingungen Bäume und lebt in kalten Baracken. Der Sohn David befindet sich ebenfalls in den Reihen der Arbeitsarmee, aber in Workuta. Der Ehemann ist im Swerdlowsker Gebiet hinter Stacheldraht und erfüllt trotz der körperlichen Schmerzen und Schikanen die Normen der Arbeitsarmee. Aber er konnte den Schrecken der Zwangsarbeit nicht standhalten und stirbt im Juli 1943 an einer Lungenendzündung. Der jüngste Sohn Aleksandr, der vor dem Krieg lediglich vier Klassen der deutschen Schule abschloss, flickt mit seinen 12 oder 13 Jahren die abgenutzten Schuhe der Dorfgenossen, weidet Vieh, pflügt die Felder und fährt Traktor.

Nichtsdestotrotz, das Stricken warmer Fäustlinge für die sowjetischen Soldaten hört nicht auf. Und eines Tages kommt sogar ein Dankesschreiben von der Front, in dem man der deportierten Deutschen „Danke“ für diese notwendigen Pakete schreibt.

In engmaschigen Fäustlingen

Es gibt Tausende ähnlicher Geschichten über die Vertriebenen. Und hinter jeder verbirgt sich ein eigenes Drama voller Alpträume, Ängste und manchmal unmenschlicher Bewährungsproben, wenn Gut und Böse, Licht und Dunkelheit, Groll und Vergebung in den verschiedenen Waagschalen einer Waage liegen. Und was am Ende überwiegt, hängt nur von einem selbst ab.

…An den Moment, als das Radio den Angriff der Nazi-Truppen verkündete, erinnert sich Aleksandr Dawidowitsch Schefer oft – die Schwere dieser schrecklichen Gefühle zerriss ihm viele Jahre lang die Seele. Eines Tages meldete sich die donnernde Stimme Lewitans aus dem schwarzen Trichter des Straßenlautsprechers. Die versammelten Menschen hörten benommen zu. Krieg. Zu dieser Zeit verstanden noch nicht alle, dass dieses schreckliche Wort für niemanden etwas Gutes verhieß.

Zwei Monate später wurde die Familie Schefer über die Umsiedlung informiert – Dawid Karlowitsch und seine Mutter Germine Samojlowna wurden angewiesen, das Eigentum und das Vieh zu übergeben, zu packen, ihr Heimatdorf Emeljanowka (welches sich im Kreis Erschowsk im Gebiet Saratow befand) zu verlassen und sich zur Station Roter Weg zu begeben. Buchstäblich sofort trafen Waggons mit Menschen aus anderen Gegenden ein, die die sowjetischen Deutschen auf den Feldern ersetzen sollten.

Aus den Dokumenten der Abteilung des regionalen Staatsarchivs Zhelezinka, 2008:

„Zu dieser Zeit lebten die Dorfbewohner nicht schlecht: sie arbeiteten, erhielten von der Kolchose Getreide für ihre Arbeitstage und führten nebenbei eine persönliche Landwirtschaft (eine Kuh, Geflügel, Gemüse). Nicht nur die Erwachsenen arbeiteten, auch die Kinder. Ab der ersten Klasse pflügte Aleksandr Schefer die Felder und jätete das Unkraut im Getreide. Während der Ernte sammelte er die Ährchen, bei den seltenen Versammlungen zupfte er die Ähren auseinander und legte sie auf einen Haufen. Es wurde am Strom gearbeitet. Das Leben war bedächtig, man musste nicht hungern, von Jahr zu Jahr wurde es besser, aber dann brach der Krieg aus“.

Emeljanowka lag am Ufer der Wolga, es war sauber, gepflegt und schön dort. Niemand wollte den Ort verlassen. Trotzdem packten die Erwachsenen und die Kinder pflichtbewusst alles zusammen, was sie mit sich tragen konnten. Es war unmöglich, sich gegen das Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über die Umsiedlung der in der Wolga-Region lebenden Deutschen“ zur Wehr zu setzen.

 

Der Vorsitzende der Kolchose erlaubte es dem zwölfjährigen Aleksandr, seine Lieblingspferde zu nehmen, sie einzuspannen und mit seiner Familie zum Bahnhof zu fahren. Dort angekommen warteten sie lange auf die Abfahrt: Es war nicht klar, wann genau die Beladung der Güterwaggons beginnen würde. Sobald sich die Arbeiter rührten und sich in den Viehwaggons Pritschen bauten, hakte Aleksandr die Pferde aus, verabschiedete sich von ihnen und ließ sie ins Dorf zurück, während er sich mit dem Ärmel über die Augen wischte. Dann rannte er im Laufschritt zum Zug. Die Verladung war in vollem Gange. In der aufgeregten, weinenden und jammernden Mensche gelang es ihm nicht sofort, seine Verwandten zu finden. Ein paar Stunden später wurde der Zug in Richtung Pawlodar losgeschickt.

Die Fahrt war beschwerlich und sie fuhren sehr lange. Hinter dem Ural, nahe Tscheljabinsk und Swerdlowsk, standen sie lange auf dem Abstellgleis – Güterwaggons mit militärischer Ausrüstung und Soldaten passierten. Einer nach dem anderen fuhren sie vorbei, um in Nowosibirsk neu zusammengestellt zu werden.

„In Pawlodar wurden die Menschen auf ein Flusslastenkahn verladen und kamen in Zhelezinka an. Hier warteten bereits Karren und Kaleschen auf sie – alle wurden auf die Dörfer verteilt. Die Hirten sollten zur Kolchose Bolschewik gehen… Dort arbeitete Aleksandr als Gehilfe eines Schusters: alle Schuhe waren abgenutzt, wieder und wieder geflickt und hielten nicht mehr lange. Dann pflügte er auf den Feldern, säte, mähte und weidete das Vieh. Für die Mutter von Aleksandr war es sehr schwierig: sie hatte zwei Arbeitsstellen und nachts strickte sie Fäustlinge für die Front. Aus Schafwolle. Für diese Fäustlinge hat man ihr sogar einen Dankesbrief von der Front geschickt. Der Vater von Aleksandr wurde im Februar 1942 in die Arbeitsarmee in die Region Swerdlowsk gebracht. Dort arbeitete er bei Nässe und Kälte, erkältete sich und starb im Juli 1943 an einer Lungenendzündung. Die ältere Schwester von Aleksandr, Jekaterina (geboren im Jahr 1943) landete ebenfalls bei der Arbeitsarmee in Perm und arbeitete in der Forstwirtschaft. Der Bruder Dawid wurde nach Workuta in die Forstwirtschaft geschickt, er blieb anschließend dort, heiratete und arbeitete als Schneider. Er kam im Jahr 1954 zusammen mit seiner Familie nach Zhelezinka“.

Aleksandr Dawydowitsch hatte Glück – die Reserve rettete ihn vor der Arbeitsarmee, die zu dieser Zeit alle Mähdrescher- und Traktorfahrer erhielten. Dennoch stand er zwischen 1941 und 1956, so wie alle sowjetischen Deutschen, unter der Sonderkommandantur und durfte nur dort leben, wo es die Kommandantur festlegte. Aleksandr Schefer schaffte es, vor dem Krieg vier Klassen der deutschen Schule abzuschließen. Später, bereits in Kasachstan, erhielt er eine Ausbildung zum Fahrer von Radtraktoren. Für seine gute Arbeit erhielt er im Jahr 1951 vom MTS aus Dankbarkeit ein damals sehr wertvolles Geschenk – Ein Stück Stoff für eine Hose und eine Jacke…

Marina Angaldt

Übersetzung: Philipp Dippl

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