Gutherzige Menschen

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Im modernen Alltag, der sich an Trends, Streams, Bodypositive, Atleizures und Instagram-Swipes orientiert, ist Freiwilligenarbeit eine merkwürdige und sogar etwas wilde Erscheinung. Experience und Hype fordern das augenblickliche menschliche Herz und keine komplizierte Dahrung für Geist und Seele: nämlich wenn man nicht nur einen Mausklick spendet, sondern auch eine gute Tat.

Im Bewusstsein vieler Menschen ist die Freiwilligenarbeit eine zu nichtige, inhaltsleere und insgesamt unrentable Beschäftigung: sie fragen sich, wofür das alles? Und wirklich, warum sollte man Gutes tun? Für was hat der Mensch ein Herz, wenn es darin einsam ist, wenn niemand darin lebt und nur sein eigenes Echo auf jedes „Ist da wer?“ reagiert? Wofür braucht der Kopf ein Gehirn, wenn es ohne Gedanken einfacher zu leben ist? Wofür hat der Staat Gesetze und die Gesellschaft moralische und rechtliche Normen?… Dies sind im Allgemeinen ewige philosophische Fragen, die nicht nur Likes, Respekt und ein Herz einfordern, sondern auch tiefe Denkprozesse und innere Qualen…

Auf den Schultern von Nina Gerbertowna Padalko lastet die Erfahrung der langjährigen Freiwilligenarbeit in der Regionalgesellschaft der Deutschen „Wiedergeburt“ Pawlodar. Wie die Frau selbst bekennt, ist die Hilfe für die Menschen für sie nicht nur materielle oder haushaltsbezogene Unterstützung, sondern auch menschliche Anteilnahme und der Austausch seelischer Wärme. Auf die Frage, warum erwachsene Menschen in die Freiwilligenarbeit gehen, antwortet sie ohne nachzudenken, dass ohne die gute Tat die Welt nicht existieren kann.

– Das schlimmste Übel, von dem die Gesellschaft befallen ist, ist Gleichgültigkeit. Um bedürftigen und einsamen Rentnern zu helfen und einige ihrer alltäglichen Probleme zu lösen, ist nicht viel Aufwand nötig: der Kauf von Medikamenten oder die Bezahlung von Stromrechnungen. Das Wichtigste ist Einfühlungsvermögen, – sagt Nina Gerbertowna. Natürlich haben die Menschen das Recht, ihre Zeit so zu verbringen, wie sie wollen… Aber sie sollten auch Vorstellungen von gut und schlecht, von richtig und falsch haben, insbesondere in der momentanen schwierigen Situation.

Nina Gerbertowna wird von Ljudmila Zajbel aus Pawlodar unterstützt, Freiwillige und aktives Mitglied in der Regionalgesellschaft der Deutschen „Wiedergeburt“ Pawlodar. Ihren Worten nach ist das Wesen der momentanen Zeiten so, dass auf gute Taten entweder wie auf Heldentaten oder mit Befremden reagiert wird.

– Man muss sagen, dass die Freiwilligenarbeit in der Regionalgesellschaft der Deutschen „Wiedergeburt“ Pawlodar eine solch alte und beständige Tradition ist, dass selbst eine Pandemie sie nicht unterbrechen kann, – erklärt Ljudmila Zajbel.

Mit einem Wort, selbst in der Zeit, wenn zum Beispiel die Rentner die Zeit in der Selbstisolation verbringen, kommt zu ihnen Unterstützung nach Hause.

– Die einen bitten darum, den Müll rauszubringen, andere fragen danach, den Schnee im Hof zu schippen, wieder andere rufen an mit der Bitte, Lebensmittel vorbeizubringen – wir versuchen immer, zu helfen, – erzählt Roman Gebel, stellvertretender Leiter des Klubs der deutschen Jugend „Lenz“ der Regionalgesellschaft der Deutschen „Wiedergeburt“ Pawlodar, und fügt hinzu: – Ich gehöre zu denen, die daran glauben, dass der Sinn für Mitgefühl und gegenseitige Unterstützung echte Menschen aus uns macht, und nicht künstliche.

Das aktive Mitglied der Regionalgesellschaft der Deutschen „Wiedergeburt“ Pawlodar Marija Maibach ihrerseits ist davon überzeugt, dass, wenn wir jeden Tag gute Taten vollbringen, wir selbst die Welt verändern und sie ein wenig besser, heller und glücklicher machen.

Die Patenschaft über die einsamen und gebrechlichen alten Menschen ist ein ungeschriebenes Gesetz im Begegnungszentrum der Stadt Aksu in der Regionalgesellschaft der Deutschen „Wiedergeburt“ Pawlodar. Ihre Leiterin Aljona Starodubtsewa glaubt, dass Aufrichtigkeit und Mitgefühl einige der wichtigste moralischen Regler in dieser Welt sind.

– Warum helfe ich? – fragt sich Aljona Starodubtsewa. – Anscheinend ist es der Wunsch, die eigene Bedeutung zu spüren. Es ist schwer, ungerührt von den schwierigen Lebenssituationen der Menschen zu bleiben, und außerdem möchte ich durch mein Beispiel junge Menschen für die Freiwilligenarbeit gewinnen.

– Mich interessiert, was denken Sie über das Sprichwort: „Das Gute vergisst man schnell, aber das Schlechte bleibt lange in Erinnerung?“

– Selbst wenn dies so ist, müssen wir trotzdem mehr gute Dinge tun: der Sinn der Freiwilligenarbeit ist selbsterklärend. Man kann so viel über die moderne Welt philosophieren, wie man will, aber nur Menschlichkeit und Mitgefühl wird sie retten.

– Was ärgert Sie in dieser Welt?

– Das fehlende gegenseitige Verständnis zwischen den Menschen, ihre Gefühllosigkeit, ihre Teilnahmslosigkeit, ihre Rüpelhaftigkeit… Auch betrübt mich die Existenz von obdachlosen, verlassenen Tieren in den Straßen.

– Würden Sie glücklicher sein, wenn sie sich nicht mehr freiwillig engagieren müssten?

– Nein. Ich habe mich selbst für diesen Weg entschieden und, wie man so schön sagt, gibt es keinen Weg zurück. – Dies ist bereits ein lebenswichtiges Bedürfnis für mich.

Auch die Aktivisten aus dem Dorf Rozowka versuchen, mit den Freiwilligen aus Aksu mitzuhalten, weil sie glauben, dass die Freiwilligenarbeit ihnen dabei hilft, sich von ihrer besten Seite zu zeigen.

– Es ist keine Schande, zu helfen, sondern es ist angenehm und nützlich, – bekräftigt Olesja Antonowna Efremowa (Klassman), die in dem Dorf Rozowka lebt, – Es gibt immer jemanden, der Hilfe und Unterstützung benötigt, und dank der Unterstützung durch die Freiwilligen kommt sie schneller an.

Der Frau stimmt ebenfalls die Dorfmitbewohnerin Natalja Anatoljewna Kolesnik zu. Sie ist ebenfalls Freiwillige, und das Einzige, was sie in ihrem Leben bereut, ist, wenn sie es nicht geschafft hat oder nicht helfen konnte, über jene Momente, als sie dachte: „Ich schaffe es morgen“, aber „morgen“ war bereits zu spät.

Laut Mia Gebel, stellvertretende Leiterin des deutschen Jugendklubs „Lorelay“ im Dorf Rozowka leisten dessen Mitglieder den örtlichen Rentnern und den behinderten Menschen regelmäßig Hilfe und Unterstützung. Die deutsche ethnische Jugend des Dorfes bemüht sich generell, nach dem Prinzip „Tue Gutes!“ zu leben.

Lidija Petrowna Ilnitskaja aus dem Dorf Beregowoje im Kreis Terenkol, Gebiet Pawlodar, arbeitete viele Jahre lang als Deutschlehrerin in der Schule und mit Gruppen der Gesellschaft „Wiedergeburt“. Nach ihrer Pensionierung engagiert sie sich bereits seit einigen Jahren in der Freiwilligenarbeit.

– Was macht uns menschlich? Die Fähigkeit zuzuhören und zu spüren, der Drang, immer denen zu Hilfe zu kommen, die sie benötigen. Es ist wichtig, dem Unglück eines anderen nicht gleichgültig gegenüber zu bleiben, – ist sich Regina Schwajtser sicher, Freiwillige aus dem Dorf Michajlowka im Kreis Zhelezinsk.

Marina Angaldt

Übersetzung: Philipp Dippl

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