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Die Situation bei der Erhaltung und Restaurierung historischer Objekte, die von Russlanddeutschen auf dem Gebiet der GUS und darüber hinaus erbaut wurden, ist, ehrlich gesagt, alles andere als einfach.

Die ehemaligen Kirchen, Mühlen und andere Erzeugungsbetriebe, von denen sich viele in einem beklagenswerten Zustand befinden und nicht als historische Denkmäler anerkannt sind, müssen gerettet und restauriert werden. Auf keinen Fall sollten wir das mächtige und unschätzbare spirituelle, kulturelle, historische und soziale Potenzial vergessen, das diese alten Gebäude an die lebenden und zukünftigen Generationen weitergeben. Daher erfordert dieses Problem die Ergreifung kardinaler internationaler Maßnahmen zur Gewährleistung der Unterstützung bei der Bewahrung und Restaurierung der Objekte der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen.

Im Juli haben wir über das zerstörte Gebäude der automatischen Großwalzenmühle Iwan Thyssen geschrieben, die im Jahr 1910 in Pawlodar erbaut wurde. Im August erschien in der DAZ eine Publikation über die Ruinen einer Kirche in der ehemaligen deutschen Siedlung Mariental – heute ist dies das Dorf Sowjetskoje, welches sich im Gebiet Saratow befindet. Und heute wollen wir von der Kirche in dem Dorf Werchnij Eruslan im Staropoltawsker Kreis, Gebiet Wolgograd, erzählen. Die 1860 als deutsche Kolonie gegründete Siedlung gehörte laut kirchlich-administrativer Einteilung zunächst zu der lutherischen Gemeinde Torgun/Morgentau, und seit 1876 zu Gnadentau.

– Mein Großvater und meine Großmutter – Egor Egorowitsch Kolb und Erna Fedorowna Kolb (Mezer) – lebten bis zum Krieg in der Siedlung Tschkalowo (deutscher Name: Laub) im Gebiet Saratow. Zum Zeitpunkt der Deportation war meine Großmutter 18 Jahre alt, – erzählt Anatolij Zjakin, Vorsitzender des Kirchenrates der örtlichen religiösen Organisation „Evangelisch-Lutherische Gemeinde Gnadentau“ und Bewohner des Dorfes Staraja Poltawka, was sich vier Kilometer von der Siedlung Werchnij Eruslan entfernt befindet. – Ihre Mutter starb, als meine Großmutter erst drei Jahre alt war. Mein Urgroßvater, Fedor Fedorowitsch Mezer, zog die drei Kinder alleine groß und arbeitete als Zimmermann. Bis zum Herbst 1941 haben sie alle zusammen das neue Haus fertig gebaut, sie haben die Fensterläden gestrichen, aber nicht eine einzige Nacht darin verbracht. Sie wurden sehr schnell deportiert: sie durften nur ein Minimum an notwendigen Sachen mitnehmen. Laut meiner Großmutter war die Obst- und Gemüseernte in diesem Jahr reich – und so blieben die Keller voll…

Nach den Worten von Anatolij Zjakin wurden seine Verwandten zunächst auf eineinhalb Wagen verteilt zum Bahnhof Krasnyj Kut gebracht, dort haben sie mehrere Tage lang auf ihr Zugpaar warten müssen. Die Menschen wurden dann in die Viehwaggons gesetzt – kalte Wagen, die für dien Transport von Vieh vorgesehen waren – und in die Verbannung geschickt.

– Die ganze Familie der Großmutter war an verschiedenen Orten verstreut: der Bruder Wilja kam nach Zhezkazgan, der zweite Bruder Sascha landete in Krasnojarsk. Der Vater Fedor Fedorowitsch kam in ein sibirisches Lager, wo er starb – der Ort, an dem er begraben ist, ist uns bis heute unbekannt, – sagt Anatolij Zjakin. – Due Großmutter wurde in die Siedlung Ladyzhenka im Gebiet Tselinograd deportiert (heute ist dies das Dorf Esengeldy in der Akmolinsker Region). Wie sie sich später erinnerte, halfen Anwohner – Kasachen – ihr und anderen verbannten Deutschen, nicht an Hunger und Kälte zu sterben: Sie gaben ihnen Essen, Wolle, Filzdecken, warme Kleidung und boten ihnen Schutz in ihren Häusern… Großvater wurde ebenfalls nach Ladyzhenka deportiert. Er ging durch die Arbeitsarmee. Er kehrte zurück und heiratete Großmutter. Er arbeitete sein ganzes Leben lang als Viehzüchter und sprach nebenbei gut Kasachisch.

Egor Egorowitsch und Erna Fedorowna Kolb haben sieben Kinder geboren. Die älteste Tochter, Emma, die Mutter von Anatolij Zjakin, erinnerte sich oft an die schwierige Nachkriegskindheit und erzählte darüber. Im Jahr 1958 durfte die Familie Kolb in ihre Heimat zurückkehren. Sie ließen sich in dem Dorf Werchnij Eruslan (dem früheren Gnadentau) nieder – etwas früher zogen die Verwandten dorthin…

Im Jahr 2001 wurde die Evangelisch-Lutherische Gemeinde Gnadentau in dem Dorf Werchnij Eruslan registriert. Ihr Vorsitzender, Anatolij Zjakin, hat zusammen mit engagierten Mitgliedern die Restaurierung des Gebäudes der Deutschen Kirche in die Hand genommen, welches im Jahr 1898 durch Spenden der Gemeindemitglieder (die 16 Jahre lang gesammelt wurden), sowie Mitteln, die nach dem „Belieben des Herrn zugewiesen wurden“, gebaut wurde. Das Gebäude, welches für tausend Sitzplätze ausgelegt ist, wurde im neugotischen Stil errichtet. Der Architekt des Projekts war seinerzeit Johann Eduard Jakobsthal. In der Epoche des gottlosen Fünfjahresplans wurden die Glocken aus der Kirche entfernt, Pfarrer Johann Schileng wurde verhaftet, und im Jahr 1939 wurde die Kirche offiziell geschlossen. In den 1940er Jahren wurde alles Eigentum entfernt und das Gebäude selbst als Getreidelager genutzt. Die schwierigen 90er Jahre machten der Kirche entgültig den Garaus – sie verlor enorm viel von ihrer Innendekoration.

– Zu Beginn der 2000er Jahre begann die schrittweise Instandsetzung der Kirche: das Dach wurde repariert, Türen und Fenster wurden eingesetzt, die Fußböden, die Kreuze des Altars usw. wurden restauriert, – listet Anatolij Zjakin auf. – Einen großen Beitrag zur Restaurierung leistete der Pfarrer Andrej Pautow. Im Jahr 2005 wurde mit Hilfe von Dietrich Halman, dem Probst von Sarepta, sowie eigenen Mitteln aus den Ruinen das Gebäude der ehemaligen Pfarrschule wieder aufgebaut. Jetzt werden dort im Winter Gottesdienste gehalten, auch ein Museum und eine christliche Kirchenküche hat eröffnet.

Heute hat die Gemeinde Gnadentau offiziell fünfzehn Mitglieder. An Feiertagen versammeln sich bis zu vierzig Menschen in der Kirche. Am 26. Dezember 2021 wurde auf ihrem Territorium ein Denkmal eröffnet und an dem Gebäude, in dem der Pastor lebt, eine Gedenktafel angebracht. Diese Monumente sind dem 80. Jahrestag der Deportation der Deutschen gewidmet.

– Als nichtkommerzielle Organisation nehmen wir an Ausschreibungen für sozial orientierte nichtkommerzielle Organisationen und Zuschüssen teil. In den letzten vier Jahren haben wir zwei regionale und drei Stipendien des Präsidenten für die Entwicklung der Zivilgesellschaft gewonnen. Die Thematik der Stipendien umfassen die „Erhaltung und Restaurierung der Kirche“, sowie die „Schaffung des landeskundlichen Heimatmuseums „Eruslan“. Im Jahr 2021 wurden wir als die beste nichtkommerzielle Organisation des Gebietes Wolgograd ausgezeicnet, merkt Anatolij Zjakin an. In den Jahren 2019 und 2021 hat unsere Gemeinde unter der Beteiligung der Partner von „Brot für die Welt“ aus Deutschland zwei Projekte im sozialen Bereich realisiert: die Anpflanzung eines Gartens auf dem Territorium der Kirche, sowie die Schaffung einer christlichen Kirchenküche. Im Jahr 2020 spendete Lydia Miller, eine Wohltäterin aus Deutschland (ihre Verwandten wurden aus Gnadentau deportiert), sieben Glocken und das elektronische Glockenspiel. Und durch Spenden sammelte die Gemeinde Mittel für die Reparatur des Glockenturms, der Treppen und der Geländer der begehbaren Balkone. Jetzt erwachte die Kirche zum Leben und das Glockengeläut erklang. In dem Dorf gibt es ebenfalls eine wunderschöne, unvergleichbare Schleusenbrücke, die im Jahr 1928 von den Dorfbewohnern gebaut wurde. Die Brücke wurde im Jahr 2021 saniert. Jetzt ist sie, genauso wie die Kirche, ein Wahrzeichen für das gesamte Wolgagebiet.

PS

Unsere Gesellschaft braucht dringend ein Projekt zur Erhaltung, Wiederherstellung, Nutzung und Popularisierung des kulturellen Erbes der Russlanddeutschen auf dem Territorium Kasachstans, Russlands und anderer Staaten. Die Umsetzung der Initiative soll im Rahmen einer öffentlichen Gesellschaft erfolgen, der Unternehmen und Organisationen aller Eigentumsformen aus aller Welt angehören, verbunden durch gemeinsame Ziele und Zielsetzungen zur Bewahrung des kulturellen Erbes der Deutschen.

Meinungen:

Wjatscheslaw Ruf, Gründer der TOO „RubiKOM“; Vorsitzender des Gründerrates der GS „Vereinigung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“:

Ohne Zweifel müssen solche Initiativen immer unterstützt werden. Dies ermöglicht es, auf dem Gebiet Kasachstans jene historischen Objekte zu bewahren, die bis heute keine offiziellen Denkmäler sind. Dies ist eine Gelegenheit, die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf das Problem der Bewahrung des kulturellen Erbes zu lenken.

Robert Schlegel, Unternehmer:

– Meiner Meinung nach ist dies eine großartige Initiative. Die Erhaltung historischer und kultureller Denkmäler ist der wichtigste Bestandteil des Lebens unseres Volkes. Ohne Zweifel ist dies eine gute Gelegenheit, Deutsche aus verschiedenen Ländern zu vereinen, was in der Zukunft sicherlich Früchte tragen wird.

Oleg Hofrath, Generaldirektor des Kultur und Geschäftszentrum „Russisch-Deutsches Haus“, Tscheljabinsk:

– Ich glaube, dass die Schaffung einer internationalen Organisation zur Rettung des kulturellen Erbes des deutschen Volkes ein wichtiger und großer Schritt zur Bewahrung des nationalen Erbes sowie zur Stärkung der internationalen und interethnischen Zusammenarbeit im Interesse unserer Zukunft und der unserer Kinder ist!

Marina Angaldt

Übersetzung: Philipp Dippl

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