Mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Aufruf des stellvertretenden Vorsitzenden der National-kulturellen Autonomie russischer Deutshcer des Gebietes Kaliningrad Andrej Rende

Verehrte Genossen und Kollegen, Beteiligte der Bewegung „Wiedergeburt“! Viele von euch wurden, manche früher, manche später, zu aktiven Beteiligten der offiziellen Bewegung zur politischen Rehabilitierung der sowjetischen Deutschen.

Im Jahr 1964 hat der Staat die ungeheuerlichen Anschuldigungen festgestellt, die durch das Dekret „über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolgakreisen leben“ des Präsidiums des höchsten Rates der UdSSR seit dem 28. August 1948 vorgetragen wurden. Es wurden Maßnahmen zur Entwicklung der deutschen Kultur getroffen. In Kasachstan eröffneten das deutsche Theater, wurden Zeitungen in deutscher Sprache herausgegeben, wurden, wenn auch in begrenzter Auflage, Bücher deutscher Autoren gedruckt, ein Mal in der Woche wurden Radio- und Fernsehsendungen ausgestrahlt. In Wohnblocks bildeten sich Kunsthandwerkszirkel, in den Schulen lernten die Kinder Deutsch als Muttersprache. Aber all diese Maßnahmen haben das Hauptproblem nicht gelöst: die politische und rechtliche Rehabilitierung der sowjetischen Deutschen und die Wiederherstellung ihrer Staatlichkeit.

Die sowjetischen Deutschen forderten aktiv die Lösung dieser Fragen. Im Jahr 1965 fanden zwei, und Jahr 1988 drei Treffen der Delegierten mit der Führung des Landes und der KPdSU statt, auf welchen ihnen mitgeteilt wurde, dass man die autonome Republik, welche im Jahr 1941 liquidiert wurde, nicht wiederherstellen könne: wenn die Deutschen aus Kasachstan und Sibirien weggehen, bleibt dort keiner übrig, der noch arbeitet. So bemerkte der Akademiker Boris Rauschenbach in seinem Aufsatz in der zweiten Etappe des ersten Kongresses der Deutschen der UdSSR ganz richtig: „… die gute Arbeit der sowjetischen Deutschen ist der Hauptgrund der Nichtwiederherstellung ihrer Republik“. Stattdessen wurde ihnen empfohlen, die öffentlich-politische und kulturell-aufklärerische Allunionsgesellschaft „Wiedergeburt“ zu gründen, was auch auf der konstitutierenden Konferenz in Moskau im März 1989 getan wurde. Gleichwohl wurden vor Ort Vereine, Kulturzentren und andere Vereinigungen der sowjetischen Deutschen gebildet.

Ende 1988 wurde der Verein der Zeitungsleser „Freundschaft“ organisiert. Am 14. Februar 1989 habe ich in der Stadt Zelinograd den sozialpolitischen und nationalkulturellen Verein „Einheit“ gegründet. Im Juni des gleichen Jahres entstanden ähnliche Vereine in den Kreisen Atbasarsk und Alekseewsk im Gebiet Zelinograd. In Kaliningrad hat der Direktor des Kulturpalastes des Verpackungsmittelkombinates Wiktor Gofman die deutsche Gesellschaft „Einheit“ eröffnet. In Tomsk, Tscheljabinsk, Alma-Ata und anderen Regionen entstehen deutsche Kulturzentren. In ihnen fanden deutsche Kulturfestivals statt, wurden Sonntagsschulen für Kinder und Deutschkurse organisiert.

So wurde zum Beispiel in Zelinograd Ende Dezember 1989 im Palast der Eisenbahner der erste offizielle Abend im Gebiet veranstaltet, der dem Weihnachtsfest gewidmet war. An ihm haben mehr als 200 Kinder und Eltern teilgenommen. Das Programm des zentralen Fernsehens „Vzgljad“ strahlte die Feier aus, wo auch mein fünfminütiges Interview über die Probleme der sowjetischen Deutschen gezeigt wurde. Dies wurde zum ersten Mal gemacht! Ebenso haben wir es geschafft, das Problem der Ausübung materieller Hilfen für Arbeitssoldaten zu lösen, denen die städtischen Behörden die gleichen Privilegien wie ehemaligen Frontsoldaten zusicherten, mit Ausnahme eies kostenlosen Autos.

Für den Verein „Einheit“ wurde ein Raum in einem Neubau bereitgestellt. Wir haben Unterrichtsstunden der Sonntagsschule für Kinder, Folkloregruppen, deutsche Sprachkurse für Erwachsene und verschiedene andere Veranstaltungen durchgeführt. In den folgenden Jahren wurde uns eine zusätzliche Räumlichkeit für ein Kulturzentrum bereitgestellt, wo wir das „Zentrum der humanitären Hilfe“ zusammen mit den Adventisten organisierten. Ebenso wurde das erste Restaurant Kasachstans mit nationaler Küche „Hannover“ sowie der humanitäre und pädagogische Komplex „Kindergarten-Schule-Gymnasium“ eröffnet.

Doch sämtliche Veranstaltungen, die die deutschen Organisationen, Kulturzentren und Vereine in verschiedenen Regionen des Landes durchgeführt haben, haben die wichtigste Aufgabe nicht gelöst: die nationalpolitische, ethische und kulturelle Rehabilitierung der sowjetischen Deutschen und die Wiederherstellung ihrer Staatlichkeit. Leider, ungeachtet der riesigen Arbeit, die von der Gesellschaft „Wiedergeburt“ durchgeführt wurde, ist es nicht gelungen, die Probleme und Aufgaben zu lösen, von denen die Teilnehmer der ersten (konstituierenden) Konferenz der Gesellschaft der sowjetischen Deutschen gesprochen haben.

Vielmehr befinden wir uns heute am Rande der Zerstörung unserer Ethnie, vor der auch die zahlreichen Deutschkurse, die Jugendsprachlager, die verschiedenen Wettbewerbe und Festivals, die theoretischen und wissenschaftlichen Konferenzen, sogar die Versuche der Bildung von Eliten russischer Deutscher sie nicht retten können.

Trotzdem bildet die Gründung der Allunionsgesellschaft der sowjetischen Deutschen „Wiedergeburt“ die Grenze, als die russländischen Deutschen der Sowjetunion mit voller Stimme ihre Probleme ansprachen und ihre Lösungen forderten. Und nicht sie sind daran schuld, dass das multinationale Land der Arbeiter und Bauern sie nicht hörte…

Ich beglückwünsche alle früheren und heute aktiven Mitglieder der Bewegung aufrichtig zum 30. Jubiläum der Allunionsgesellschaft der sowjetischen Deutschen „Wiedergeburt“. An die erinnernd, die nicht mehr mit uns sind, danke ich ihnen für die Wiederbelebung der einzigartigen Ethnie der russländischen Deutschen und verliere nicht die Hoffnung auf eine bessere Zukunft unseres Volkes.

Übersetzung: Philipp Dippl

Ein Abend der Erinnerung an Gerold Belger fand in Petropawlowsk statt

Der berühmte Schriftsteller und Publizist, staatliche und gesellschaftliche Persönlichkeit, Übersetzer künstlerischer Werke aus der kasachischen und deutschen Sprachen ins Russische wäre in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden. Am 10. April fand in der zweiten Heimat von Gerold Karlowitsch ein Abend der Erinnerung an diesen großen Menschen statt.

Der Rat der Veteranen und das Kollektiv der ökonomisch-technischen Hochschule organisierte unter der Leitung von Aleksandr Merk diese Veranstaltung und lud die Landsleute, Klassenkameraden und Dorfgenossen des Schriftstellers ebenfalls zu dem Treffen ein. Besonders viele Erinnerungen erklangen über die Familie, über die Eltern von Gerold Karlowitsch. Der Vater, Karl Belger war militärischer Feldsanitäter, verwaltete einen Feldgeburtsstützpunkt und versorgte mehr als zehn kasachische Dörfer. Er brachte mehr als 1200 kasachische Kinder auf die Welt. „Ihn liebten alle, ihm vertrauten sie, und unter den Dorfbewohnern von Karl-aga oder Beleke galt er als der am meisten verehrte Mensch, und der Name Belger wurde in der Umgebung zum Synonym für das Wort „Arzt“. Die Dorfbewohner sagten: „Ich kam zum Belger aus der Region, ich zeigte mich dem Belger aus dem Gebiet, der Belger riet mir etwas.“

Die Mutter, Anna Dawydowna, arbeitete als Krankenschwester an medizinischen Stützpunkt, und auch sie wurde sehr geliebt. Sie, genauso wie der Vater, verstand kasachisch sehr gut, sprach es aber nicht. Dafür hatte sie aber ein phänomenales Gedächtnis, sie kannte alle Kinder im Kreis, wer, wo und wann sie geboren wurden, wie sie hießen.

 Überaus symbolträchtig fand die Veranstaltung in dem Museum statt, welches vn dem Landsmann Gerold Belgers Aleksandr Merk geschaffen wurde. Die Stellvertreterin der öffentlichen Stiftung „Kasachstanische Vereinigung der Deutschen „Wiedergeburt“ Swetlana Schubina verlas allen Anwesenden den Appell der Witwe des Schriftstellers Raisa Zakirowna Chismatulina und der Tochter Irina Kowaljowa-Belger:

„Liebe Freunde! Liebe Landsleute! Liebe Volksgenossen! Ich bin sehr glücklich darüber, dass die derzeitige Veranstaltung auf der von unserem Ehemann und Vater so geliebten nordkasachischen Erde stattfindet, in seiner zweiten Heimat.

„Jeder Mensch sollte neben seiner ersten, großen Heimat ganz gewiss eine zweite, kleine Heimat haben, seine heimatliche Gegend, sein vertrautes Eckchen auf der Erde, sein Feld, sein Wäldchen, ein einsames Plätzchen am Ufer eines stillen Flüsschens, wenigstens seinen geliebten Busch in der Nähe des Hauses. Jeder, ob freiwillig oder unfreiwillig, wandert in der Welt umher oder wird dazu gezwungen, umherzuwandern, hinterlässt unbemerkt hier und dort ein Teilchen seiner Seele, verliert sich allmählich, beraubt sich und verwandelt sich in einen vom Wind getriebenen Steppenläufer. Unglücklich ist derjenige, der sich nicht an seinen Geburtsort, an sein Land erinnert, aber dreifach unglücklich ist jener, an den sich die Erde selbst nicht erinnert, denn sie, die Erde, ist wie deine eigene Mutter, sie ist dein allerletzter Glaube, deine allerletzte Hoffnung im Leben, und wenn du für sie in Vergessenheit gerätst, dann bist du bereits überhaupt kein Mensch mehr, sondern verwest, Asche und Staub.“ Leider Gottes kommt man zu einer so einfachen, scheinbar offensichtlichen Wahrheit nur durch eine große alltägliche und moralische Erfahrung. Manchmal auf Kosten schwerer Verluste. Kasachstan… Heimat, geliebtes Heimat vielsprachiger Stämme. „Meine“, – nennen eine Million sowjetischer Deutscher. Sowjetisches Vaterland… „Mein“ – nennen es zwei Millionen Bürger der deutschen Nation. „Meine“, „Mein“, „Wir“, – erklingen stolz die vielen Stimmen eines gemeinsamen Chores. Meine Heimat. Unauslöschlich. Ewig. Wie ein Mensch. Wie die Liebe. Wie das Leben“.

Diese Zeilen, die Gerold Berger vor langer Zeit im Jahr 1986 geschrieben hat, sollen heute an Sie alle gerichtet sein. Sie tragen zeitlosen Charakter in sich, so wie vieles, über das er schrieb, sprach, was dieser echte Patriot seiner Heimat sagte und hinterließ. Was hatte er vorausgesagt, vor was hat er gewarnt und prognostiziert. Tief davon überzeugt, dass seine Zeit gerade erst beginnt… Erinnern Sie sich, lesen Sie, hören Sie seine Stimme! Eine Stimme wie eine Stimmgabel. Sie ist aufrichtig, wahrhaftig und präzise. Wir bedanken uns für ihre Treue, für das Interesse an der Kreativität und an der Person Gerold Belger. Wir wünschen ihnen viel Glück und einen offenen, ehrlichen, gütigen und aufrichtigen Dialog… Wir wünsche allen die Erhellung ihrer Haltung!

Mit tiefem Respekt Raisa Chismatulina und Irina Kowaljowa-Belger“.

Irina plant, die gesamten Informationen über die vergangene Veranstaltung der einzigen heute noch lebenden Schwester von Gerold Karlowitsch zu übermitteln. Sie lebt heute in Deutschland, aber alle Landsleute können sich noch gut an sie erinnern.

Belger hat Menschen geliebt, er liebte uns alle und hat uns allen vererbt, Menschen zu sein, egal was auch sein möge. Wahrscheinlich ist dies die aller schwierigste Aufgabe im Leben eines jeden. Den Menschen in sich zu bewahren. Belger gelang dies. Jetzt soll es uns allen gelingen.

Swetlana Schubina

Übersetzung: Philipp Dippl

Das Gedenken der Menschen ist die höchste Anerkennung

Der alte Hase der Gesellschaft „Wiedergeburt“ Aktobe, Irina Tschupilko berät schon seit vielen Jahren die Deutschen ihrer Region. Sie füllt Dokumente aus, berät, verrät und erinnert sich in den freien Minuten daran, wie es früher war, an der Schwelle zur Unabhängigkeit.

In der Gesellschaft der Deutschen ist es selten still. Die Mädels hängen ununterbrochen über ihren Papieren, Berichten, Konsultationen. Die Mädels – das sind vier charmante Damen, eine schöner wie die andere. Jede hat ihre Arbeit. Inga ist die Vorsitzende der Gesellschaft, sie hält alles zusammen. Tantjana ist die Buchhalterin: Steuern, Bilanzen, Zahlen – keiner bewältigt diese Arbeit besser als sie. Elena ist die Koordinatorin der Sozialarbeit: sie hört zu, hilft, teilt den Großmüttern und Großvätern ihr Grundkontinent zu. Irina Borisowna ist die führende Spezialistin. Von ihr erzählen wir ein bisschen später.

– Ich kam in die Gesellschaft Mitte der 90er Jahre, als die zweite Welle der Spätaussiedler aufkam. Es waren so viele Leite, dass wir bis neun Uhr abends arbeiteten. Wir haben Dokumente ausgefüllt, versucht, so schnell wie möglich zu helfen, – erzählt meine Gesprächspartnerin bei einer Tasse starken, frisch gebrühten Kaffees.

Übrigens half insbesondere Kaffee, die Erschöpfung zu bewältigen. Heute ist dieses Getränk ein unverzichtbares Attribut der Gesellschaft. Mit ihm beginnt der Morgen für die Mitarbeiter. „Völlig entspannt soll man arbeiten, und keine Kaffeekränzchen abhalten!“ – hat irgendjemand gesagt und hat doch nicht recht. Dies ist so eine Tradition, die es in jedem Kollektiv geben sollte, damit die Arbeit in positiver Stimmung abläuft.

Übrigens ist die positive Stimmung das, was „Wiedergeburt“ Aktobe von anderen unterscheidet. Mit den Jahren verändern sich die Menschen, aber das Lächeln bleibt unverändert, die freundlichen Worte und die Freundlichkeit, mit der hier jedem begegnet wird, der hereinkommt. Ebenso wird Zielstrebigkeit und Enthusiasmus in heiliger Ehre gehalten. Vor zwei Jahrzehnten wollten viele Aktöbinsker Deutsch lernen. Einige Gruppen zählten mehr als dreißig Leute.

– Von unserer Seite gab es immer Unterstützung in der Spracharbeit. Bei uns arbeiteten großartige Lehrer, die meisterhaft mit den Wörtern umgingen. Zu den Pädagogen bildeten sich Schlangen – alle wollten nicht nur Deutsch lernen, sondern sich auf Literatursprache verständigen, – erinnert sich Irina Tschupilko.

In banger Erwartung warteten wir auf die Ankunft der Lehrer aus Deutschland. Als sie in die Schule Nr. 11 eingeladen wurden, haben sie nicht nur Wissen mitgebracht, sondern auch Literatur, die stetig den Bibliotheksbestand auffüllte. Die Kursteilnehmer überhäuften die Lehrer mit Fragen: das Leben in der historischen Heimat interessierte doch jeden.

Am Vorabend der Entstehung Kasachstans befand sich die Gesellschaft in einer kleinen Wohnung. „Eng, aber nicht übel“, – erzählten die Deutschen lachend. Übrigens gab es nie sehr viel Personal – üblicherweise drei bis vier Personen. Aber auch Freiwillige haben geholfen, sie haben einen großen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft geleistet.

Kurz darauf prangte das Schild „Wiedergeburt“ an einem Büro des Hauses der Kultur der Chemiker, und bereits zu Beginn der zweitausender Jahre zog die Gesellschaft zusammen mit allem liebgewonnenen Hausrat in eine Wohnung im Stadtteil „Elektron“, wo man sie bis heute findet.

Der Herbst bleibt den Aktobinskern lange im Gedächtnis: In dieser Zeit des Jahres fanden die Tage der deutschen Kultur statt – ein originelles Festival, zu welchem die Kinder und Jugendliche aus den Kreisen des Gebietes kamen.

Der besondere Stolz ist der Jugendklub der „Nuller“. Die Vorsitzende ist Elena Obodinskaja. Die junge Frau schaffte es, ein super Team zusammenzubringen, alle kamen zu ihr, vertrauten ihr und unterstützten sie. Die Jugendlager, die interessanten Themenseminare, die Spiele und Wettbewerbe – das ist lediglich ein kleines Bröckelchen von dem, was es in 15 Jahren gab. Die Jugend „brannte“ und war der Antrieb für das deutsche Leben der Region.

– Der Chor „Veilchen“ ist heute ein Nationalchor, damals hat alles gerade erst angefangen. Er wurde schnell populär, und die Lieder der „Veilchen“ liebten viele. Die Deutschen aus Aktobe, die nach Deutschland gingen, hören sie noch immer an. Aber das Gedenken der Menschen ist die größte Anerkennung in unserer Arbeit, – stellt Irina Borisowna fest.

Jeden Tag finden neue Ereignisse in der Gesellschaft statt: Klienten kommen, Dokumente werden ausgefüllt, Kurse werden gehalten, Veranstaltungen werden geplant, und ständig verweilt man bei Kaffee, Professionalität und Wohlwollen.

Dmitrij Schinkarenko

Übersetzung: Philipp Dippl

„Ich bin seit dem ersten Tag aktives Mitglied von „Wiedergeburt“

Iwan Egorowitsch Sartison, Veteran der deutschen Nationalbewegung „Wiedergeburt“, Korrespondent bei „Neues Leben“ und „Freundschaft“.

 – Iwan Egorowitsch, wann haben Sie die Arbeit der Allunionsgesellschaft der sowjetischen Deutschen „Wiedergeburt“ kennengelernt?

– Ich bin seit dem ersten Tag aktives Mitglied von „Wiedergeburt“, seit dem Jahr 1989. Als ich in Almaty lebte, war ich im Vorstand unseres Kulturzentrums, welcher zu dieser Zeit von dem Redakteur der deutschen Zeitung „Freundschaft“ Konstantin Erlich geleitet wurde. Die nationale Thematik hat mich schon immer gereizt, ich habe versucht, genau diese Fragen auf den Seiten von „Neues Leben“ und „Freundschaft“ zu beleuchten.

– Was sind die Besonderheiten der deutschen Bewegung dieser Zeit?

– Zuallererst würde ich anmerken, dass die ganze Arbeit ehrenamtlich ablief. Die Leute haben uneigennützig zum Wohle ihres Volkes gearbeitet, ohne weder die private Zeit, noch private Mittel in Betracht zu ziehen. Zu dieser Zeit brannte das Problem der Emigration, wir haben praktisch mit jedem, der ging, geredet, haben versucht, zu helfen. Außerdem haben wir am Aufbau der regionalen Strukturen der Deutschen in ganz Kasachstan gearbeitet. Darin bestand zu dem Moment unsere Hauptaufgabe.

– Sie stehen an den Ursprüngen der nationalen Bewegung in Kasachstan, an welche strahlenden Momente erinnern Sie sich?

– Ich erinnere mich, wie ich auf Bitte von Wilhelm Tommi, einem Mitarbeiter des Gebietskommittees der Kommunistischen Partei, dabei mitgeholfen habe, die Gesellschaft der Deutschen im Gebiet Taldykorgan von Null ab aufzubauen. Wilhelm Tommi war gut vertraut mit der Arbeit unserer Gesellschaft in Almaty, er hat nicht ein Mal bei den Sitzungen gefehlt, deshalb hat er sich an mich gewendet mit der Bitte, eine ähnliche Struktur bei sich in der Region zu kreieren, wo er der erste Vorsitzende wurde.

Ebenso wollte ich die Tätigkeit der „Wiedergeburt-Bank“ erwähnen, die entstand, um in den verwegenen 90er Jahren  das Privateigentum der Deutschen zu schützen, die zur ständigen Niederlassung nach Deutschland gingen, ebenso um die Regionalgemeinschaften der Deutschen „Wiedergeburt“ zu unterstützen. Ich bin mit dem Leiter der Bank Wladimir Bekker zu den Vorsitzenden der Kolchosen und den Direktoren der Kolchosen gefahren. Die Bank wurde schnell sehr bekannt, von 72 Banken, die zu dieser Zeit bestanden, nahm „Wiedergeburt“ den 16. Platz ein. Leider existierte sie nur 4 Jahre lang, bis der Zufluss von Kapital abnahm.

– Am 25. August 1994 wurde in Almaty das Deutsche Haus eröffnet. Was bedeutete dieses Ereignis für die kasachstanischen Deutschen?

– Natürlich war dies ein bedeutsames Ereignis, dem viele Gäste beiwohnten, darunter Repräsentanten staatlicher Strukturen beider Länder – Kasachstan und Deutschland. Ich wurde eingeladen in der Funktion des Pressesekretärs der Gesellschaft der Deutschen Almaty. Nach der Eröffnung des Deutschen Hauses wurde die gesamte Arbeit zur Unterstützung der deutschen Minderheit völlig anders organisiert. Wo früher, wie ich schon gesagt hatte, alles auf öffentlicher Basis und privater Initiativen beruhte, begannen, jetzt durch die Unterstützung des Innenministeriums von Deutschland im Deutschen Haus festangestellte Mitarbeiter zu arbeiten, die festen Lohn erhielten. Schrittweise kam die Arbeit in Ordnung, es gab wenig, aber dafür professionelles Personal. Das Deutsche Haus wurde unterstützte viele: überall wurden Deutschkurse organisiert, Bedürftige erhielten medizinische und humanitäre Hilfe, fanden juristische Beratung. Mir bleibt die Visite des Oberhauptes unseres Staates Nursultan Nasarbaew und der Besuch von Roman Herzog, dem Bundespräsidenten Deutschlands gut im Gedächtnis.

– Welchen ihrer Mitarbeiter möchten Sie erwähnen?

– Zuallererst Wilhelm Tommi. Das war ein herausragender Mensch, der sich, ungeachtet dessen, dass er Parteimitglied war, immer an den Interessen der deutschen Ethnie erfreut und eng mit anderen ethnokulturellen Vereinigungen zusammengearbeitet hat. Eine nicht unbedeutende Rolle in der Bewegung der Deutschen Kasachstans spielten Eduard Airich, der verdiente Nationaltrainer der UdSSR, Gerold Belger, Schriftsteller und Übersetzer, und Adam Merz, Mitarbeiter des deutschen Radios.

– Iwan Egorowitsch, was wüschen Sie ihren Landsleuten zu diesem Jubiläumsjahr?

– Das allerwichtigste ist, das zu bewahren, was wir bis zum heutigen Tag erarbeitet haben und besitzen. Wir sind der Bundesregierung Deutschland für die langjährige Unterstützung der deutschen Minderheit in Kasachstan sehr dankbar. Unser Land ist heute zu neuen Kräften gekommen und wir müssen bereits an neuen Realitäten entsprechend den Anforderungen unserer Zeit arbeiten. In dieser Zeit ist schon viel passiert, und in diesen Jahren gab es nicht nur Gewinne, sondern auch Verluste. Deshalb ist es sehr wichtig, dieses Klima und die warmen gegenseitigen Beziehungen sogar zu den kleinen Gesellschaften, sei es die Hauptstadt, seine Städte oder die Dörfer, zu bewahren. Es ist wichtig, Kontakte zu allen ethnokulturellen Zentren der Republik im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Versammlung des Volkes Kasachstans aufzubauen. Ich bin froh, dass die Arbeit zum Erhalt der deutschen Sprache gedeiht, besonders mit den Kindern, die Bildungsmöglichkeiten in den Schulen suchen. Alles dies hilft, die Nachfolge sicherzustellen, und unsere langjährige Arbeit verschwindet nicht mit den Jahren. Das Deutsche Haus soll erhalten bleiben als Zentrum, welches schon seit vielen Jahren eine Diskussionsplattform bildet und zum Wohl der deutschen Minderheit arbeitet. Beschützt und unterstützt euch gegenseitig!

– Vielen Dank für das Interview!

Interview: Olesja Klimenko

Übersetzung: Philipp Dippl

Помнить все и жить достойно. К 30-летию ВОСН «Возрождение».

Albert Rau, der Vorsitzende des Verwaltungsrates der öffentlichen Stiftung „Kasachstanische Vereinigung der Deutschen „Wiedergeburt“, Abgeordneter der Mazhilis des Parlaments der Republik Kasachstan.

 – Albert Pawlowitsch, vor dreißig Jahren hat sich die öffentliche Organisation der deutschen Ethnie „Wiedergeburt“ gebildet. Wie war das?

 – Das Jahr 1989 war der Höhepunkt der Perestrojka in der UdSSR, die Entlarvung des Identitätskultes, die Rehabilitierten der unschuldig Verurteilten, alles das bewegte das Leben in dem riesigen Land. Gleichzeitig zeigte sich auch das Bild einer allgemeinen Müdigkeit vom Entgleiten der Ideen, vom Mangel an einer realen Veränderung in der Umgestaltung der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Beziehungen im Land. Mir bleibt der erste Kongress der Deutschen der UdSSR in Moskau im Gedächtnis. Man muss den Mut unserer alten Landsmänner erwähnen, die den nicht gerade geringen Widerstand der Unionsmächte spürten und es trotzdem schafften, den Kongress zu organisieren und durchzuführen. Dieses Ereignis fiel absolut unpassend mit der Durchführung des Referendums über den Erhalt der UdSSR zusammen, und wir wurden aufgefordert, den Kongress nicht abzuhalten, sondern nach Hause zu fahren. Natürlich wurden die Menschen von ihren Emotionen überspült, der Damm des Schweigens brach. Die Nachrichten aus dem Kreml machten uns wütend, wieder nur halbherzig: Ihr erhaltet kulturelle Autonomie, autonome Erziehung vergesst ihr. Es blieb im Gedächtnis, wie uns zur Zeit des zweiten Kongresses im Oktober 1991 am Kinotheater „Oktjabr“ Menschen aus Saratow mit Plakaten mit der Aufschrift: „wir sind in 42 nicht gegangen, und jetzt lassen wir es nicht zu!“ getroffen haben. Auf dem Kongress ertönten die Forderungen, alle nach Kaliningrad, dem früheren Königsberg, zu fahren, auch andere Varianten wurden diskutiert. In dieser lärmenden Uneinigkeit wurde nicht eine einzige Entscheidung getroffen. Eine Welle der Emigration brach los. Einen „Antrag“ beschaffen und abhauen – das wurde zum wichtigsten Ziel vieler deutscher Familien. In dieser Atmosphäre formierte sich „Wiedergeburt“. Zu dieser Zeit wurde ich damit betraut, die städtische Gesellschaft in Lisakowsk zu leiten.

– Welche der Pläne von vor dreißig Jahren wurden umgesetzt und was wurde von der Tagesordnung gestrichen? Vor welche Probleme stellt das moderne Leben die Vereinigung „Wiedergeburt“?

– In diesen dreißig Jahren wurde eine arbeitsfähige Struktur der Selbstorganisation und der regionalen Gesellschaften geschaffen. In den ersten zehn Jahren hing die meiste Arbeit mit den Problemen derer zusammen, die zurück in die historische Heimat wollten, aber die Tagesordnung hat sich verändert. Die Zentrale frage lautet, wie man denen helfen kann, die geblieben sind und für immer bleiben werden? Es gibt nicht wenige Probleme: der Erhalt der Muttersprache und der Traditionen, die Stärkung der verschiedensten Verbindungen mit der historischen Heimat, Hilfe für die Arbeitssoldaten und bedürftige Familien. Man muss denjenigen Tribut zollen, die an der Gründung der republikanischen Organisation stehen: Ch. Driller, K. Erlich, A. Merz, A. Dederer, der die Assoziation der öffentlichen Vereinigungen der Deutschen Kasachstans seit mehr als 24 Jahren leitet. Sie haben es geschafft, nicht nur die aktive Arbeit zu organisieren, sondern auch eine systematische Zusammenarbeit mit Deutschland aufzubauen. Natürlich war das Verschwinden der deutschen Sprache aus dem Schulunterricht für uns ein riesiger Verlust. Obwohl die Situation auch jetzt nicht gerade einfach ist, sie verändert sich zu unseren Gunsten.

– Wie sehen Sie die Zukunft der Stiftung und allgemein der deutschen Ethnie in Kasachstan?

– Ich präzisiere: Wir sind die Gesellschaft der kasachstanischen Deutschen „Wiedergeburt“, die Stiftung ist nur eine Organisationsform. Es wurde viel erreicht. Aber das Leben geht weiter, neue Generationen kommen, die Probleme und ihre Lösungsansätze, verändern sich, die Form der Arbeit mit den Menschen verändert sich. Wir müssen uns nach vorne bewegen, neue Technologien der Aktivitäten und Kommunikation erschließen, um unsere Hauptaufgaben zu lösen: die Bewahrung der deutschen Sprache, unserer nationalen Kultur, die gemeinsame historische Erinnerung. Im Moment findet die Arbeit zum Programm zur Entwicklung der deutschen Gesellschaft Kasachstans statt. Wir lernen von den entsprechenden Erfahrungen Polens, Ungarns und Russlands. Natürlich besitzt jede Diaspora seine eigenen Bedingungen, aber die Ziele sind die gleichen. Im September und Oktober veranstalten wir eine Konferenz, die dem 30-jährigen Jubiläum der Gesellschaft „Wiedergeburt“ gewidmet ist. Dies wird nicht nur ein Fest, sondern auch eine Debatte über das Programm der Entwicklung der deutschen Ethnie in der nahen Zukunft und in den fernen Perspektiven. Ich hoffe, dass dieses Ereignis uns die Kraft und die kreative Inspiration für die umfangreiche Arbeit zum Wohle der Deutschen Kasachstans geben wird.

Interview: Walerij Schewalje

Übersetzung: Philipp Dippl

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