Verbannung in… die Heimat

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Krieg und Deportation zerstörten das Schicksal vieler sowjetischer Deutscher, drunter litt auch der 85-jährige Werner Bekker, der in Ridder lebt. Wenn man seine Erzählungen über sein Leben liest, kann man sich nur schwer vorstellen, dass man dies alles ertragen kann, ohne zu verrohen, ohne aufzuhören das Leben und die Menschen um einen herum zu lieben. Alles ertrug Werner Gawrilowitsch, alles stand er durch: Ungerechtigkeiten, Verfolgung, den Verlust seines Vaters, Hunger, Entbehrungen, harte Arbeit, – und er blieb ein ehrenwerter Bürger, ein guter Mensch, zuverlässiger Unterstützer und eine hohe Autorität für seine Familie und Freunde, seine Kinder und Enkelkinder. Und das Land der Verbannung – das Gebiet Ostkasachstan – wurde zu seiner Heimat.

– Ich wurde, – erzählt er, – im Jahr 1935 in der Aserbaidschanischen SSR geboren, in dem Dorf Anino. Im Jahre 1941 war ich sechs Jahre alt. Im Herbst wurden wir ausgesiedelt, ohne dass man uns etwas erklärte. Wir haben fast nichts mit uns mitgenommen. Was wir tragen konnten, haben wir mitgenommen. Wir waren lange unterwegs, fast einen Monat lang, zwei Mal mit dem Zug, zwei Mal mit einem Boot.

Die Endstation war das Dorf Kumaschkino im Kurtschumsker Kreis, Gebiet Ostkasachstan. Die Vertriebenen wurden in einem Klub untergebracht, danach haben sie damit begonnen, nach Wohnungen zu suchen. Den Winter haben sie irgendwie überstanden.

– Der Vater hat in einer Schmiede gearbeitet, – erinnert sich Werner Gawrilowitsch weiter, – und im Frühjahr 1942 wurde er zur Arbeitsarmee gebracht. Die Mutter war zu diesem Zeitpunkt mit meinem jüngeren Bruder schwanger, sie hat ihn im Mai zur Welt gebracht und dann wurden wir alle aus der Wohnung geworfen. Bereits 1943 starb der Vater an einer Erkrankung im Krankenhaus.

Die Situation war hoffnungslos. Wir hatten keine Unterkunft, keine Lebensmittel, kein Geld. Nun, die ältere Schwester, sie war 28 Jahre alt, schaffte es, sich das Schuhmacherhandwerk beizubringen und begann, Schuhe zu reparieren. In den Kriegszeiten ging es allen mit ihren Schuhen schlecht, es gab genug Arbeit. In den Nächten führte sie im Licht einer Räucherkammer private Aufträge aus.

Ich habe auch gearbeitet, zuerst für ein Stück Brot. Meine Mutter wurde einmal zur Arbeit in eine benachbarte Kolchose gebracht, und den jüngeren Bruder hat sie bei mir zurückgelassen. Und ich musste ihn mit auf das Feld nehmen. Ich war da 12 Jahre alt. Zwei Monate lang habe ich den Bruder mit mir mitgenommen. Ich habe mit einem Ochsen gepflügt, und mein Bruder saß in einer Bude. Im Winter habe ich Reisig gesammelt, um den Ofen zu heizen. Ich gehe an den Dorfrand für Brennholz und höre, wie die Wölfe in der Nähe heulen. Mit 15 Jahren wollte ich gerade die Kolchose verlassen. Der Vorarbeiter sagt: „Bleibe, wir bilden einen Fahrer aus!“ – „Wie soll ich bleiben, – antworte ich, – wenn ich nie eine Schulklasse beendet habe?“. Und so ging ich in die Abendschule – direkt in die dritte Klasse. Zuerst habe ich mich geschämt – ich war ja schon viel zu alt. Das Lernen war schwer. Nach der Arbeit und der Schule habe ich mich an die Hausaufgaben gesetzt. Für die schriftlichen Aufgaben hat die Kraft noch gereicht, für das Mündliche nicht mehr: ich schlief über den Büchern ein. Kaum hatte ich die vierte Klasse beendet, kam ein Anwerber der Fabrikausbildung.

Im Jahr 1953 kam Werner Bekker nach Leninogorsk, um zu studieren. Zwei Monate lang eignete er sich die Theorie an, vier Monate lang Praxis. Und danach arbeitete er 25 Jahre lang als Bergmann. Er arbeitete als Schachthauer, Sprengmeister und war auch Vorarbeiter. Im Schacht erkrankte er an Silikose und an einer Vibrationserkrankung.

Aus den Abbausohlen kam ihm viel Wasser entgegen. Man arbeitete buchstäblich unter einem Wasserfall. Du hebst die Arme, – erinnert er sich, – weil in den Stiefeln das Wasser schon in bis zu den Kien steht. Aufgrund dieser Feuchtigkeit im Untergrund sind die Gelenke erkrankt. Auch kam es zu einer Beinverletzung. Die schwere Arbeit ging insgesamt nicht spurlos an ihm vorüber. Die Ärzte wiesen ihm die zweite Stufe der Schwere der Behinderung zu, aber Werner Gawrilowitsch lehnte dies ab, er stimmte der dritten Stufe zu, weil man in der zweiten nicht mehr arbeiten darf, er musste aber seine Familie ernähren. Werner Bekker heiratete im Jahr 1957. Kinder erblickten das licht der Welt – zwei Söhne. Die Bekkers erhielten endlich eine eigene Wohnung – ein Zimmerchen im Erdgeschoss. Das Leben verbesserte sich allmählich. Werner Gawrilowitsch erhielt die Position des Vorarbeiters. Später wurde ihm der Titel „Verdienter Bergmann“ verliehen.

Fast alle Verwandten von Werner Gawrilowitsch zogen nach Deutschland, aber seine Familie blieb in Ostkasachstan, was zu seiner echten Heimat wurde.

Die Aktivisten der gesellschaftlichen Vereinigung „Wiedergeburt“ der Stadt Ridder vergessen die Veteranen und Arbeitssoldaten nicht. Sie kommen zu ihnen nach Hause, bringen Blumen mit, übergeben Geschenke und lauschen den Erinnerungen an die Belastungen und Entbehrungen der Zwangsdeportation. Mit Tränen in den Augen erinnern sich die alten Menschen an die tragischen Ereignisse in der Kindheit und Jugend, aufrichtig danken sie der deutschen Jugend für die Aufmerksamkeit und Fürsorge.

– Wir müssen uns an diejenigen erinnern, die den heutigen Tag nicht mehr erlebt haben, und wir müssen uns tief vor denen verbeugen, die noch leben, nicht gebrochen wurden und trotz ihres zerstörten Schicksals weiterhin an die Zukunft glauben, – findet die Vorsitzende der „Wiedergeburt“ der Stadt Ridder, Ljubow Ignatjewa. – Sie haben die Hölle durchlebt, sind ihr auf wundersame Weise entflohen. Für die unerlaubte Entfernung von den Orten der verpflichtenden Niederlassung wurde als Strafmaß festgelegt: 20 Jahre Strafarbeit. Die Deportation brachte unendliches Unglück über die verfolgten Völker. Die beklemmenden Erinnerungen an diese Zeiten quälen unsere Herzen noch immer.

Die Teilnehmer an den Veranstaltungen zur Erinnerung an die Opfer der Stalinschen Verfolgungen und der Zwangsdeportationen sind davon überzeugt, dass das deutsche Volk trotz aller Bewährungsproben sein „Ich“ nicht verloren hat, wozu die Hilfe, die Freundschaft und den Zusammenhalt des gesamten kasachischen Volkes beigetragen hat. Nicht zufällig wurde Kasachstan wahrlich zur Heimat für die Deutschen. Das tragische Paradox der Zeit. Das Land der Vertreibung wurde zur Heimat…

Andrej Kratenko

Übersetzung: Philipp Dippl

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