Lebendige Erinnerung: Geschichten von Freiwilligen des Interaktiven Archivs der Deutschen Kasachstans Zurück Veröffentlicht in 2. September 202623. September 2026 Die Geschichte eines Volkes lebt in persönlichen Fotografien, Familienbriefen und den Erinnerungen der älteren Generation weiter, in Erzählungen vom Zuhause, von der Reise und vom Leben am neuen Ort. Ein ebenso wichtiger Teil dieser Geschichte findet sich jedoch in staatlichen und behördlichen Dokumenten: in Archivakten, Kirchenbüchern, Umsiedler- und Transportlisten, Bescheinigungen und Karteikarten. Für Familien, die Deportation, Trudarmee und das Leben in der Sondersiedlung erlebt haben, bieten solche Quellen die Möglichkeit, abgebrochene Verbindungen wiederherzustellen. Die Frage, wo heute dokumentarische Zeugnisse zur Geschichte und Kultur der Deutschen Kasachstans zu finden sind, ist deshalb nicht nur für die Forschung von Bedeutung, sondern für viele Menschen auch eine sehr persönliche. Aus genau dieser Frage entstand das Projekt „Interaktives Archiv der Deutschen Kasachstans“. Die Idee nahm 2019 und 2020 Gestalt an. Von 2022 bis 2024 wurde intensiv in zentralen und regionalen Archiven geforscht, 2024 ging die Website schließlich online. Doch ein digitales Archiv entsteht nicht von selbst. Hinter jeder gefundenen Bescheinigung, jedem Eintrag in einer Liste und jedem erfassten Familiennamen steckt die mühevolle Arbeit von Archivarinnen und Archivaren, Forschenden und Freiwilligen. Im Laufe von vier Jahren schlossen sich 32 Freiwillige aus verschiedenen Ländern dem Projekt an. Deshalb lässt sich die Geschichte des Archivs nicht von den Geschichten der Menschen trennen, die an seinem Aufbau mitgewirkt haben. Für viele von ihnen begann der Weg in die Archivarbeit mit der Geschichte der eigenen Familie. Sütterlin lesen lernen Lidia Molke lebt heute in Deutschland, wurde aber 1951 in Karaganda geboren. Lange bestand die Vergangenheit ihrer Familie für sie aus einzelnen Erinnerungen und Erzählungen. Ihr Interesse an Genealogie erwachte 2005, als sie zum 80. Geburtstag ihrer Mutter Fotoplakate über deren Lebensweg und einen Stammbaum vorbereitete. „Das war der Ausgangspunkt für mein Interesse an der Familienforschung. Leider war mein Vater bereits 2003 verstorben, sodass ich ihn nicht mehr ausführlich befragen konnte“, erinnert sich Lidia. Besonders wichtig wurde für sie die Geschichte ihres Vaters. Er wurde auf der Krim in Zürichtal geboren und während des Krieges mit seiner Familie nach Kasachstan deportiert. Sein Vater wurde in die Trudarmee eingezogen, er selbst kam als Jugendlicher nach Karaganda, während seine Mutter mit den jüngeren Kindern im Gebiet Kustanai blieb. Später versuchte ihr Vater, seine Mutter und die jüngeren Geschwister wiederzufinden, doch ihre Spur verlor sich. „Die Einwohner erzählten, dass damals Hunger und starker Frost herrschten. Seine Mutter machte sich mit den Kindern zu Fuß auf den Weg in ein größeres Dorf, um etwas zu essen zu finden. Danach wurden die Mutter und die Kinder nie wieder gesehen. Wir haben mehrfach an das Archiv in Kustanai (Qostanai) geschrieben, aber keine Informationen gefunden.“ Damit begann eine jahrelange Arbeit mit Dokumenten: mit Familienfotos, Standesamtsarchiven, Kirchenbüchern, Revisionslisten und Datenbanken. Lidia lernte Sütterlin zu lesen, eine alte deutsche Schreibschrift, in der viele Kirchenbücher verfasst waren. Sie arbeitete mit der Gesellschaft „Taurien“ zusammen, beschäftigte sich mit Materialien zu den deutschen Siedlungen auf der Krim und rekonstruierte nach und nach beide Familienlinien bis ins 17. Jahrhundert. „Viele Informationen findet man auf Seiten wie MyHeritage, Ancestry, Geni und anderen. Aber nicht allem im Internet kann man vertrauen. Wichtig ist, die Originalquellen zu finden. Diese Arbeit kann einen völlig in ihren Bann ziehen, kostet aber auch viel Zeit und Geld. Ich möchte alles systematisieren, ordentlich aufbereiten und mit anderen teilen. Denn kein Baum wächst ohne Wurzeln. Genauso sollte auch ein Mensch seine eigene Geschichte kennen.“ Fehler erschweren die Suche Die Geschichte von Ljudmila Malko begann mit der Suche nach verschollenen Verwandten väterlicherseits. In der Familie wusste man, dass ihr Großvater schon früh Waise geworden war. Über seine Eltern war jedoch fast nichts bekannt. Erschwert wurde die Suche dadurch, dass der Familienname in den Dokumenten falsch eingetragen worden war. Statt der ursprünglichen Schreibweise setzte sich schließlich die Form Malko durch. „Als mein Vater in Kasachstan seinen Pass bekam, wurde sein Familienname falsch eingetragen. Geburtsurkunden gab es nicht. Auf eine Anfrage auf der Krim hieß es, alles sei verbrannt. Mein Vater achtete damals nicht auf die Schreibweise, und so blieb bei uns der Familienname Malko.“ Ljudmila begann nach ähnlichen Varianten zu suchen: Molko, Molke, Malke. Auf diese Weise fand sie Verwandte in Deutschland. Später halfen DNA-Tests dabei, die verwandtschaftlichen Beziehungen zu bestätigen. Dabei stellte sich heraus, dass die Familienlinie, die man für eine von der Krim stammende Linie gehalten hatte, auch Verbindungen ins Wolgagebiet und zu noch älteren europäischen Wurzeln aufwies. „Einen DNA-Test kann ich nur empfehlen. Dadurch bekam ich Informationen über die Vorfahren meiner Großmutter. Ich fand die Namen ihres Großvaters und ihrer Großmutter und konnte die Familiengeschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen.“ Eine wichtige Rolle bei ihrer Suche spielte Lidia Molke. Sie half Ljudmila dabei, Archivdokumente, Bücher und familiäre Zusammenhänge zu erschließen. „Lidia bezog mich in die Transkription und Digitalisierung der Matriken ein. So begann unsere gemeinsame Arbeit. 2016 transkribierten wir Kirchenbücher von der Krim, 2021 beschäftigten wir uns intensiv mit den ‚Taurischen Matriken‘, und zuletzt arbeiteten wir mit Archivmaterial aus Qostanai.“ Nicht nur Dokumente erfassen, sondern Erinnerung wieder lebendig machen Auch für Natalia Freudenberg ist die Arbeit mit historischen Dokumenten eng mit der Erinnerung ihrer eigenen Familie verbunden. Sie ist Nachfahrin deutscher Kolonisten, die 1823 in das Russische Reich kamen. Seit ihrer Kindheit hörte sie Geschichten über die Deportation von 1941, über auseinandergerissene Familien und über Verwandte, die schließlich in Kasachstan, Deutschland, Polen und den USA lebten. „Schon als Kind hat mich die Geschichte meiner Familie fasziniert. Die Erinnerungen an die Deportation von 1941 waren damals noch sehr lebendig, ebenso die Geschichten darüber, wie Familien auseinandergerissen wurden. Meine Urgroßmutter sprach nur gebrochen Russisch, mit ihren Kindern aber Deutsch. Ihre Erzählungen haben in mir ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit zu meiner Kultur und zu meinen Wurzeln hinterlassen.“ „Meine ehrenamtliche Arbeit besteht nicht einfach darin, Dokumente abzuschreiben. Es geht darum, Erinnerung zurückzugeben. Die Leitung dieser Projekte hat mir unschätzbare Erfahrungen vermittelt und mir gezeigt, wie wichtig es ist, Daten systematisch zu erfassen und auszuwerten, damit Geschichte nicht verloren geht.“ Eine besondere Rolle spielen für Natalia die internationalen Netzwerke Taurien e. V. und Planer Kolonien. Dort tauschen Nachkommen deutscher Kolonisten aus verschiedenen Ländern Dokumente, Informationen und Familiengeschichten aus. „Dank dieser Gemeinschaften ist es mir gelungen, Familien wieder zusammenzuführen, deren Spuren sich 1941 verloren hatten. Wir, die Nachkommen in vierter Generation, haben einander gefunden und bringen gemeinsam die Geschichte unserer Familien und unseres Volkes wieder ans Licht.“ Veronika Kolesnikowa Поделиться ссылкой: