Ein Fahrer aus Nowoselskoje über die Generation ethnischer Deutscher, deren Schicksale untrennbar mit Kasachstan verbunden sind

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Jurij Depperschmidt wurde im Dorf Nowoselskoje im Gebiet Aqmola geboren und ist dort aufgewachsen. Hier verging der größte Teil seines Lebens – von der Schulbank bis zur Arbeitsrente. Das Leben auf dem Land verlangte die Mitarbeit jedes Bewohners, daher arbeitete er bereits in seinen Jugendjahren während der Ernte auf dem Mähdrescher.

1981 wurde Jurij in die Reihen der Sowjetarmee eingezogen. Er diente in der Region Chabarowsk, wo er am Bau der Baikal-Amur-Magistrale (BAM) beteiligt war. Nach der Demobilisierung 1983 kehrte er in sein Heimatdorf zurück und arbeitete als Fahrer. 1984 gründete er eine Familie, das Ehepaar bekam zwei Kinder. Das Schicksal brachte schwere Prüfungen. Der Sohn starb, die Tochter zog später nach Russland. Trotzdem blieb Jurij Depperschmidt in Nowoselskoje. Im Oktober 2025 ging er in den Ruhestand, arbeitet jedoch weiterhin als Fahrer beim Akimat des Dorfes.

„Ich bin hier geboren, hier ist mein ganzes Leben vergangen. Selbst als viele wegzogen, bin ich geblieben. Kasachstan ist meine Heimat“, sagt Jurij Depperschmidt.

Einen besonderen Platz in seiner Biografie nimmt die Geschichte der Eltern ein, die eng mit der Erschließung von Neuland und den tragischen Seiten der Wolgadeutschen verbunden ist.

Der Vater, Alexander Depperschmidt, wurde 1934 im Gebiet Saratow geboren. 1941 wurde seine Familie in das Gebiet Nowosibirsk deportiert. Die Kindheit verlief unter den Bedingungen von Sondersiedlungen. 1947 brachte man die Familie in den Rajon Esil des Gebiets Aqmola. Später studierte Alexander Depperschmidt am Atbasarer Technikum für Mechanisierung der Landwirtschaft im Gebiet Aqmola, das Fachkräfte in einem beschleunigten Programm für die Neulandgebiete ausbildete.

Die Mutter, Galina Dawydowa, stammte aus dem Gebiet Tscheljabinsk. 1954 kam auch sie auf Zuweisung zur Neulanderschließung nach Kasachstan und trat in das Atbasarer Technikum ein, wo sie ihren zukünftigen Ehemann kennenlernte. Nach dem Abschluss wurden die jungen Fachkräfte in das Dorf Nowoselskoje entsandt, wo ihr Arbeits- und Familienleben begann.

Der Vater von Jurij Depperschmidt arbeitete als Mechanisator, als Leiter der Maschinen-Traktoren-Werkstatt, in der er die Arbeit der Feldbaubrigade überwachte, und war zudem Vorsitzender des Dorfrats. Eine Zeit lang unterrichtete er in der Schule Maschinenkunde und bekleidete die Position des Chefenergetikers des Sowchos. Für seine Arbeit wurde er mit einem Orden und Ehrenabzeichen ausgezeichnet. Die Mutter arbeitete als Normiererin in der Maschinen-Traktoren-Werkstatt.

Tiefe Spuren im Familiengedächtnis hinterließen auch Vertreter der älteren Generation der Familie Depperschmidt. Der Großvater, Nikolaj Depperschmidt, arbeitete bis zum Großen Vaterländischen Krieg als Buchhalter. In Kriegszeiten war er in der Arbeitsarmee, und nach seiner Rückkehr arbeitete er an der Maschinen-Traktoren-Station von Krassiven bis zu seinem Tod im Jahr 1953. Die Mutter von Nikolaj Depperschmidt, Julija, durchlief ebenfalls die Arbeitsarmee und konnte sich erst 1955 wieder mit der Familie vereinen, als sie nach Nowoselskoje zog.

Die Familie war lange Zeit getrennt, was zu schwierigen Familienumständen führte. Dennoch wurden die Verwandtschaftsbeziehungen stets aufrechterhalten. In Nowoselskoje lebte auch die Tante von Jurij Depperschmidt – Marija, die Deutschlehrerin war.

„Die deutsche Sprache wurde in unserer Familie kaum verwendet, meine Mutter war Russin. Aber die Tante sprach immer mit uns auf Deutsch. Ihre Schüler erinnern sich bis heute daran, dass sie streng, aber gerecht war“, erzählt er.

In der Familie Depperschmidt bewahrt man auch Erinnerungen an menschliche Solidarität in den schweren Nachkriegsjahren. So nahm 1948 eine kasachische Familie in einem der Dörfer Verwandte von Jurij Depperschmidt auf und rettete sie vor dem Hungertod.

„An diesen Fall erinnert man sich bei uns bis heute. Die Menschen teilten das Letzte, um zu helfen“, betont er.

Nach den Worten Jurijs verbinden sich in seinem Leben deutsche, kasachische und russische Traditionen auf natürliche Weise. In der Familie feiert man deutsches Weihnachten und Ostern und kocht Gerichte verschiedener Völker – von Pelmeni bis Beschbarmak.

„In unserer Familie haben sich Feiertage, Küche und Familientraditionen verschiedener Völker verflochten. Kasachstan ist multinational, und das spürt man im Alltag“, sagt Jurij.

Auch wenn viele seiner Verwandten nach Deutschland gezogen sind, besteht der Kontakt zu ihnen weiterhin. Jurij selbst plant nicht, Kasachstan zu verlassen.

„Als die massenhafte Abreise der Deutschen begann, habe ich auch darüber nachgedacht. Aber nach einem Gespräch mit meinem Onkel habe ich verstanden: Mein Platz ist hier“, unterstreicht er.

Heute entwickelt sich das Dorf Nowoselskoje weiter: Neue Infrastruktur wird gebaut, und die Dorfbewohner beteiligen sich aktiv am gesellschaftlichen Leben.

„Ich möchte allen Frieden und Wohlstand wünschen. Das Wichtigste ist, dass alle Menschen in Eintracht leben“, sagte Jurij Depperschmidt zum Abschluss des Interviews.

Danijar Sadwakassow

Übersetzung: Anton Genza

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