Sprache und Dialekte: Wie unsere Vorfahren sprachen

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Die Geschichte der Russlanddeutschen ist nicht nur eine Geschichte von Umsiedlungen und Schicksalen, sondern auch eine Geschichte der Sprache. Die ersten deutschen Kolonisten, die im 18.–19. Jahrhundert nach Russland kamen, sprachen bei Weitem nicht nur ein „einheitliches“ Deutsch. Im Gegenteil: Sie brachten ein reiches Mosaik an Dialekten mit, was sich durch den Charakter der Umsiedlung selbst erklärt: Sie erfolgte in Wellen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands und deutschsprachiger Gebiete, in denen sprachliche Vielfalt als Normalität galt.

Auf Erlass der Kaiserin Katharina der Großen wurden die Siedler kompakt angesiedelt und in der Regel nach konfessionellem Prinzip. Das begünstigte die Bewahrung der Dialekte: Die Deutschen an der Wolga sprachen in einer Mundart, die Deutschen in der Ukraine in einer anderen, die Deutschen in Transkaukasien in einer dritten. Mehr noch: Bei Begegnungen verstanden sich Menschen aus verschiedenen Kolonien nicht selten nur schwer – so stark unterschieden sich ihre Dialekte.

Ein scharfer Einschnitt kam am 28. August 1941. Die massenhafte Deportation der deutschen Bevölkerung durch die sowjetische Führung berücksichtigte weder sprachliche noch kulturelle Unterschiede. Deutsche aus unterschiedlichen Regionen fanden sich gemeinsam wieder – im Hohen Norden, im Ural, in Kasachstan. Genau von diesem tragischen Moment an begann der Prozess der allmählichen Verwischung der Dialekte. Die Zahl ihrer Sprecher nahm stetig ab, und die deutsche Sprache wurde immer stärker verdrängt, insbesondere unter der Jugend.

Verschärft wurde die Situation auch durch die massenhafte Ausreise der Russlanddeutschen nach Deutschland Ende des 20. Jahrhunderts. Einige Dialekte verschwanden vollständig, ohne dass sie noch dokumentiert werden konnten. Heute können darüber ausführlich allenfalls Linguisten berichten – Fachleute, die erhaltene Aufzeichnungen, Erinnerungen und seltene Zeugnisse lebendiger Sprache auswerten.

Doch Sprache ist nicht nur ein Objekt wissenschaftlicher Forschung, sondern auch Teil der Familienerinnerung. Bei Treffen und Gesprächen in Klubs und Kulturzentren erinnern sich viele Teilnehmende mit Überraschung und Wärme an einzelne Wörter und Wendungen aus der Mundart ihrer Eltern, Großmütter und Großväter. Diese Sprachfragmente wecken nostalgische Gefühle und führen zurück in die Kindheit, nach Hause und in eine verlorene Sprachumgebung.

Indem wir uns an die Dialekte unserer Vorfahren erinnern, bewahren wir nicht nur Worte, sondern auch eine lebendige Verbindung zwischen den Generationen. Und vielleicht hören wir, wenn wir den Erzählungen der Linguisten und den Stimmen der Älteren zuhören, erneut die Echos jener Sprache, in der unsere Familien einst gesprochen haben.

Александр Гибнер

Übersetzung: Anton Genza

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