Natascha Dubs: „Theater als Raum, in dem die Jugend Flügel bekommt“ Zurück Veröffentlicht in Februar 28, 2026März 10, 2026 Die Chefregisseurin und künstlerische Leiterin des Republikanischen Akademischen Deutschen Dramatischen Theaters, Natascha Dubs, über die dreißigjährige Partnerschaft mit dem Verband der deutschen Jugend, über die Sprache als Grundlage kultureller Identität und darüber, warum die Bühne für junge ethnische Deutsche zu einem Ort innerer Entdeckung und Selbstvertrauens wird. – Natascha, erzählen Sie, wie die Zusammenarbeit mit dem Verband der deutschen Jugend begann und wie sie sich im Laufe dieser Jahre entwickelt hat? – Wenn man über die Ursprünge spricht, hat wohl alles schon 1992 begonnen, als an der Kasachischen Nationalen Akademie der Künste, benannt nach T. K. Schurgenow, eine Außenstelle der Theaterakademie in der Stadt Ulm (Deutschland) gegründet wurde. Das wurde für das Theater wie ein zweiter Atem: Es wurden zwei Jahrgänge aufgenommen, und es entstand ein neues kreatives Umfeld. In gewisser Weise war das bereits eine Jugendbewegung innerhalb des Theaters. Wenn ich von meiner persönlichen Erfahrung spreche: Vor etwa 25 Jahren bin ich mehrere Jahre hintereinander in deutsche Sprachlager als Mentorin gefahren. Ich habe mit den Teilnehmenden Theater gespielt, Trainings durchgeführt; wir haben mit den Jugendlichen Theaterabende gestaltet und die Sprache gemeistert. Diese Erfahrung war für mich sehr wichtig – genau dann entstand der Wunsch, mich als Theaterpädagogin zu versuchen. Man kann sagen, dass ich dank dieser Jugendinitiativen auch in diesem Bereich Fuß gefasst habe. – Worin sehen Sie den wichtigsten Wert dieser Partnerschaft? – Vor allem in der Kommunikation und im theatralen Umfeld selbst. Der Theaterraum schafft eine Atmosphäre von Vertrauen, Offenheit und dem Mut, sich selbst zu sein. Hier haben junge Menschen keine Angst, zu suchen, auszuprobieren, Fehler zu machen und zu träumen. Es ist ein Raum nicht nur der Kunst, sondern auch der Sprache. Die deutsche Sprache hört auf, ein Unterrichtsfach zu sein, und wird zu einem lebendigen Kommunikationsinstrument. Durch die gemeinsame Arbeit, durch Proben und Auftritte wächst das Vertrauen in sich – in die Fähigkeit zu sprechen, zu hören und in die Fähigkeit, auf einer anderen Sprache gehört zu werden. Und das ist meiner Meinung nach ein enormer Wert. – Welche gemeinsamen Projekte waren die bedeutendsten oder sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? – Ohne Zweifel sind das die Festivals der deutschen Kultur, an denen das Theater als Veranstalter beteiligt war. Besonders in Erinnerung geblieben ist das Theaterfestival „Deutsch auf der Bühne“, das wir gemeinsam mit dem Goethe-Institut veranstaltet haben. Teilnehmende waren Schülerinnen und Schüler sowie Studierende aus ganz Kasachstan, die Deutsch lernen. Das waren sehr aufrichtige und glückliche Momente: leuchtende Augen, unverstelltes Interesse, Begeisterung darüber, dass alles gemeinsam gelingt. Junge Menschen tauchten in einen professionellen Theaterprozess ein – arbeiteten mit dem Text, lernten, sich eine Rolle „anzueignen“, auf der Bühne im Licht der Scheinwerfer, zwischen Dekorationen und Musik zu existieren. Für viele wurde das zu einer echten inneren Entdeckung. Ich möchte auch gesondert über jene Lehrkräfte sprechen, die der deutschen Sprache treu sind, sie lebendig machen können und Kinder daran glauben lassen, dass sie fähig sind zu hören, wahrzunehmen und miteinander in einer anderen Sprache zu kommunizieren. Ist das nicht ein Wunder? Und die Kinder beginnen wirklich an sich zu glauben und in einer Sprache zu sprechen, die ihnen noch so lange zuvor fremd erschien. – Wie beeinflusst Ihrer Ansicht nach die Teilnahme an Theaterinitiativen die Entwicklung der kulturellen Identität junger ethnischer Deutscher? – Sprache ist die Grundlage. Durch sie berührt ein Mensch Literatur, Musik, Traditionen. Die von den Vorfahren gelegten Wurzeln beginnen genau durch diese Berührung zu „sprießen“. Wenn ein junger Mensch eine Rolle spielt, mit einem Text auf Deutsch arbeitet, lernt er die Sprache nicht nur – er beginnt, sie als Teil seiner selbst zu fühlen. Und in diesem Moment wird kulturelle Identität nicht mehr ein abstrakter Begriff, sondern zu einem persönlichen Erleben. – Wie wichtig ist es heute, mit der Jugend in einer modernen künstlerischen Sprache zu sprechen und zugleich Traditionen zu bewahren? – Kunst spiegelt immer ihre Zeit. Wir können moderne Tendenzen, technologische Veränderungen, einen neuen Wahrnehmungsrhythmus nicht ignorieren – sie beeinflussen Form, Ästhetik, den Dialog mit dem Publikum. Aber der Anschluss an die Gegenwart ist nur durch Tradition möglich. Junge Menschen müssen sie durch sich hindurchlassen, erleben und neu deuten. Dann entsteht ihre eigene Aussage. Es ist interessant zu beobachten, wie Jugendliche, wenn sie in den Theaterraum kommen und sich verwandeln, Theaterkostüme, Perücken anlegen, sich buchstäblich verändern – sie werden konzentrierter, tiefer, echter. – Welche neuen Formate der Zusammenarbeit würden Sie in den nächsten Jahren gern umsetzen? – Unser Theater ist sehr jung, wenn man das Durchschnittsalter der Schauspieler betrachtet. Und alle vier Jahre wird das Ensemble durch Absolventinnen und Absolventen der deutschen Gruppe der Schurgenow-Akademie ergänzt, die im Rahmen eines dualen Ausbildungssystems lernen und im Theater arbeiten. Ich würde mir wünschen, dass künftige Künstlerinnen und Künstler mehr Berührungspunkte mit dem Verband haben. Das können gemeinsame Online-Projekte, aktive Zusammenarbeit in sozialen Netzwerken, gegenseitige Information über Ereignisse, Beteiligung an der Planung von Initiativen für das kommende Jahr sein. Es ist wichtig, mehr Anlässe für gemeinsames kreatives Tun und systematische Zusammenarbeit zu schaffen. – Was möchten Sie dem Verband der deutschen Jugend zu seinem 30-jährigen Jubiläum wünschen? – Vor allem: die eigene Sache zu lieben und an ihre Notwendigkeit zu glauben. Jede Vereinigung wird dann stark, wenn es in ihr Aufrichtigkeit, Glauben und gegenseitige Unterstützung gibt. Wenn Menschen zusammen sind, helfen sie einander zu wachsen und „Flügel zu bekommen“. Möge der Verband auch weiterhin ein Raum bleiben, in dem Traditionen bewahrt, kulturelle Identität gestärkt und ein Gefühl von Selbstvertrauen in sich und in die eigene Zukunft geboren werden. Interview: Olesja Klimenko Übersetzung: Anton Genza Поделиться ссылкой: