Dem Vergessen entrissen Zurück Veröffentlicht in 10. Juni 2026 Heute musste ich an einen ungewöhnlichen Vorfall denken. Vor vielen Jahren erhielt eine berühmte Künstlerin die Nachricht von einer schrecklichen Tragödie. Als sie davon erfuhr, weinte sie nicht. Stattdessen tauchte sie langsam ihre Finger in dunkelrote Farbe und zog zwei Linien unter ihren Augen – ihre „blutigen Tränen“. So brachte ein tödlich verwundetes Herz seine tiefe Trauer zum Ausdruck. Als ich über die Jahre des stalinistischen Terrors las und nun darüber schreibe, ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich dieselbe Geste machen möchte. „Dem Vergessen entrissen“ lautete der Titel einer Museumsveranstaltung, die Mitarbeitende des Museums der Bildenden Künste in Karaganda für Vertreter des deutschen Kulturzentrums „Wiedergeburt“ organisiert hatten. Die Teilnehmenden erinnerten sich an die Deportationen in die Kasachische SSR, durch die fast eine halbe Million Wolgadeutsche ihre Heimat verloren. Die Zwangsumsiedlung und die Einberufung in die Arbeitsarmee bedeuteten für unschuldige Menschen ein Leben unter Bedingungen, die faktisch einem Lagersystem entsprachen. Unter der Aufsicht von Militärs, in einem rauen Klima, von Hunger und Entbehrungen geprägt, errichteten die Deportierten die Bergwerke des Karaganda-Kohlebeckens, Eisenbahnlinien, das Hüttenkombinat Temirtau und zahlreiche weitere Objekte des Gulag-Systems in der Republik. Erst 1955 wurde der Status der Sondersiedlung aufgehoben und den Verbannten die Rückkehr in ihre Heimatregionen gestattet. Nachdem sie über die Jahre der Repressionen gesprochen hatte, widmete sich die Museumsmitarbeiterin Aigul Omarowa insbesondere den Schicksalen deutschstämmiger Künstler, die im Karlag inhaftiert waren. Besonders bewegend waren die Lebensgeschichten von Wladimir Eifert, Irina Borchmann, Pawel Friesen, Arthur Fonvizin, Heinrich Vogeler und weiteren Künstlern. Viele ihrer Werke werden heute im Bestand des Museums der Bildenden Künste in Karaganda aufbewahrt. Den Anfang dieser beeindruckenden Reihe von Künstlerpersönlichkeiten macht Wladimir Eifert. Vor seiner Deportation bekleidete er hohe Ämter und genoss unter Kunstkennern großes Ansehen. Als Antiquitätenexperte vertrat er die Sowjetunion in Handelsvertretungen in Deutschland und Frankreich und war Direktor des Staatlichen Puschkin-Museums der Bildenden Künste in Moskau. Später wurde er gemeinsam mit anderen ethnischen Deutschen in die Kasachische SSR deportiert. In Karaganda gründete Wladimir Eifert das erste Atelier für Bildende Kunst der Stadt und bildete dort eine ganze Generation junger Künstler aus. Die Belastungen der vergangenen Jahre hinterließen jedoch Spuren. Im Juni 1960 starb er an einem Herzinfarkt. Seine Schüler bestatteten ihn auf einem Friedhof in Karaganda im Gebiet des Bergwerks Nr. 2. Ein weiteres Opfer politischer Verfolgung war Heinrich Vogeler, dem in Karaganda heute ein Denkmal gewidmet ist. Der europaweit anerkannte Künstler interessierte sich in den 1920er Jahren zunehmend für revolutionäre Ideen, trat der Kommunistischen Partei bei und emigrierte in die Sowjetunion. Unerwartet wurde er auf Anweisung des NKWD aus Moskau in das Dorf Kornejewka in der Region Karaganda verbannt. Ohne warme Kleidung, mit geringen Russischkenntnissen und ohne Erfahrung mit schwerer körperlicher Arbeit wurde er während der kalten Jahreszeit in die Arbeitsarmee eingezogen. Für Vogeler war dies ein schwerer Schlag. Seine Moskauer Rente erreichte ihn in Kornejewka nicht, und er hatte kaum Mittel zum Leben. Um sich etwas zu essen zu beschaffen, tauschte er Zeichnungen gegen Lebensmittel und zeichnete auf Papier die Steppe, Aksakale und die Menschen der Region. Die Entbehrungen überstand er nicht – Heinrich Vogeler starb im Juni 1942. Seine letzte Ruhestätte liegt auf kasachischem Boden. Die Malerin Irina Borchmann wurde vom Sonderkollegium des NKWD als „Person deutscher Nationalität“ zu zehn Jahren Lagerhaft und lebenslanger Verbannung verurteilt und nach Dolinka in der Region Karaganda geschickt, wo sich die Hauptverwaltung des Karlag befand. Dort arbeitete sie als Köchin, in einer Nähfabrik und sogar als Heizerin. Trotz der schweren Arbeit, ihres nachlassenden Sehvermögens und der fehlenden Möglichkeiten, eigene Werke zu schaffen, blieb ihre Sehnsucht nach Kunst ungebrochen. Da weder Farben noch Leinwände verfügbar waren, fertigte sie eine ihrer bekanntesten Zeichnungen mit Stöckchen und Schweineblut an und gab ihr den Titel „Ferkel Borka“. Das Werk wird heute im Karagander Museum der Bildenden Künste aufbewahrt. Außergewöhnlich war auch das Schicksal des Theatermalers Dmitri Krein, der vor seiner Verbannung Chefkünstler des Opernhauses in Odessa war. Verurteilt wurde er, weil er im Kreis von Bekannten und Kollegen gesagt hatte: „Die Panzerung deutscher Panzer ist deutlich stärker als die russischer.“ Diese unvorsichtige Bemerkung brachte ihm zehn Jahre Haft wegen „antisowjetischer Propaganda“ ein. Lagerkünstler erhielten jedoch teilweise die Erlaubnis, das Lagergelände zu verlassen. Dmitri Krein gründete eine kleine Werkstatt, in der unter anderem Sergej Demidow, Boris Tolmatschow und weitere Künstler arbeiteten. Hinzu kamen renommierte Maler wie der ausgezeichnete Künstler Russlands Rasin, der bekannte Maler Schdanowski sowie Dmitri Popow, der Sohn des Hauptrevisors des Karlag. Dmitri Popow war mein Stiefvater, und ich war seine Schülerin. Alles, was damals geschah, habe ich gewissermaßen aus erster Hand erfahren. Mein Stiefvater erzählte oft, wie Dmitri Krein einst ein Porträt von ihm anfertigte. Das Bild galt lange als verschollen, bis es mehr als fünfzig Jahre später zufällig wiedergefunden wurde. Heute wird dieses historische Werk im Museum für die Erinnerung an die Opfer politischer Repressionen in Dolinka aufbewahrt. Über die Bedeutung solcher Erinnerungsveranstaltungen sprach auch die Direktorin des Karagander Museums der Bildenden Künste, Bibigül Kudabajewa: „Diese Veranstaltung soll dazu beitragen, dass wir die schweren Jahre unserer Geschichte nicht vergessen. Sie erinnert zugleich an die Anfänge der bildenden Kunst in unserer Stadt, die eng mit den hierher in den Karlag deportierten deutschen Künstlern verbunden sind. Es freut uns sehr, dass dieses Thema auf so großes Interesse stößt. Zu unseren langjährigen Partnern gehört das deutsche Zentrum „Wiedergeburt“. Seit mehr als dreißig Jahren arbeiten wir zusammen und haben zahlreiche gemeinsame Projekte verwirklicht. Wir schätzen es sehr, dass das Zentrum immer wieder Freunde, Sprachkursteilnehmende und Studierende zu uns bringt. Diese Zusammenarbeit möchten wir auch in Zukunft fortsetzen. Besonders erfreulich war heute, dass Menschen verschiedener Generationen teilgenommen haben, darunter viele junge Leute. Sie hörten mit großem Interesse von Künstlern, die trotz aller Schicksalsschläge nicht aufgegeben haben und ihrer Berufung treu geblieben sind. Das Wichtigste aber ist, dass diese großen Meister ihr Wissen weitergegeben und damit ein bedeutendes Kapitel der Kunstgeschichte unserer Region geschaffen haben. Solche Veranstaltungen geben Hoffnung, dass sich ähnliche Tragödien niemals wiederholen werden und dass diese deutschen Künstler niemals vergessen werden.“ Nach den Worten der Museumsdirektorin möchte ich nur eines hinzufügen: Wir, die die Schrecken des Terrors nicht selbst erlebt haben, müssen aus den Tragödien anderer Menschen lernen. Erinnerung ist nicht nur Vergangenheit. Sie ist eine Kraft, die unsere junge Generation zu verantwortungsvollen Menschen führen kann. Und ich bin überzeugt: Dann wird unser Himmel immer blau sein, die Steppe grün, das Wasser klar – und niemand wird jemals wieder seine Finger in dunkelrote Farbe tauchen müssen. Ewgenija Schulz Übersetzung: Anton Genza Поделиться ссылкой: