Johannistag bei den Wolgadeutschen: Bräuche zwischen Kirche, Kräutern und Feuer

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In Balqasch tauchte man ins 19. Jahrhundert ein: in die Zeit der deutschen Dörfer an der Wolga, des harten Pflügens auf den Feldern, der strengen Gottesdienste und eines uralten heidnischen Raves. Überhaupt waren die Wolgadeutschen ausgesprochene Pragmatiker: Liebe hin oder her, die Milchleistung musste nach Plan stimmen. Doch der Reihe nach…

Ende Juni, Hitze, Hochsommer und Johannestag: eine Zeit, in der sich die fleißigen und praktischen Deutschen Erholung und Vergnügen erlaubten. Am Morgen gingen alle gemeinsam in die Kirche, danach aufs Feld, um duftendes Johanniskraut zu sammeln. Man nannte es Johanniskraut, also das Kraut des Johannes. Früher glaubte man: Bei Tagesanbruch gesammeltes Johanniskraut sei ein Heilmittel gegen einfach alles. Das Wunderkraut wurde unter Dächern, über Türen aufgehängt und sogar in Kissen eingenäht. Gegen den bösen Blick und böse Absichten, denn Ende Juni wurden die örtlichen Hexen aktiv, die davon träumten, die Milch der Nachbarskühe zu verderben und den Dorfbewohnern das Glück zu nehmen.

Wenn es dunkel wurde, begann die eindrucksvolle Feuershow. Auf den Hügeln wurden große Feuer entzündet, die Johannisfeuer. Man glaubte: Wenn ein junger Mann es geschickt anstellte, hoch sprang und sich dabei nicht die Hosen ansengte, dann würde seine Familie in diesem Jahr die beste Roggenernte haben. Außerdem machten sich in der Nacht zum Johannestag Schatzsucher auf den Weg. Dem Volksglauben nach wurde die Erde Ende Juni „durchsichtig“: Über vergrabenen Schätzen erschienen kaum sichtbare bläuliche Flämmchen. Nach den Schätzen musste man in absoluter Stille suchen.

„Das Wasser galt in dieser Nacht als heilkräftig. Mädchen liefen vor Sonnenaufgang an die Wolga oder zum nächstgelegenen Bach, um sich mit Tau zu waschen. Man glaubte, das ersetze jede moderne Anti-Falten-Creme und garantiere ewige Jugend“, erklärt Tatjana Samokhwalowa, Programmleiterin der Regionalvertretung der Gesellschaftlichen Stiftung „Vereinigung der Deutschen Kasachstans ‚Wiedergeburt‘“ in Balqasch. „Dort, am Wasser, flochten sie auch Kränze und deuteten ihr Schicksal in Liebesfragen. Das Schema war ‚standardisiert‘: Man warf den Kranz ins Wasser und beobachtete. Schwamm er davon, stand eine baldige Hochzeit bevor. Wurde er ans Ufer getrieben, musste man noch unverheiratet bleiben. Ging er unter, war das kein gutes Zeichen.“

Außerdem gab es ein strenges Tabu: Vor dem Johannestag durfte man keine frischen Äpfel essen. Überhaupt keine. Man glaubte, dass sich sonst an den Bäumen wurmige Fäulnis ausbreiten würde.

Marina Angaldt

Übersetzung: Anton Genza

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