Ikar Tir: Ein Schicksal, eingeschrieben in die Geschichte Karagandas

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Представители общества в гостях у семьи Тир

Zum 95. Geburtstag von Ikar Tir, Ingenieur, Wissenschaftler, Spezialist für Bergbautechnik und Vertreter einer Generation von Sowjetdeutschen, deren Kindheit und Jugend in die Jahre von Repression und Deportation fielen.
Geschichten beginnen manchmal mit Archivdokumenten und Publikationen in Zeitungen. Diese Geschichte aber begann mit einem Hausbesuch.

Im August, kurz vor dem 95. Geburtstag von Ikar Tir, kamen Ljudmila Galuzkaja, Organisatorin des Projekts „Soziale Arbeit“ des Deutschen Zentrums in Karaganda, und die freie Korrespondentin Gulmzhan Bertajewa, um dem Jubilar zu gratulieren.

Sie brachten Glückwünsche mit und fuhren mit dem Gefühl zurück, einem Stück Geschichte begegnet zu sein. An der Seite des Jubilars war seine Frau Eva, Philologin, Pädagogin und ein Mensch von erstaunlicher Sprachkultur und klarem Gedächtnis. Sie war es, die von Ikars Eltern erzählte, von seiner Kindheit, den Repressionen, der Deportation, dem Leben der Familie in Kasachstan und seinem späteren beruflichen Weg.

Viele Erinnerungen hatte ihr einst Dmitri Tir, Ikars Vater, selbst erzählt.

Ein Name aus einem Traum

Anfang der 1930er-Jahre waren drei junge Militärflieger, Dmitri Tir, Wladimir Sudez und Iwan Bagramjan, die beiden Letzteren spätere Marschälle der UdSSR, von der Fliegerei begeistert. Sie lasen Ziolkowski, träumten von der Zukunft und glaubten daran, dass der Mensch nicht nur den Himmel, sondern auch den Kosmos erobern werde.

Die Freunde trafen eine Abmachung: Wenn ihnen jeweils ein Sohn geboren wird, sollte er Ikar heißen. Der Name war symbolträchtig. Im antiken griechischen Mythos versucht Ikar, der Gefangenschaft zu entkommen und sich mit Flügeln in den Himmel zu erheben. Für die jungen Flieger war er ein Symbol für Freiheit, Flug und Zukunft. Am 14. August 1931 wurde dem Militärflieger Dmitri Tir ein Sohn geboren. Er bekam den Namen Ikar. Niemand konnte damals ahnen, wie weit sein Weg von diesem Traum entfernt sein würde.

Der Vater, ein Mensch des Himmels

Dmitri Tir war Militärflieger. In den 1930er-Jahren unterrichtete er an der Militärschule in Orenburg, später erhielt er eine Versetzung nach Perm. Alles änderte sich nach einer Denunziation. Dmitri wurde aus der Roten Armee und aus der Partei ausgeschlossen, verhaftet und zum Volksfeind erklärt.

2012 erzählte Ikar Tir davon bei der Präsentation des Buches der Historikerin Jekaterina Kusnezowa „Karlag OGPU-NKWD: Von Stolypin bis zum GULag“. Die damals veröffentlichten Erinnerungen sind heute von besonderem Wert: Der Sohn selbst berichtete vom Schicksal seines Vaters, von den Repressionen und davon, wie die Familie nach Kasachstan kam.

Nach seiner Freilassung war es Dmitri Tir verboten, in Großstädten zu leben. So gelangte die Familie nach Dzhambul. Der ehemalige Militärflieger arbeitete als Meister und Techniker auf einem Flugplatz. Doch bald kam das Jahr 1941.

Der Weg ins Ungewisse

Дмитрий Эдгарович и Зинаида Павловна
Дмитрий Эдгарович и Зинаида Павловна

Trotz seines Dienstes in der Luftfahrt und seiner militärischen Vergangenheit gehörte Dmitri Tir zu den deportierten Deutschen.

Eva bewahrte seine Erzählung über diesen Weg. Die Familie war etwa zwei Wochen unterwegs. Ihre Habseligkeiten wurden auf einem Karren transportiert. In Üscharal hatte niemand im Voraus Wohnraum für die Ankommenden vorbereitet. Die Familie Tir bekam einen Schuppen mit undichtem Dach.

So begann ein neues Leben, nun unter den Bedingungen der Deportation. Besonders tragisch war, dass ein Mensch, der sich der Luftfahrt verschrieben hatte, in den Kriegsjahren nicht in den Militärdienst zurückkehren konnte. Dreimal wandte sich Dmitri Tir an das Militärkommissariat, weil er wieder dienen wollte. Dreimal wurde er abgewiesen. Ein Mensch, der fliegen konnte, hatte nicht mehr das Recht, in den Himmel aufzusteigen.

Der Junge, der früh erwachsen wurde

An seiner Seite wuchs Ikar auf. Die ersten Schuljahre verbrachte er in Dzhambul und Üscharal. Später zog die Familie nach Qaratau. Dort begann mit 13 Jahren das Arbeitsleben des Jugendlichen. In der Stadt entwickelte sich der Phosphorabbau, Arbeitskräfte verschiedener Berufe wurden gebraucht. Ikar entschied sich für die Technik. Nach der Schule ging er zur Arbeit. Er absolvierte Kurse für Baggerführer, wurde Maschinistenhelfer und begann später selbstständig zu arbeiten. Doch bald traf die Familie ein neuer Schlag. Als Ikar 15 Jahre alt war, wurde sein Vater erneut verhaftet. Dmitri Tir kam ins Lager. Die Angehörigen blieben ohne Unterstützung zurück.

Ikars Mutter Sinaida wollte sich mit dem Geschehenen nicht abfinden. Sie glaubte daran, dass ihr Mann freikommen könne, und versuchte, seine Unschuld zu beweisen.

Sechs Jahre lang sahen sich Vater und Sohn nicht. Für Ikar waren es Jahre des Erwachsenwerdens, die nicht in eine unbeschwerte Jugend fielen, sondern in eine schwere Zeit der Verantwortung für die Familie. Besonders hart war das Jahr 1952. Dmitri Tir befand sich unter äußerst schweren Bedingungen im Lager. Doch eines Tages erfuhren Lagerangestellte, dass er ehemaliger Militärflieger war, und er wurde in die Garage versetzt, wo er seinem Fach entsprechend arbeiten konnte.

„Bist du Deutscher? Dann erledige es, koste es, was es wolle!“

In der Familie Tir blieb ein Satz erhalten, den Ikar sein Leben lang nicht vergaß: „Bist du Deutscher? Dann erledige es, koste es, was es wolle!“

Heute mögen diese Worte sehr hart klingen. Doch für die Generation seines Vaters lag darin eine besondere Formel des Charakters: nicht zurückweichen, nicht klagen, eine Sache zu Ende bringen. Genau so sah Ikar seinen Vater. Und vielleicht half ihm gerade diese Eigenschaft, selbst durch die Prüfungen zu gehen, die ihm auferlegt wurden.

Karaganda wurde zum Schicksal

1952 kam Ikar nach Karaganda. Hier begann ein neuer Abschnitt seines Lebens. Er trat in das Bergbautechnikum ein, das er mit Auszeichnung abschloss. Er arbeitete als Elektroschlosser und übernahm später Ingenieurstellen in den Schächten des Karagandiner Kohlebeckens. Gleichzeitig studierte er am Abendstudium des Polytechnischen Instituts.

So wurde aus dem Arbeiter nach und nach ein Ingenieur, später ein Wissenschaftler und einer jener Fachleute, die an der Entwicklung der Bergbautechnik Karagandas mitwirkten.

Fast ein Vierteljahrhundert arbeitete Ikar Tir an der Mechanisierung des Bergbaus, an der Einführung neuer Technik und an der Lösung schwieriger Produktionsaufgaben. Er arbeitete mit Forschungsinstituten zusammen, befasste sich mit der Entwicklung und Verbesserung von Bergbaumaschinen und verteidigte seine Dissertation. Seine wissenschaftliche Arbeit war eng mit der Produktion verbunden. Er war kein Fachmann am Schreibtisch: Wenn ein Problem entstand, fuhr er mit den Bergleuten in den Schacht ein und suchte vor Ort nach einer Lösung.

Darin lag die Besonderheit seines beruflichen Charakters: Technik war für ihn immer Mittel, nicht Ziel. Hinter der Maschine sah er den Menschen, seine Sicherheit und seine Arbeit.

Die Erinnerung, die die Familie bewahrt

Икар Дмитриевич и Ева Ивановна Тир
Икар Дмитриевич и Ева Ивановна Тир

Es ist unmöglich, die Geschichte von Ikar Tir zu erzählen, ohne von Eva zu sprechen. Sie heirateten 1957. Seitdem sind sie fast sieben Jahrzehnte Seite an Seite.

Eva ist Philologin und Pädagogin. In Karaganda unterrichtete sie Kinder, deren Familien ebenfalls tragische Seiten der sowjetischen Geschichte erlebt hatten. Unter ihren Schülerinnen und Schülern waren Kinder deportierter Koreaner und Inguschen sowie Kinder enteigneter Familien.

Heute bewahrt gerade sie einen bedeutenden Teil der Familienerinnerung: alte Fotografien, Briefe von Dmitri Tir. Diese Dokumente persönlicher Geschichte helfen, die Epoche nicht durch trockene Zahlen zu verstehen, sondern durch das Schicksal eines konkreten Menschen.

Im Wohnzimmer der Eheleute Tir hängen die Wände voller Fotografien. Darauf sind Eltern, Freunde, Kolleginnen und Kollegen sowie Ereignisse aus verschiedenen Jahrzehnten zu sehen. Hinter jedem Bild steht eine eigene Geschichte.

Gulmzhan Bertajewa

Übersetzung: Anton Genza

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