„Erinnerung, Dokumente, Schicksale: 85 Jahre später“ – Interview mit Julia Podoprigora Zurück Veröffentlicht in 27. August 2026 Die Geschichte der deportierten Deutschen ist nicht nur eine Geschichte von Tragödie, Verlusten und Entbehrungen. Sie ist auch die Geschichte von Menschen, die trotz schwerster Prüfungen standhielten, arbeiteten, schufen und eine sichtbare Spur in der Entwicklung Kasachstans hinterließen. Viele von ihnen wurden gewaltsam hierher ausgesiedelt, wurden mit der Zeit jedoch Teil dieses Landes, seiner Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und seines gesellschaftlichen Lebens. Ihre Schicksale sind Beispiele menschlicher Standhaftigkeit, Würde und der Fähigkeit, trotz aller Umstände etwas aufzubauen. Darüber, warum gerade diese Seite der Geschichte im Gedächtnis künftiger Generationen bewahrt werden muss, sprachen wir mit der Kandidatin der Geschichtswissenschaften Julia Podoprigora. Frau Podoprigora, in diesem Jahr jährt sich die Deportation der Deutschen nach Kasachstan zum 85. Mal. Wie hat sich aus Ihrer Sicht in diesen Jahrzehnten die wissenschaftliche und gesellschaftliche Wahrnehmung jener Ereignisse verändert? Das ist eine interessante Frage. Tatsächlich wurde in den vergangenen Jahrzehnten bereits vieles geöffnet und veröffentlicht, Dokumente und Archivmaterialien wurden in den wissenschaftlichen Umlauf eingeführt, zahlreiche Forschungen wurden durchgeführt. Dennoch bleiben erhebliche Lücken, vor allem im Zusammenhang mit den Namenslisten der Deportierten und mit Dokumenten über die gewaltsame Umsiedlung von Familien nach Kasachstan. Diese Aspekte müssen noch detailliert erforscht werden. Wir kennen die allgemeine Chronologie der Ereignisse gut: die Ankunftsdaten der Züge in Kasachstan, die Prozesse der Mobilisierung in die Arbeitsarmee, zu der die Einberufung nach der Ankunft über die Militärkommissariate erfolgte. Heute bezeichnen Forschende dies als sekundäre Deportation. Auch das System der Sondersiedlung ist erforscht: die Registrierung, die Anlage von Akten, die Struktur der persönlichen Dokumente der Sondersiedler. Doch gerade die Namenslisten bleiben ein riesiger und sehr wichtiger Arbeitsbereich. Sie sind nicht nur für historische Forschungen notwendig, sondern auch für die Familiengeschichte. Heute geht das Interesse an der Vergangenheit immer häufiger über die akademische Wissenschaft hinaus: Menschen suchen Informationen über ihre Vorfahren und versuchen, die Schicksale von Verwandten zu rekonstruieren, die Deportation und Sondersiedlung erlebt haben. Deshalb gilt den Dokumenten, die mit dem Schicksal eines konkreten Menschen und einer konkreten Familie verbunden sind, heute besondere Aufmerksamkeit. Sie müssen digitalisiert, systematisiert und in Datenbanken zusammengeführt werden. So haben wir zum Beispiel im Rahmen des Projekts „Interaktives Archiv der Deutschen Kasachstans“ auf der Webseite bereits eine Datenbank mit Listen der gewaltsam in die Kasachische SSR ausgesiedelten Deutschen erstellt. Aber das ist erst der Anfang. Es ist notwendig, Listen der Angehörigen der Arbeitsarmee, der repatriierten Deutschen und anderer Gruppen zu sammeln und zu systematisieren. Obwohl seit der Deportation 85 Jahre vergangen sind, geht die Arbeit an der Erforschung und Wiederherstellung der persönlichen Geschichte der Menschen also weiter. Wie Sie bereits sagten, öffnen sich heute immer mehr Archive, neue Dokumente und Zeugnisse kommen hinzu. Sie selbst haben auch an der Arbeit der Staatlichen Kommission zur vollständigen Rehabilitierung der Opfer politischer Repressionen teilgenommen. Welche Entdeckungen der letzten Jahre haben aus Ihrer Sicht unser Verständnis der Deportationsgeschichte am wesentlichsten ergänzt? Für mich persönlich war die Arbeit in der Staatlichen Kommission zur vollständigen Rehabilitierung der Opfer politischer Repressionen eine enorme Erfahrung, vor allem in der Arbeit mit Dokumenten, die nicht nur das Gesamtbild der Ereignisse zeigen, sondern auch das Schicksal eines konkreten Menschen. Im Zentralen Staatlichen Archiv der Republik Kasachstan sind Dokumente erhalten, anhand derer sich der Verlauf der Umsiedlung der Deutschen im Herbst 1941 und im Winter 1942 buchstäblich wochenweise nachvollziehen lässt. Die Abteilung für Sonderumsiedlung beim Rat der Volkskommissare der Kasachischen SSR registrierte die Ankunft der Züge, ihre Zahl und die Anzahl der Umgesiedelten. Diese Materialien geben eine Vorstellung vom Ausmaß des Geschehens. Viele dieser Dokumente wurden Forschenden dank der Arbeit der Staatlichen Kommission zugänglich. Besonders wichtig waren für mich jedoch die Personalakten der Sondersiedler. Durch die Geschichte einer einzigen Familie kann man die Tragödie eines ganzen Volkes sehen. In diesen Dokumenten sind Autobiografien, Anträge und Eingaben von Menschen an die Behörden erhalten geblieben. Manche baten darum, aus der Registrierung als Sondersiedler gestrichen zu werden, andere versuchten, ihre Loyalität gegenüber der Sowjetmacht zu beweisen, einige lehnten sogar ihre deutsche Nationalität ab: „Ich bin kein Deutscher, ich bin Russe …“. Und das ist eine Tragödie. Anhand der Personalakten lässt sich auch nachvollziehen, wie Menschen versuchten, wieder mit ihren Familien zusammenzukommen. Ein Teil der Familie konnte sich zum Beispiel im Gebiet Karaganda befinden, ein anderer im Gebiet Alma-Ata, und die Menschen wandten sich an die Kommandanturen mit der Bitte, ihnen ein gemeinsames Leben zu erlauben. Diese Dokumente zeigen keine abstrakte Geschichte der Deportation, sondern die Schicksale konkreter Menschen, deren gewohntes Leben, Karriere und familiäre Bindungen zerstört wurden. Deshalb rufe ich diejenigen, die wissen, dass ihre Verwandten in Kasachstan in Sondersiedlungen lebten, dazu auf, sich an das Archiv des Präsidenten der Republik Kasachstan zu wenden und Kopien der Personalakten anzufordern. Das ist eine einzigartige Quelle für die Wiederherstellung der Familiengeschichte, besonders für die Zeit von 1941 bis 1956. Ein weiterer wichtiger Dokumentenkomplex ist mit dem Herbst 1941 und dem Beginn des Jahres 1942 verbunden, also mit jener Zeit, als die umgesiedelten Familien in äußerst schwierige Verhältnisse gerieten. Die Menschen ließen an ihren früheren Wohnorten Häuser, Wirtschaften, Ernte und Vieh zurück. Vor der Aussiedlung erstellten sie Verzeichnisse ihres Eigentums, in der Hoffnung, dass ihnen der Verlust am neuen Ort ersetzt würde. In Kasachstan wurden diese Versprechen jedoch nicht eingelöst. In den Archiven sind Eingaben umgesiedelter Deutscher an die Staatsanwaltschaft der Kasachischen SSR und an den Rat der Volkskommissare der Kasachischen SSR erhalten. Sie schrieben über Hunger, fehlende Hilfe, die Unmöglichkeit, ihre Familien zu versorgen, und darüber, dass sie den Winter nicht überleben würden, wenn sich die Lage nicht ändere. Für mich sind diese Dokumente auch deshalb wichtig, weil sie zeigen: Die Menschen ertrugen das Geschehen nicht einfach still, sondern versuchten, ihre Rechte zu verteidigen und wandten sich an höhere Stellen. Besonders erschütternd sind Dokumente über Kinder. Dank der Arbeit der Staatlichen Kommission und des Archivprojekts der Gesellschaft „Wiedergeburt“ wurde ein Dokument aus dem Jahr 1943 entdeckt, in dem der Vorsitzende eines Kolchos in einer der nördlichen Regionen dem Gebietsexekutivkomitee mitteilte, dass in seinem Kolchos 51 Kinder deutscher Ethnie aufgequollen vor Hunger lagen, und darum bat, wenigstens einige Säcke Getreide bereitzustellen. Solche Zeugnisse ermöglichen einen neuen Blick auf die Geschichte der Deportation. Sie zeigen das Ausmaß der Tragödie, sprechen aber zugleich davon, dass die Menschen versuchten zu überleben, ihre Familien zu bewahren und Hilfe zu erlangen. 85 Jahre später beginnen wir erst, diese Seiten der Geschichte in vollem Umfang wiederherzustellen. Gerade deshalb ist Archivarbeit heute so wichtig. Sie ermöglicht den Übergang von der allgemeinen Statistik zu den Schicksalen konkreter Menschen und Familien: zu erfahren, woher sie deportiert wurden, wo sie in Kasachstan landeten, wie sie lebten und was mit ihnen geschah. Diese Informationen müssen bewahrt, digitalisiert und den nächsten Generationen zugänglich gemacht werden. Wenn wir nicht nur über die Tragödie sprechen, sondern auch über ihre Folgen: Warum ist es heute ebenso wichtig, vom Beitrag der deportierten Deutschen zur Entwicklung Kasachstans zu erzählen? Diese Zeit wird vor allem als tragische Periode in die Geschichte eingehen. Doch für die Deutschen Kasachstans wurden gerade die Jahre der Sondersiedlung und die folgende sowjetische Zeit bis 1991 zu einem wichtigen Teil der Herausbildung ihrer modernen Identität. In diesen Jahrzehnten entstand das Bild der Deutschen Kasachstans als fleißige, verantwortungsbewusste, organisierte und geschlossene Menschen. Auf diesem Fundament baut die heutige kulturelle und gesellschaftliche Tätigkeit der deutschen Gemeinschaft Kasachstans in vieler Hinsicht auf. Deshalb darf man die Zeit der Sondersiedlung und die folgenden Jahrzehnte weder leugnen noch verschweigen. Man muss sie erinnern und begreifen. Besonders wichtig ist es, von Menschen zu erzählen, die trotz der erlebten Prüfungen herausragende Ergebnisse erzielten und einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung Kasachstans leisteten. Unter ihnen waren gesellschaftlich Engagierte, Wissenschaftler, Agrarfachleute, Leiter von Unternehmen und Landwirtschaftsbetrieben. Viele von ihnen wurden nicht nur für die deutsche Gemeinschaft, sondern auch für die Menschen an den Orten, an denen sie lebten und arbeiteten, zu echten Autoritäten. Ein aussagekräftiges Beispiel ist Andrej Rimmer. Der 100. Geburtstag wurde im Dorf Erkenshilik im Gebiet Aqmola begangen. Die Initiative dazu ging von den Einwohnerinnen und Einwohnern vor Ort aus, die ihn bis heute als Leiter, als Menschen und als Hausherrn in Erinnerung haben, der viel zur Entwicklung des Dorfes beigetragen hat. Sein Name wurde zu einer Art Symbol Erkenshiliks. Ähnliche Beispiele gibt es auch in anderen Regionen. In Atyrau ist der Name Vladimir Gafner bis heute präsent, im Gebiet Pawlodar erinnert man sich an Jakow Gering. Solche Namen ließen sich dutzendfach nennen. Wichtig ist, dass viele von ihnen selbst die Deportation durchlebt haben: Manche kamen als Kinder nach Kasachstan, andere als Jugendliche. Sie überstanden schwerste Jahre, konnten aber ihre Würde bewahren, sich verwirklichen und dem Land nützlich sein, das für sie zur Heimat wurde. Mir scheint, gerade über diese Seite der Ereignisse sollte man heute besonders mit der jungen Generation sprechen. Die Geschichte der Deutschen Kasachstans handelt nicht nur von Tragödien und Verlusten. Sie ist auch eine Geschichte menschlicher Standhaftigkeit, der Arbeit und der Fähigkeit, trotz der Umstände zu schaffen und eine bedeutende Spur zu hinterlassen. Diese Menschen wurden tatsächlich zu Kindern Kasachstans, und ihr Beitrag ist Teil des gemeinsamen Schicksals unseres Landes. Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch. Interview: Olesja Klimenko. Поделиться ссылкой: