Deutsch in Kasachstan: Das Interesse bleibt – die Möglichkeiten wachsen Zurück Veröffentlicht in 22. November 20253. September 2026 Die Frage nach der Zukunft der deutschen Sprache in Kasachstan geht heute weit über den Stundenplan und die Anzahl der Unterrichtsstunden hinaus. Es geht um Bildungschancen, die berufliche Zukunft junger Menschen und die Entwicklung internationaler Beziehungen. Genau deshalb war die II. Internationale Sprachkonferenz „Deutsch im kasachischen Bildungssystem“, die am 21. November 2025 in Astana stattfand, eine wichtige Plattform für einen offenen Austausch darüber, welchen Platz die deutsche Sprache im modernen Bildungssystem des Landes einnehmen sollte. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Goethe-Institut Kasachstan und der Gesellschaftliche Stiftung „Wiedergeburt“ mit Unterstützung des Generalkonsulats der Bundesrepublik Deutschland in Almaty. Vertreterinnen und Vertreter von Schulen und Hochschulen, Colleges und Bildungseinrichtungen, staatlichen Institutionen und internationalen Organisationen kamen zusammen. Sie verband eine gemeinsame Frage: Wie kann das Interesse an der deutschen Sprache erhalten und zugleich für die neue Generation Kasachstans noch attraktiver gemacht werden? Die Diskussion machte deutlich: Von einem schwindenden Interesse an der deutschen Sprache kann nicht einfach die Rede sein. Für die deutsche Gemeinschaft Kasachstans besitzt das Thema Sprache eine besondere Bedeutung. Deutsch ist nicht nur Teil des kulturellen Erbes, sondern auch ein praktisches Instrument, das jungen Menschen neue Bildungs- und Berufsperspektiven eröffnen kann. „Die deutsche Sprache öffnet Türen zu einer hochwertigen europäischen Bildung, eröffnet jungen Menschen zusätzliche Möglichkeiten für Studium, akademischen Austausch und berufliche Entwicklung. Deshalb ist die Förderung der deutschen Sprache eine Investition in die Zukunft unserer Jugend“, betont Jewgeniy Bolgert, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Stiftung „Wiedergeburt“. Nach seiner Überzeugung geht es heute nicht nur darum, das bestehende Interesse an Deutsch zu bewahren, sondern auch die Voraussetzungen für seine weitere Entwicklung zu schaffen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die bevorstehende Eröffnung der Kasachisch-Deutschen Schule in Astana. Sie soll einen neuen Bildungsraum schaffen, in dem das Erlernen der deutschen Sprache mit hochwertiger Bildung und internationalen Perspektiven verbunden wird. Damit war die Konferenz weit mehr als ein fachlicher Austausch unter Bildungsexpertinnen und -experten. Im Mittelpunkt stand eine umfassendere Frage: Welche Möglichkeiten kann die deutsche Sprache der jungen Generation Kasachstans heute eröffnen – und wie können diese Möglichkeiten noch mehr Kindern und Jugendlichen zugänglich gemacht werden? Hinter den Zahlen steht das Interesse der Schülerinnen und Schüler Besonders aussagekräftig waren die Zahlen, die Alexandra Smits, Leiterin der Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH), vorstellte. Heute wird Deutsch an 46 Schulen in Kasachstan unterrichtet, 16 davon nehmen an der PASCH-Initiative teil. Im Jahr 2025 lernten insgesamt 7.112 Schülerinnen und Schüler Deutsch. Diese Zahlen sind vor allem vor dem Hintergrund der weit verbreiteten Annahme bemerkenswert, dass junge Menschen zunehmend das Interesse an der deutschen Sprache verlieren. Die Realität ist jedoch differenzierter. Interesse ist vorhanden – doch damit es erhalten bleibt, braucht es entsprechende Voraussetzungen: qualifizierte Lehrkräfte, moderne Lehrmaterialien, ausreichend Unterrichtszeit und ein klares Verständnis dafür, welche konkreten Perspektiven gute Deutschkenntnisse eröffnen können. Genau hier liegt heute eine der größten Herausforderungen. Im Zuge der Bildungsreform von 2023 wurde die Zahl der für den Deutschunterricht vorgesehenen Stunden an den Schulen reduziert. Gleichzeitig bleiben die Bildungsziele und Anforderungen an die Schülerinnen und Schüler hoch. Eine solide Beherrschung der Sprache erfordert jedoch Zeit, Kontinuität und systematisches Lernen. Hinzu kommen der Mangel an modernen Lehrmaterialien sowie der Fachkräftemangel. Besonders wichtig ist daher die Ausbildung einer neuen Generation von Lehrkräften, die Deutsch nicht nur kompetent vermitteln, sondern auch Begeisterung für die Sprache wecken können. Bildung muss mit der Zeit gehen Gulmira Kappassowa, Vertreterin der Nationalen Akademie für Bildung namens Y. Altynsarin, wies darauf hin, dass die Bildungsprogramme regelmäßig an staatliche Vorgaben und aktuelle Entwicklungen angepasst werden. Gleichzeitig seien die Möglichkeiten, die schulische Belastung der Kinder weiter zu erhöhen, naturgemäß begrenzt. Damit entsteht ein Spannungsfeld: Das Bildungssystem soll jungen Menschen immer mehr Wissen vermitteln, kann gleichzeitig aber nicht unbegrenzt zusätzliche Unterrichtsstunden schaffen. Unter diesen Bedingungen gewinnt die Frage nach der Qualität des Spracherwerbs und seinem praktischen Nutzen zunehmend an Bedeutung. Für junge Menschen sollte Deutsch nicht einfach ein weiteres Schulfach sein. Die Sprache kann vielmehr den Zugang zu internationalen Bildungsprogrammen, akademischer Mobilität, beruflichen Praktika und späteren Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnen. Genau dieser Zusammenhang wurde bei der Diskussion über die berufliche und akademische Bildung besonders deutlich. Vom Klassenzimmer in die Berufswelt Deutsch wird zunehmend zu einem Bestandteil einer Bildungslaufbahn, die in der Schule beginnt, an einem College oder einer Universität fortgesetzt wird und schließlich den Weg in die Berufswelt ebnen kann. Vertreterinnen und Vertreter der Deutsch-Kasachischen Universität, der L.-N.-Gumiljow-Eurasischen Nationaluniversität, der Süleyman-Demirel-Universität, des Höheren Colleges des Eurasischen Humanitären Instituts sowie des Almaty Elektromechanischen Colleges berichteten über ihre Erfahrungen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu. Wie Dr. Akerke Abylaikhan, stellvertretende Vorsitzende des Komitees für Hochschul- und Postgraduiertenbildung, betonte, tragen internationale Partnerschaften und akademische Mobilität dazu bei, die deutsche Sprache im kasachischen Bildungswesen weiter zu verankern. Besonders anschaulich werden die Vorteile einer solchen Zusammenarbeit dann, wenn Studierende die Möglichkeit erhalten, ihre Kenntnisse unmittelbar in der Praxis anzuwenden. Bolatschan Bosymbajew, Direktor des Almaty Elektromechanischen Colleges, berichtete über die Erfahrungen von Studierenden, die ein Praktikum in Deutschland absolviert hatten. Seinen Worten zufolge kehrten viele von ihnen mit einer deutlich veränderten Einstellung zu ihrem Beruf und zur Arbeitswelt zurück. Sie seien selbstständiger und verantwortungsbewusster geworden und hätten ein stärkeres Bewusstsein für die Qualität ihrer Arbeit entwickelt. Das ist ein Ergebnis, das sich nicht allein an Noten im Deutschunterricht messen lässt. Internationale Erfahrungen werden zu einem wichtigen Bestandteil der persönlichen und beruflichen Entwicklung junger Menschen. Deshalb geht die Diskussion über die deutsche Sprache längst über die reine Sprachvermittlung hinaus. Heute geht es auch um die Ausbildung qualifizierter und wettbewerbsfähiger Fachkräfte, die in einem internationalen Umfeld arbeiten können. Wie lässt sich die neue Generation für Deutsch begeistern? Eine weitere Herausforderung für das Bildungssystem besteht darin, die Aufmerksamkeit junger Menschen zu gewinnen und dauerhaft zu halten. Schülerinnen, Schüler und Studierende bewegen sich heute in einem globalen Informationsraum. Die Popularität von Sprachen wird dabei nicht nur durch Schule und Berufsperspektiven geprägt, sondern auch durch Musik, Filme, soziale Netzwerke und die moderne Jugendkultur. Dr. Akmarshan Nogajbajewa von der SDU-Universität verwies in diesem Zusammenhang auf das wachsende Interesse kasachischer Jugendlicher an der koreanischen Sprache, das unter anderem durch die Popularität der koreanischen Kultur beeinflusst wird. Dieses Beispiel regt dazu an, auch die Vermittlung der deutschen Sprache neu zu denken. Es reicht nicht aus, jungen Menschen lediglich ihren Nutzen zu erklären. Entscheidend ist, die lebendige Welt hinter der Sprache sichtbar zu machen – das moderne Deutschland, Bildungs- und Karrieremöglichkeiten, Kultur, Technologie, Berufe, Reisen und vor allem die Menschen. Deutsch kann der jungen Generation nicht nur als Pflichtfach, sondern als Schlüssel zu einer größeren und vielfältigeren Welt vermittelt werden. Sprache als Brücke zwischen Ländern Während der Konferenz wurde immer wieder betont, dass das Erlernen einer Fremdsprache weit mehr bedeutet als den Erwerb einer zusätzlichen Fähigkeit. Sprache schafft Raum für Begegnung und Zusammenarbeit. Über sie entstehen akademische und berufliche Kontakte, neue Möglichkeiten für Studierende und langfristige Verbindungen zwischen Institutionen und Menschen. Diese Aufgabe besitzt auch für die deutsche Gemeinschaft Kasachstans eine besondere Bedeutung. Die Pflege der deutschen Sprache, die Entwicklung von Bildungsinitiativen und die Förderung des Interesses an deutscher Kultur sind ein wichtiger Teil der Bewahrung des kulturellen Erbes. Gleichzeitig eröffnen sie neue Perspektiven für die Zusammenarbeit zwischen Kasachstan und Deutschland. Der Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Almaty, Matthias Kiesler, betonte zum Abschluss der Diskussion, dass Englisch in der heutigen Welt unverzichtbar sei. Um jedoch wirklich international zu sein, brauche es weitere Sprachen – und Deutsch gehöre zweifellos dazu. Dieser Gedanke kann zugleich als eines der wichtigsten Ergebnisse der Konferenz verstanden werden. Die deutsche Sprache hat in Kasachstan Zukunft – vorausgesetzt, dass mit dem vorhandenen Interesse auch die Möglichkeiten zum Deutschlernen weiterentwickelt werden. Schule, College, Universität, internationale Zusammenarbeit, berufliche Praxis und kulturelle Projekte können dabei zu Gliedern einer gemeinsamen Bildungskette werden. Dann wird das Erlernen der deutschen Sprache nicht zum Selbstzweck. Es wird zu einer Möglichkeit für junge Menschen, ihren Horizont zu erweitern, neue Erfahrungen zu sammeln und Teil eines größeren internationalen Raumes zu werden. Für Kasachstan bedeutet dies nicht nur die Bewahrung sprachlicher Vielfalt, sondern auch die Schaffung neuer menschlicher und beruflicher Verbindungen zwischen den beiden Ländern. Поделиться ссылкой: