Die Kraft der Güte Zurück Veröffentlicht in 2. November 20253. September 2026 Jeder von uns kann ein Träger von Güte und Mitgefühl sein, selbst wenn es manchmal scheint, als sei die Welt zu grausam geworden. Wir sollten nicht vergessen, dass gerade die einfachsten, aber aufrichtigsten Gesten das Leben eines Menschen verändern können. Die Kraft der Güte, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, hilft uns nicht nur zu überleben, sondern auch mit dem Glauben an den Menschen zu leben. – Ma-a-am, warum werden wir hier eigentlich ständig bewirtet? Warum führt man uns immer in das schönste Zimmer und gibt uns all diese leckeren Sachen? – Das ist ein nationaler Brauch. Bei den Kasachen sagt man: Ein Gast kommt von Gott. Hier würde man sogar das Letzte hergeben, um einem Reisenden Wärme und Schutz zu bieten. Weißt du, meine Tochter, so fürsorglich kann mit fremden Menschen nur jemand umgehen, der selbst einmal erfahren hat, was Hunger bedeutet. Respektiere und liebe diese Bräuche … Es muss irgendwo in den kalten Steppen gewesen sein. Ich war noch ein kleines Kind, doch durch die Erzählungen meiner Mutter begann ich, die Geschichte unserer Familie zu verstehen. Das große Mitgefühl des kasachischen Volkes gegenüber den Umsiedlern, die grenzenlose Menschlichkeit unserer Großeltern, die selbst unter schwierigsten Umständen ihre Menschlichkeit bewahren konnten – all das hinterließ Spuren in meinem kleinen Kinderherzen. Meine Eltern bewahrten alle Dokumente sorgfältig auf. Und als ich erwachsen war, studierte ich, Tatjana Zinner, diese vergilbten Seiten mit großer Sorgfalt und durchlitt jede einzelne Zeile, die ich las. Die Eltern meines Schwiegervaters, Johann Zinner und Maria Maul, lebten bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs in der Oblast Saratow. Sie arbeiteten, zogen fünf Kinder groß. Doch Anfang der 1940er-Jahre endete ihr ruhiges und geordnetes Leben plötzlich: Die ganze Familie wurde in die Umgebung von Nowosibirsk deportiert. Der Vater fand dort nur Arbeit als Fuhrmann bei einem Lebensmittelgeschäft. So schlugen sie sich langsam durch, lebten in Armut, aber in Liebe und Zusammenhalt. Doch erneut wurden sie umgesiedelt. Diesmal in das Dorf Lukino in der Oblast Tomsk. Mit einem Dampfschiff wurden sie dorthin gebracht und mit nur wenigen Habseligkeiten am Ufer abgesetzt. Irgendwie fanden sie eine Unterkunft, und die Familie entging dem Hunger durch die eigene Arbeit. Sie bauten Kartoffeln an, räucherten Wurst, verkauften Tabakwurzeln und gingen fischen. Die Kinder teilten ihren Fang mit den Kindern aus der Nachbarschaft: „Hier, nimm auch etwas, damit deine Mama eine Fischsuppe kochen kann!“ Das Teilen war selbstverständlich – schließlich ging es allen schlecht. Die Lebensmittelrationen waren damals äußerst knapp: 400 Gramm Brot pro Tag für ein Kind und 600 Gramm für einen Erwachsenen. Erst 1952 durften sie sich innerhalb der Sowjetunion wieder frei bewegen. Sie zogen in die Kasachische SSR und ließen sich in der Nähe von Ust-Kamenogorsk nieder. Zur unbeschreiblichen Freude der ganzen Familie gelang es ihnen, ein Stück Land zu kaufen und mit dem Bau eines Hauses zu beginnen. Mit verständlicher Sorge fragten sich die Eltern: Würde ihr Leben nun endlich wieder ruhig und friedlich werden? Ja, genau hier begann ihr neues Leben. Ihre ganze Liebe, ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung gaben sie an ihre Kinder weiter und erzogen sie zu anständigen, verantwortungsvollen Menschen. Der Vater meines Schwiegervaters, Johann Zinner, ist in Kasachstan begraben, seine Mutter, Maria Maul, in Deutschland. Die Eltern meiner Schwiegermutter, Theodor Frank und Maria Werner, stammten aus der Stadt Engels in der Oblast Saratow. Die Schicksale beider Familien ähneln sich auf erstaunliche Weise. Auch sie wurden 1940 mit dem Schicksal der Deportation konfrontiert. Kurz nach der Umsiedlung wurde Theodor Frank für fünf Jahre in die Arbeitsarmee eingezogen. Danach verbrachte er weitere sieben Jahre als politischer Gefangener in einem Lager. Wenn Verwandte oder Bekannte fragten, was Theodor Frank eigentlich getan habe, konnte niemand darauf eine konkrete Antwort geben. Alle wussten, dass pauschale und haltlose Anschuldigungen damals keine Seltenheit waren. Nach der Aufhebung der Beschränkungen der Bewegungsfreiheit im Jahr 1966 zogen Theodor, Maria und ihre Kinder in die Kasachische SSR, in das Dorf Predgornoje bei Ust-Kamenogorsk. Sie konnten ein kleines Haus kaufen und begannen ihr Leben von Neuem. Theodor fand Arbeit als Lastenträger am Bahnhof. In seiner Freizeit half er den Nachbarn bei Reparaturen und beim Bauen. Maria sammelte Beeren und Pilze. Manchmal verkaufte sie sie, manchmal gab sie sie einfach Bekannten weiter, um die guten nachbarschaftlichen Beziehungen zu pflegen. Die Familie genoss im Dorf großes Ansehen. Sie galten als ruhige, freundliche und fleißige Menschen. Theodor Frank ist in kasachischer Erde begraben, Maria Werner in Deutschland. Meine Familie wurde nach Kirgisien deportiert. In Viehwaggons brachte man sie an das Ufer des Issyk-Kul, zum Bahnhof Michailowka. Es ist unmöglich, all die Demütigungen und das Leid zu schildern, die sie ertragen mussten. Unterwegs starben neugeborene Zwillinge – in den Waggons gab es weder ausreichend Nahrung noch Wasser. Nachdem sich die Familie irgendwie eingerichtet und ihren Alltag notdürftig organisiert hatte, suchten die Angehörigen nach einer Möglichkeit, weiterzuziehen. Sie entschieden sich für die Stadt Frunse. Dort wurde ich in ruhigeren Zeiten geboren, wuchs auf, studierte am Polytechnischen Institut in Tomsk, heiratete einen guten deutschen Mann und emigrierte nach Deutschland. Von der schweren Vergangenheit unserer Familien führt ein feiner Faden des Mitgefühls bis in die Gegenwart. Eines Tages beschlossen wir, diese Kette der Güte weiterzuführen, und gründeten gemeinsam mit Gleichgesinnten eine kleine Initiative namens „Katzen und Hunde“, um Tierheimen zu helfen. Heute zählt unsere Gruppe mehrere hundert Mitglieder. Gemeinsam unterstützen wir Tierheime in Kasachstan. Besonders berührt hat uns die Geschichte eines kasachischen Windhundes namens Aktos. Krank und hungrig, mit einer Dartwunde im Oberschenkel, irrte er durch eine riesige Stadt auf der Suche nach der ehrenamtlichen Helferin, die ihn retten wollte und die er in seinem ganzen Leben nur ein einziges Mal gesehen hatte. Und er hat sie tatsächlich gefunden! Heute lebt Aktos in einem gut ausgestatteten Tierheim, das nach ihm benannt wurde. Von kasachischen Freunden aus dem Tierschutz erhielt ich die Kontaktdaten des Besitzers des Tierheims „Aktos“ in Karaganda. Dank unserer Unterstützung gibt es dort inzwischen einen neuen stabilen Zaun und eine moderne Videoüberwachung. Auf ähnliche Weise helfen wir auch dem Tierheim „Recht auf Leben“. Wenn wir 200 bis 300 Euro aus eigenen Mitteln aufbringen können, schicken wir das Geld nach Kasachstan. Die Tiere in Deutschland sind auf eine solche Unterstützung nicht angewiesen. Sie leben auf staatliche Kosten in speziell ausgestatteten Einrichtungen. Die Standhaftigkeit und Geduld unserer Vorfahren sind für uns zu einem Beispiel geworden. Sie haben uns gezeigt: Deine Seele ist nicht deshalb schön, weil du etwas nehmen kannst, sondern weil du etwas geben kannst. Hast du schon einmal über ein erstaunliches Detail nachgedacht? Du lebst, genießt dein Leben, bist jung und gesund. Und irgendwo gibt es jemanden, der nicht die Möglichkeit hat, sich seines Lebens zu erfreuen – ja, vielleicht nicht einmal die Möglichkeit hat, überhaupt zu leben. Das ist erschütternd, nicht wahr? Dein Verstand vollführt einen unglaublichen geistigen Salto. Irgendetwas beginnt auf der linken Seite deiner Brust, ein wenig unterhalb des Schlüsselbeins, zu pulsieren. Es lässt dich eine Nacht nicht schlafen, dann eine zweite, eine dritte. Und eines Tages, mit den ersten Strahlen der Morgensonne, erscheinen in deinem Herzen zarte Lichtreflexe der Liebe. Du hast die Aufgabe des Menschen auf dieser Erde erkannt. Du hast verstanden, dass das Leben einfachen Gesetzen folgt: Gib einem Reisenden etwas zu essen. Gib einem Obdachlosen ein Dach über dem Kopf. Bringe einem Kranken Medikamente, selbst wenn es nicht „dein“ Kranker ist. Bring einen Hund, der von einem Auto angefahren wurde, in eine Klinik. Streue dem kleinen Vogel vor deinem Fenster ein paar Körner hin und sage mit einem Lächeln: „Und schon ist die Welt ein wenig freundlicher geworden!“ Denn am Ende unseres Lebens wird das Einzige, woran wir uns erinnern werden, die Liebe sein, die wir einem anderen Menschen geschenkt haben … Jewgenija Schulz Поделиться ссылкой: