Irina Kelbler: „In der Filmindustrie entsteht ein neuer Trend“ Zurück Veröffentlicht in Januar 29, 2026Februar 26, 2026 In der Welt der Scheinwerfer und endlosen Schauspiel-Castings sucht Irina Kelbler nicht Gesicht und Stimme, sondern Präsenz und Resonanz. Die Guru-Figur des kasachstanischen Castings ist überzeugt: Echtes Talent hat nichts damit zu tun, laut schreien zu können, sondern damit, „Elektrizität“ selbst im Zustand der Ruhe auszustrahlen. Die bekannte kasachstanische Casting-Direktorin Irina Kelbler vereint verschiedene Kulturen und Schicksale in sich und weiß genau: Wahres Talent kann man nicht spielen – man muss damit leuchten, und außerdem muss man sich von der Masse abheben können. In Russland geboren und nicht der Verwandtschaft nach Deutschland gefolgt, fand Irina in Kasachstan Heimat und ein Zuhause. Genau hier, an der Schnittstelle östlicher Gastfreundschaft und westlicher Geschäftigkeit, fand sie ihre Berufung: neue Stars für die große Leinwand zu entdecken. Sie gesteht: Casting ist für sie nicht einfach die Auswahl von Typen, sondern die Suche nach dem einzigartigen Funken, der das kalte Kameraobjektiv durchdringen kann. In einer Branche, in der jeder versucht, Standards zu entsprechen, lehrt Irina Kelbler, man selbst zu sein – und macht die eigene Individualität zum wichtigsten künstlerischen Werkzeug. – Irina, was war der Impuls, der Sie dazu bewog, sich dem Casting zu widmen? “Alles begann 2007. Mich, damals noch Studentin, lud man zu verschiedenen Film-Castings ein, angefangen bei Komparsenrollen. Der entscheidende Wendepunkt kam, als Aida Mashurova mich einlud, in ihrer Casting-Firma zu arbeiten. Sie war Studentin in einem höheren Studienjahr oder im Masterstudium. Zunächst erledigte ich einzelne Aufträge, dann bat sie mich, meine Kommilitonen zur Teilnahme an einer Veranstaltung mitzubringen, also faktisch die Organisation der Komparsen zu übernehmen. Sie gab mir den Gesamtbetrag der Gage für alle Studierenden. Beim Nachzählen stellte ich fest, dass der Betrag deutlich höher war als der zustehende, und informierte sie darüber. Meine Ehrlichkeit machte auf Aida einen starken Eindruck. Sie merkte sich diesen Fall und später, als sie eine Assistentin für den Film „Räketir“ brauchte (kasachischer Spielfilm, 2007 im Kriminaldrama-Genre gedreht, Anm.d.Red.), lud sie mich zu einem Vorstellungsgespräch ein. Das war meine erste Arbeit als Casting-Assistentin unter der Leitung des Regisseurs Akan Satajew.” – Gibt es in Kasachstan profilrelevante Kurse für angehende Casting-Direktoren, oder kommt man in diesen Beruf ausschließlich über persönliche Erfahrung und Kontakte in der Filmindustrie? “Heute ist eine spezialisierte Ausbildung für Casting-Direktoren überwiegend in Moskau verfügbar und nur im Kursformat. Historisch wurde dieser Beruf nicht einzeln gelehrt: Die Funktionen der Schauspielauswahl übernahm der Regieassistent für Schauspieler. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Branche jedoch transformiert, und Casting ist zu einem eigenständigen, tiefen Arbeitsfeld geworden. Ich bilde mich regelmäßig in Moskau weiter, um aktuelle Methoden und Standards zu beherrschen. Mein wichtigstes Kapital ist enorme Erfahrung: Zu meiner Zeit eröffnete ich in Kasachstan eine Casting-Agentur. Viele unserer heutigen Topstars bekamen ihre ersten Rollen genau dank meiner Agentur…” – Wie schnell erkennen Sie, ob ein Schauspieler „das gewisse Etwas“ hat, und welche nonverbalen Signale verraten Talent? “Das ist eine feine, nonverbale Materie, die sich fast unmöglich in Worte fassen lässt. Deshalb führe ich Castings immer persönlich durch. Meine Hauptaufgabe ist es, in einem Schauspieler dieses „natürliche Licht“ zu erkennen, selbst wenn er sich gerade für eine ganz andere Rolle bewirbt. Es ist wichtig, den zukünftigen Star zu sehen und dem Menschen dabei zu helfen, sich zu öffnen. Casting ist immer Stress. Instinktiver psychologischer Selbstschutz setzt selbst bei erfahrenen Profis ein. Viele verlangen, dass ein Schauspieler sofort „ein Ergebnis liefert“ und überrascht, aber ich, da ich auf beiden Seiten der Kamera war, kenne den Wert von Komfort. Mein Prinzip: zuerst den Künstler entspannen, eine Umgebung schaffen, in der er keine Angst hat, er selbst zu sein. Nur im Zustand der Freiheit zeigt sich das wahre Potenzial, und die Arbeit läuft schneller und qualitativ besser.” – Stimmt es, dass die Branche „standardisierte Gesichter“ satt hat und den Fokus auf die Suche nach dem Unikaten richtet? “Ja, in der modernen Filmindustrie entsteht ein neuer Trend – die Nachfrage nach Eigenständigkeit. Die Ära der „sprechenden Köpfe“ mit perfektem Werbeaussehen geht zu Ende. Und wenn Südkorea noch immer die Mode auf makellose, manchmal sehr ähnliche Gesichter diktiert, wählt Kasachstan dank seiner Multikulturalität den Weg der Individualität. Heute will der Zuschauer auf der Leinwand nicht ein Hochglanzbild sehen, sondern eine Persönlichkeit. Narben, ungewöhnliche Züge, lebendige Mimik – das ist ein „Lebens-Upgrade“, das eine Figur echt macht. Wir orientieren uns sowohl am Netflix-Erlebnis als auch an der europäischen Schule, in der Natürlichkeit zählt. Die Professionalität eines Schauspielers wird jetzt nicht mehr daran gemessen, die „Schokoladenseite“ zu zeigen, sondern daran, er selbst sein zu können.” – Welche Genres haben das größte Potenzial für die Entwicklung im kasachischen Kino? “Zum Glück entfernen wir uns allmählich von der Dominanz minderwertiger Komödien. Im Theater sucht das Publikum weiterhin nach Leichtigkeit, um sich von Alltagsanspannungen abzulenken, doch die Filmindustrie ist in diesem Genre eindeutig übersättigt. Jetzt verschieben sich die Akzente in Richtung Action, Horror und komplexerer Strukturen. Ich hoffe, dass wir bald einen qualitativen Sprung bei Dramen und Melodramen sehen werden. Die Popularität türkischer und koreanischer Serien zeigt, dass das Publikum nach aufrichtigen, tiefen Geschichten dürstet, und unser Markt braucht dringend heimischen Content auf demselben hohen Niveau.” – Sind soziale Netzwerke ein effektives Instrument zur Suche nach neuen Gesichtern geworden, oder erzeugen sie unnötiges Rauschen, das die objektive Bewertung von Talenten stört? “Die Welt ist wirklich grenzenlos geworden. Noch vor ein paar Jahren schien der Auftritt unseres Schauspielers auf der Netflix-Plattform in Spanien ein einzigartiges Ereignis, und heute ist das Realität – lediglich anderthalb Monate Dreharbeiten, und du bist Teil eines weltweiten Projekts. Dank sozialer Netzwerke und der Digitalisierung sind die letzten Barrieren gefallen. Künstler finden Castings selbst, und professionelle Möglichkeiten kennen jetzt keine Grenzen: Man lädt mich immer häufiger in internationale Projekte ein – sowohl als Schauspielerin als auch als Casting-Direktorin. Heute hängt der Erfolg nur von deiner Proaktivität ab. Du kannst Selftapes fast jeden Tag aufnehmen, ohne das Haus zu verlassen, sie an Regisseure auf dem ganzen Planeten schicken und in den globalen Filmprozess eingebunden sein. Es ist die Zeit gekommen, in der dein Talent überall auf der Welt bemerkt werden kann. – Welchen Rat würden Sie einem beginnenden Schauspieler geben, der davon träumt, die Leinwände Kasachstans zu erobern? “Den Weg ins Schauspiel sollte man mit dem Lernen beginnen und sich von Illusionen befreien. Viele glauben, es sei ein leichter Spaziergang, aber in Wirklichkeit ist es einer der härtesten Berufe. Zum Beispiel ist mir gerade die Stimme weggebrochen, und in ein paar Stunden ist der Auftritt vor dem Publikum. Und in diesen Stunden muss ich das Unmögliche tun, um mir mein Arbeitsinstrument zurückzuholen.” Mit solchen Herausforderungen stoßen wir täglich auf. Ich glaube an die Formel: 1% Gottesgabe, 1% Glück und 99% enorme Arbeit. Aber wichtig ist im Hinterkopf zu bewahren: Ohne diese 99 % der Anstrengung werdet ihr einfach nicht bereit sein, euer Glück zu treffen. Ein Schauspieler muss alles können: vom Reiten bis zum Schießen, denn das Kino spiegelt das Leben, und wir wissen nie, in welcher Rolle wir morgen sein werden. Und noch ein wichtiges Detail, besonders für unsere Branche in Kasachstan: Ein Schauspieler ist heute nicht nur Talent, sondern auch sein eigener Manager. Du bist dir selbst Agent, Regisseur und Produzent. Deshalb: Bevor ihr ins Bild tretet, macht euch damit vertraut, wie diese Branche von innen funktioniert ist. – Vielen Dank für das sehr interessante Gespräch. Marina Angaldt Übersetzung: Anton Genza Поделиться ссылкой: