„Wir lernen wieder, Deutsche zu sein“: Wie die deutsche Gemeinschaft in Karaganda heute lebt

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Das Gebiet Karaganda war einst eines der wichtigsten Zentren deutschen Lebens in Kasachstan – in den Jahren der Deportationen wurden zehntausende Familien hierher umgesiedelt. Heute ist die Gemeinschaft deutlich kleiner geworden, aber nicht verschwunden. Im Gegenteil: Sie sucht nach neuen Wegen, ihre Identität zu bewahren. Darüber, wie viele Deutsche noch in der Region leben, ob die Auswanderungsprozesse abgeschlossen sind und welche Projekte heute besonders gefragt sind, sprachen wir mit der Programmverantwortlichen der Gesellschaft der Deutschen der Region Karaganda „Wiedergeburt“, Ksenia Rikkel.

– Ksenia, das Gebiet Karaganda galt historisch als eines der Zentren der deutschen Bevölkerung Kasachstans. Wie ist die Situation heute?

– Tatsächlich war Karaganda lange Zeit eines der größten Zentren, in denen Deutsche lebten. In der Sowjetzeit wurden zehntausende Menschen hierher deportiert, und die deutsche Bevölkerung stellte einen erheblichen Teil der Region. Heute ist die Zahl natürlich deutlich zurückgegangen. Nach unterschiedlichen Schätzungen leben in Karaganda und im Gebiet etwa 30.000 ethnische Deutsche – und trotz des Rückgangs ist das weiterhin eine der sichtbaren Gemeinschaften. Entscheidend ist aber etwas anderes: Die Menschen sind nicht verschwunden. Sie bewahren ihre Kultur und suchen nach neuen Formen der Selbstverortung.

– Kann man sagen, dass die Auswanderungsprozesse abgeschlossen sind?

– Die massenhafte Auswanderung der 1990er-und frühen 2000er-Jahre ist praktisch abgeschlossen. Damals sind viele Familien nach Deutschland gezogen, und das hat die Größe der Gemeinschaft natürlich stark beeinflusst. Heute hat sich die Lage verändert. Wir sehen eine Stabilisierung – einen massiven Abfluss gibt es nicht mehr. Mehr noch: Das Interesse an den eigenen Wurzeln wächst, besonders bei jungen Menschen. Viele wollen ihre Geschichte, Sprache und Kultur kennen und verstehen.

– Welche Projekte sind heute unter den Deutschen der Region besonders gefragt?

– Zu den Prioritäten unserer Gesellschaft gehören nach wie vor Sprachprogramme an erster Stelle. Die deutsche Sprache bleibt ein Schlüsselelement zur Bewahrung der nationalen Identität, und das Interesse am Lernen zeigt eine stabile positive Dynamik. Derzeit arbeiten rund 22 Lerngruppen kontinuierlich; pro Quartal lernen dort etwa 300 Personen. Eine hohe Beteiligung wird auch bei Formaten wie dem Sprachcafé und den Sommer-Sprachplätzen gefördert, die Gesprächspraxis und interkulturelle Kommunikation fördern. Besonderes Augenmerk liegt auf der Arbeit mit Kindern: In Karaganda und Schachtinsk wird seit acht Jahren erfolgreich das Projekt „Wunderkind.de“ umgesetzt, in dessen Rahmen Vorschulkinder auf zugängliche und interaktive Weise Deutsch und Kultur kennenlernen.

Ein zweites wichtiges Feld sind ethnokulturelle Initiativen: Festivals, jährliche Treffen, nationale Feiertage sowie die kontinuierliche Arbeit kreativer Gruppen. Dazu gehören auch Workshops zur traditionellen Küche und zu Handwerken sowie die Teilnahme an regionalen Kulturplattformen, auf denen der deutsche Ethnos präsentiert wird. Diese Arbeit dient nicht nur dem Erhalt und der Popularisierung des Kulturerbes, sondern auch der Wiederbelebung von Familiengeschichten, der Stärkung von Verbindungen zwischen den Generationen und dem Gefühl der Zugehörigkeit zu den eigenen Wurzeln.

Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Außenstellen der Gesellschaft in Schachtinsk, Temirtau, Saran, Aktas, Nowodolinski und Schachan, wo die ethnokulturelle Arbeit dauerhaft im Format von Kreisen stattfindet. In jeder Außenstelle werden regelmäßig Veranstaltungen organisiert, die auf die Bewahrung und Weiterentwicklung der deutschen kulturellen Identität ausgerichtet sind.

Nicht weniger gefragt sind soziale Projekte zur Unterstützung der älteren Generation. Unsere Gesellschaft verfügt über langjährige positive Erfahrungen mit dem Projekt „Seniorenklub“, das sich als wirksame Plattform für Austausch, soziale Aktivität und gegenseitige Unterstützung älterer Menschen bewährt hat. Derzeit setzen wir einen besonderen Schwerpunkt darauf, junge Menschen in diese Arbeit einzubinden – so entsteht ein lebendiger Dialog zwischen den Generationen und die Weitergabe von Lebenserfahrung und historischer Erinnerung wird gesichert. Parallel dazu wird im Rahmen des Projekts „Mobile Rehabilitation“ weiterhin gezielte Hilfe für bedürftige Mitglieder der Gesellschaft geleistet. Ergänzend wurde das neue Projekt „Klarer Geist“ gestartet: Es unterstützt die kognitive Gesundheit und soziale Aktivität älterer Menschen durch regelmäßige intellektuelle Angebote und durch Einbindung in den Austausch zwischen den Generationen.

Besondere Aufmerksamkeit gilt der Jugendarbeit, die heute die wichtigste Ressource für Entwicklung und Erneuerung der Gesellschaft ist. Der Klub der deutschen Jugend zählt mehr als 120 aktive Teilnehmende, die systematisch neue Mitglieder gewinnen – unter anderem durch Präsentationen an Schulen und Hochschulen. Die jungen Leute erhalten breite Möglichkeiten für persönliches und berufliches Wachstum: Zugang zu Bildungsprogrammen mit finanzieller Unterstützung, Teilnahme an Leadership-Initiativen, Einbindung in internationale Austauschprojekte sowie Gesprächspraxis mit Sprachassistenten aus Deutschland. Die Jugend ist auch in republikweiten Projekten aktiv; in diesem Jahr ist die Präsenzphase der Nationalen Akademie „Mach mit!“ geplant. Darüber hinaus initiieren die Mitglieder des Klubs selbst Partnerschaftsprojekte – etwa gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Reihe von Treffen mit Expertinnen und Experten, bei denen aktuelle Fragen zum Einfluss sozialer Netzwerke auf politische Einstellungen sowie die Rolle junger Menschen in Entscheidungsprozessen diskutiert werden.

Damit sind unsere jungen Leute heute ein zentraler Treiber der Entwicklung der regionalen Gesellschaft: Sie sichern die Kontinuität zwischen den Generationen und prägen neue Ansätze, um das kulturelle Erbe zu bewahren und weiterzugeben.

– Wie hat sich die Rolle der Gesellschaft „Wiedergeburt“ verändert?

– Früher, besonders in den 1990er-Jahren, wurde die Gesellschaft stark mit der Unterstützung der Aussiedlung verbunden. Heute ist diese Funktion in den Hintergrund getreten. Unsere Aufgabe ist es jetzt, Menschen zusammenzubringen und ihnen zu helfen, ihre kulturelle Identität zu bewahren und weiterzuentwickeln. Wir schaffen einen Raum, in dem man die Zugehörigkeit zur deutschen Kultur spüren kann.

– Welche Initiativen möchten Sie in den kommenden Jahren umsetzen?

– Für uns ist es wichtig, Projekte zur Bewahrung der Sprache und der historischen Erinnerung weiter auszubauen – darunter das Sammeln von Familiengeschichten und Erinnerungen, ihre Weitergabe an die Jugend sowie die Stärkung der Verbindung zwischen den Generationen. Außerdem möchten wir das Erbe unseres Ethnos auch anderen Ethnien vermitteln, damit deutsche Kultur nicht als etwas Vergangenes wahrgenommen wird, sondern als Teil des heutigen Lebens. Wir setzen auf eine aktive Einbindung junger Menschen in die Arbeit der Gesellschaft. Priorität haben Tage der offenen Tür, stärkere Verbindungen zu Klubs der deutschen Jugend im ganzen Land und der Ausbau von Partnerschaften mit Institutionen der Zivilgesellschaft. Und natürlich ist es wichtig, den interkulturellen Dialog zu entwickeln: Die Deutschen Kasachstans haben immer in einer multiethnischen Umgebung gelebt – diese Erfahrung des gegenseitigen Verständnisses ist heute besonders wertvoll.

– Wie würden Sie die Hauptaufgabe der Gesellschaft heute formulieren?

– Kultur zu bewahren reicht nicht aus. Wichtig ist, sie lebendig zu machen. Damit ein Mensch nicht nur über seine Wurzeln Bescheid weiß, sondern sie auch fühlt. Heute lernen wir im Grunde wieder, Deutsche zu sein – unter neuen Bedingungen, im modernen Kasachstan. Und das hat großen Sinn und Perspektive.

– Was kann Ihnen dabei helfen, diese Aufgabe zu lösen?

– Das Team! Vor allem Kolleginnen und Kollegen, die immer bereit sind für neue Initiativen und neue Aufgaben. Dank ihnen haben wir das bewahrt, was sich in der Region über mehr als 35 Jahre entwickelt hat – und nur mit ihrer Hilfe können wir noch mehr erreichen. Und natürlich: Unterstützung und Interesse unserer Mitglieder.
– Ksenia, vielen Dank für das inhaltlich gehaltvolle Gespräch. Viel Erfolg bei allen Vorhaben.

Олеся Клименко

Übersetzung: Anton Genza

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