Was die Erbstücke deutscher Familien im Bezirk Denissowka erzählen

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Juli 2026. Nach dem Ende der Ausstellung „Die Region Denissowka: von der Antike bis zur Gegenwart“ in Qostanai kehrten die Exponate in die Bestände des Historischen Heimatmuseums von Denissowka zurück. Die Geschichten, die sie bewahren, gehen jedoch weiter.

Während der Vorbereitungen für die Ausstellung hatte ich Gelegenheit, mit der Museumsleiterin Natalja Taran zu sprechen. Zwischen archäologischen Funden, alten Fotografien und Gemälden fielen mir besonders Gegenstände auf, die einst deutschen Familien gehört hatten. Früher waren sie Teil des Alltags, später wurden sie zu Familienerbstücken und heute sind sie Museumsobjekte.

Frau Taran, wie kamen Gegenstände zur Geschichte der Russlanddeutschen in das Museum?

Wenn von deutschen Exponaten die Rede ist, denken viele sofort an die Deportation. Doch die Geschichte der Deutschen in unserem Bezirk begann viel früher. Die ersten Siedler kamen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts während der Stolypin-Reform hierher. Sie ließen sich meist in unmittelbarer Nachbarschaft nieder und gründeten deutsche Siedlungen. Ihre Gegenstände werden heute im Museum aufbewahrt.

Den größten Teil der Sammlung übergaben Einwohner des Bezirks, bevor sie nach Deutschland auswanderten. Alles mitzunehmen war unmöglich. Deshalb brachten viele ihre Familienerbstücke ins Museum, damit sie hier erhalten blieben.

In den 1990er-Jahren gab es noch kein richtiges Museum, sondern lediglich einen Museumsraum in der Bibliothek. Schon damals sammelten wir Familienfotos, Dokumente, Alltagsgegenstände sowie Dokumente zur Deportation und Rehabilitierung . So wurden Dinge, die jahrzehntelang in Familien aufbewahrt worden waren, nach und nach Teil der Museumssammlung.

Gibt es ein Exponat, das dem Museum besonders am Herzen liegt?

Wahrscheinlich die hölzerne Wiege der Familie Wil aus Denissowka. In ihr sind mehrere Generationen derselben Familie aufgewachsen. Als die Familie wegzog, beschloss sie, die Wiege hierzulassen. Solche Gegenstände erzählen Geschichte oft besser als jedes Dokument.

Bei der Ausstellung blieben viele Besucher bei den Ausstechformen für Weihnachtsgebäck stehen. Was ist an ihnen besonders?

Auch sie gehörten der Familie Wil. Angefertigt wurden sie von Otto Wil. Die Familie kam bereits 1908 während der Stolypin-Umsiedlung aus dem Gouvernement Cherson hierher. Später übergab Nelli Bondar, Mädchenname Albrecht, die Formen dem Museum, bevor sie nach Deutschland zog.

An ihnen lässt sich gut erkennen, wie ein Fest in einem deutschen Haushalt ausgesehen haben könnte. Der Teig wurde gemeinsam in der Familie zubereitet. Es war ein sehr süßer Mürbeteig, der kaum aufging und deshalb die eingeprägten Motive gut behielt. Unter den Formen waren Engel, ein Weihnachtsstern, Tiere aus der Krippe und ein Kamel, das die Heiligen Drei Könige und ihre Gaben trug.

Das Kamel ist für uns besonders interessant. Es findet sich auch in der Symbolik des Bezirks Denissowka. Das hängt mit dem Landschaftsgebiet Tujamoinak zusammen, dessen Umrisse an Hals und Höcker eines Kamels erinnern.

Unter den Formen befindet sich auch ein Fliegenpilz, der in der deutschen Tradition als Glückssymbol gilt. Gemeinsam mit der Leiterin der Sammlungsbestände Walerija Toporkowa haben wir uns näher mit diesem Motiv beschäftigt und in einem deutschen Buch sogar ein altes Rezept für Weihnachtsgebäck gefunden.

Kam das Waffeleisen auf ähnliche Weise ins Museum?

Ja. Es wurde dem Museum von Alexander Baum übergeben. Er erzählte, dass seine Großmutter darin hausgemachte Waffeln backte, deren Geschmack er nie vergessen hat. Ihr Duft erinnert ihn bis heute an seine Kindheit.

Die Kinder bei der Ausstellung wundern sich immer darüber, dass das Waffeleisen weder Kabel noch Stecker hat. Dann müssen wir erklären, dass es direkt auf den heißen Herd gelegt wird.

Dieses Waffeleisen wurde nicht jeden Tag hervorgeholt. Es kam sonntags, zu Weihnachten, zu Ostern oder bei Familienfeiern zum Einsatz. So kann man sich gut vorstellen, wie ein Sonntag oder Feiertag in einer deutschen Familie ausgesehen haben mag.

Was erzählen die anderen Museumsobjekte?

Vor allem erzählen sie von Menschen und ihren Schicksalen. Es gibt zum Beispiel eine Fotografie mit dem Titel „Die multinationale Klasse der Schule von Ajat“ aus dem Jahr 1948. Darauf stehen Einheimische und Deportierte nebeneinander.

Außerdem gibt es Dokumente, Familienfotos und Alltagsgegenstände: ein Butterfass, eine Mandoline, eine geschnitzte Holzschatulle, einen Kalenderhalter, Bilderrahmen und eine Truhe, die gemeinsam mit ihren Besitzern 1941 die Deportation aus dem Gebiet Saratow überstanden hat.

All diese Dinge bewahren die Erinnerung an Menschen, die hier lebten, einander in den schwersten Jahren halfen, das Letzte miteinander teilten und dabei ihre menschliche Würde bewahrten.

Im Museum gibt es eine Dauerausstellung zu den Repressionen und Deportationen der 1930er- und 1940er-Jahre. Dort können all diese Gegenstände besichtigt werden.

Heute werden dem Museum nur noch selten Familienerbstücke übergeben. Doch wir sammeln weiterhin alles, was dazu beiträgt, die Erinnerung an die Menschen zu bewahren, die diese Region geprägt haben.

Margarita Bek

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