Deutsch, das die Angst vorm Sprechen nimmt

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Fast jeder, der anfängt, Deutsch zu lernen, denkt irgendwann: „Ich werde diese Sprache nie sprechen können.“ Doch oft ist nicht die komplizierte Grammatik oder die Länge mancher Wörter das größte Hindernis, sondern genau diese Angst. Nach einem Jahr Unterricht am Sprachlernzentrum (SLZ) in Astana habe ich selbst erlebt, wie viel von der Person abhängt, die vorne im Unterrichtsraum steht. Eine dieser Lehrkräfte ist Natalja Hofer.

Das Sprachlernzentrum wurde in Astana nicht als gewöhnliche Sprachschule gegründet, sondern mit einem klaren Qualitätsanspruch: Lehrprogramme und Methodik orientieren sich an den Standards des Goethe-Instituts, dessen Zertifikate viele Türen öffnen können.

Die Kursteilnehmenden kommen mit ganz unterschiedlichen Zielen ins SLZ. Manche möchten an einer deutschen Hochschule studieren, andere bereiten sich auf eine Tätigkeit in einem internationalen Unternehmen vor, wieder andere denken über einen Umzug nach Deutschland nach. Unabhängig von ihrer Motivation verbindet sie jedoch ein gemeinsames Ziel: Sie möchten lernen, sich sicher und frei auf Deutsch zu verständigen.

Doch jede Methode bleibt nur ein Werkzeug, wenn es einer Lehrkraft nicht gelingt, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Erst dann verschwindet die Angst davor, Fehler zu machen, und aus dem Unterricht wird echte Kommunikation. Genau das geschieht in den Stunden von Natalja Hofer. Deutsch wirkt dort nicht mehr wie eine Ansammlung komplizierter Regeln und langer Wörter. Selbst diejenigen, die überzeugt sind, Sprachen seien einfach nicht ihr Ding, beginnen nach und nach zu sprechen.

An meine erste Unterrichtsstunde erinnere ich mich noch sehr gut. Wie viele andere hatte ich Angst, kein einziges Wort zu verstehen und die ganze Stunde schweigend dazusitzen. Doch schon nach wenigen Minuten war klar: Hier erwartet niemand eine perfekte Aussprache oder fehlerfreie Grammatik.

Statt endlos Dialoge auswendig zu lernen, werden die Lernenden von Anfang an ins Gespräch einbezogen. Auch wenn der Wortschatz zunächst nur aus wenigen Wendungen besteht, reicht das schon aus, um sich zu verständigen. Schwierige Grammatikthemen verlieren ihren Schrecken, weil jede neue Regel unmittelbar in einer konkreten Situation angewendet wird. Fehler sorgen nicht für peinliche Momente. Sie werden in Ruhe besprochen und als selbstverständlicher Teil des Lernens behandelt.

Genau darin liegt für mich Natalja Hofers besondere Stärke: Sie hilft den Lernenden, ihre Angst zu verlieren. Dadurch haben auch die anderen aus meiner Gruppe und ich aufgehört zu schweigen und angefangen, Deutsch zu sprechen, zunächst mit Akzent, mit Pausen und manchmal stockend. Mit der Zeit wächst die Sicherheit, und mit ihr kommt auch die Fähigkeit, sich immer freier auszudrücken.

Mich interessierte, wie es einer Lehrkraft gelingt, eine Atmosphäre zu schaffen, in der selbst unsichere Lernende schon in den ersten Stunden anfangen zu sprechen. Genau das wollte ich von Natalja wissen.

Natalja, was ist Ihr wichtigstes Erfolgsrezept als Lehrerin?

Ich beginne nicht mit der Sprache, sondern mit dem Menschen. Oft entsteht die Angst nicht deshalb, weil eine Sprache tatsächlich so schwierig wäre, sondern weil jemand schon vorher überzeugt ist: „Ich schaffe das nicht.“

In der ersten Stunde geht es mir deshalb nicht darum, möglichst viele Informationen zu vermitteln. Ich möchte den Lernenden zeigen, dass sie sich bereits verständigen können. Auch mit einem sehr kleinen Wortschatz lässt sich ein Gedanke ausdrücken, wenn die innere Hemmschwelle fällt.

Ich schaffe bewusst eine Atmosphäre, in der ein Fehler kein Scheitern ist, sondern zum Lernen dazugehört. Wir warten nicht darauf, bis jemand „bereit zum Sprechen“ ist. Wir fangen einfach an zu sprechen, und genau dadurch entsteht Sicherheit.

Für mich ist eine Sprache keine Prüfung, die man bestehen muss. Sie ist eine Fähigkeit, die man im Alltag leben muss.

Was ist für Sie die größte Belohnung bei Ihrer Arbeit?

Die größte Belohnung ist für mich nicht nur ein gutes Ergebnis oder ein Zertifikat. Es ist der Moment, in dem sich die Einstellung eines Menschen zu sich selbst verändert.

Wenn jemand, der früher gesagt hat: „Ich habe kein Talent für Sprachen“, plötzlich frei seine Gedanken ausdrückt, Fragen stellt und keine Angst mehr vor Gesprächen hat, ist das für mich der größte Erfolg.

Irgendwann hört mein Schüler auf, Deutsch nur zu lernen, und beginnt, die Sprache zu leben. Dann weiß ich, dass meine Arbeit ihr Ziel erreicht hat.

Was unterscheidet das SLZ von gewöhnlichen Sprachkursen?

Der wichtigste Unterschied liegt im systematischen Aufbau und in der Orientierung an echten Kommunikationssituationen. Eine Sprache kann man nicht allein durch das Auswendiglernen von Wörtern und Regeln lernen.

Alle Fertigkeiten müssen gemeinsam entwickelt werden: Sprechen, Hören, Lesen und Schreiben. Die Standards des Goethe-Instituts geben uns dafür eine klare Struktur und sichern eine hohe Unterrichtsqualität. Innerhalb dieser Struktur bleibt aber immer Raum für die Kreativität der Lehrkraft.

Unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, die Lernenden auf eine Prüfung vorzubereiten. Wir wollen ihnen die Sicherheit geben, Deutsch auch außerhalb des Unterrichts zu benutzen: an der Universität, bei der Arbeit, auf Reisen und im Alltag.

Die deutsche Grammatik schreckt viele Anfänger ab. Wie helfen Sie ihnen, diese Angst zu überwinden?

Ich sage meinen Lernenden immer, dass Grammatik keine Sammlung komplizierter Regeln ist, sondern die Logik einer Sprache.

Wir machen Grammatik zu etwas Praktischem: Wir schaffen Situationen, führen Dialoge und lösen kommunikative Aufgaben. Statt zum Beispiel einfach nur Zeitformen auswendig zu lernen, sprechen wir über reale Ereignisse: Was ist passiert? Was hat sich verändert? Was wird als Nächstes geschehen?

Wenn eine grammatische Regel Teil einer Geschichte oder einer konkreten Situation wird, prägt sie sich viel natürlicher ein. Mir ist wichtig, dass ein Schüler nicht denkt: „Ich muss jetzt Grammatik lernen“, sondern merkt: „Damit kann ich ausdrücken, was ich sagen möchte.“

Hat sich in den vergangenen Jahren verändert, wer zu Ihnen kommt? Mit welchen Zielen lernen die Menschen heute Deutsch?

Früher kamen viele einfach mit dem Wunsch, Deutsch zu lernen. Heute steht dahinter fast immer ein konkretes Ziel und oft auch eine persönliche Geschichte.

Manche möchten an einer Universität studieren, andere Karriere machen, wieder andere träumen davon, umzuziehen und sich in einem neuen Land sicher zurechtzufinden.

Dabei fällt mir eines immer wieder auf: Die Menschen kommen nicht nur wegen der deutschen Sprache. Sie suchen auch nach neuen Möglichkeiten und nach mehr Selbstvertrauen. Für viele wird Deutsch zu einem Werkzeug, das sie ihrer persönlichen Zukunft ein Stück näherbringt.

Was würden Sie Menschen raten, die Angst davor haben, mit dem Deutschlernen anzufangen?

Hören Sie auf, Deutsch als riesigen Berg zu betrachten, den Sie sofort erklimmen müssen. Jede Sprache lernt man in kleinen Schritten.

Das größte Hindernis liegt oft gar nicht in der Sprache selbst, sondern in Gedanken wie: „Ich habe kein Talent dafür“ oder „Für mich ist es schon zu spät“.

Aber eine Sprache ist eine Fähigkeit, und jede Fähigkeit entwickelt sich durch Übung. Niemand lernt Fahrradfahren, indem er nur die Anleitung liest.

Das Wichtigste ist, anzufangen. Schon die ersten paar Sätze auf Deutsch können die eigene Einstellung zur Sprache verändern.

Übung macht den Meister, und genau das weiß man im SLZ besonders gut.

Bakhtijar Akylbaj

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