Elvira Muth: Der Schmetterlingseffekt, oder von der Arbeitsarmee zur Operndiva Zurück Veröffentlicht in 1. September 202623. September 2026 Ursprünglich hatte das Schicksal für sie das damals für sowjetische Deutsche übliche „Überlebenspaket“ vorgesehen: Deportation, Lager und schwere körperliche Arbeit. Elvira Muth hatte dazu jedoch ihre ganz eigene, äußerst verbindliche Meinung: In ihrem Lebens-Rider standen die Punkte „Bergwerk“ und „Putzfrau“ offenbar nicht auf der Liste. Während die harte Realität hartnäckig versuchte, die junge Frau im Karagandiner Lager an schwere körperliche Arbeit zu gewöhnen, begann sie zu singen, und zwar so, dass selbst die Wachposten und die Lagerleitung begriffen: Eine solche Stimme Kohle schaufeln zu lassen, wäre ein Verbrechen an der Kunst, für das Bach und Mozart im Jenseits sicher keinen Beifall spenden würden. Am Ende musste die Vorsehung Elvira Muth statt Spitzhacke und Schaufel eilig ein Mikrofon und ein Konzertkleid reichen. Kürzlich widmeten die Mitglieder des „Seniorenklubs“ in Balqasch ihr nächstes Treffen dem Andenken an diese außergewöhnliche und talentierte Sängerin. „Elvira Muth besaß nicht nur eine prachtvolle Stimme, sondern auch einen eisernen Charakter. Der Name Muth klingt wie das deutsche Wort ‚Mut‘, und Elvira wurde ihm voll und ganz gerecht: Sie wurde zur ersten sowjetdeutschen Frau, die sich kühn auf die professionelle Bühne durchsetzte“, sagte Tatjana Samokhwalowa, Programmleiterin der Regionalvertretung der Gesellschaftlichen Stiftung „Republikanische ethnokulturelle Vereinigung der Kasachstandeutschen“ in Balqasch. „Unter der aufmerksamen und herzlichen Leitung von Olga Patanina unternahmen unsere Seniorinnen und Senioren eine musikalische Spurensuche: Sie nahmen Elvira Muths Biografie genau unter die Lupe, lüfteten die Geheimnisse ihres künstlerischen Erfolgs und genossen natürlich ihre beeindruckende Stimme.“ Man muss sagen, dass das musikalische Repertoire von Elvira Muth an die Playlist eines ausgesprochen fortgeschrittenen modernen Musikliebhabers erinnerte, der keine Genregrenzen kennt. Irgendwann erfasste der Geist der Kreativität deshalb auch die Mitglieder des „Seniorenclubs“: Sie sangen ebenfalls, direkt während der Stunde. Die einen im Mezzosopran, die anderen im Bariton. Aber das Wichtigste sind ja nicht die Noten, sondern die Ausdruckskraft! Marina Angaldt Übersetzung: Anton Genza Поделиться ссылкой: