Eine Geschichte, die neu entdeckt wird Zurück Veröffentlicht in 5. Juni 20254. September 2026 Am 5. Juni 2025 fand an der Westkasachstanischen Universität M. Utemissow die Verteidigung der Masterarbeit von Anna Graf zum Thema „Der Beitrag der Deutschen zur Kultur und Wirtschaft Westkasachstans im 18.–20. Jahrhundert“ statt. Für Anna war dieser Tag der Abschluss von zwei Jahren Studium und intensiver Forschungsarbeit. Ihr Interesse an dem Thema ging jedoch weit über den Rahmen des universitären Studienprogramms hinaus. Die junge Forscherin wollte nicht einfach nur eine wissenschaftliche Arbeit verfassen. Ihr Ziel war es, die Geschichte der Deutschen in Russland und Kasachstan eingehender zu erforschen, ihre Präsenz und ihre Rolle im Leben der westlichen Regionen des Landes nachzuzeichnen und auf Grundlage der gesammelten Materialien eine eigenständige Untersuchung zu erarbeiten. Seit 2024 studierte Anna Graf im zweijährigen Präsenz-Masterstudiengang „Geschichte“ an der M. Utemissow-Universität. Die Unterrichtssprache war Russisch. Während ihres Studiums absolvierte sie erfolgreich sowohl allgemeine als auch fachspezifische Lehrveranstaltungen und widmete sich parallel dazu ihrer wissenschaftlichen Forschungsarbeit. Wissenschaftliche und methodische Unterstützung erhielt sie im Rahmen des Projekts „Unterstützung der Studenten“ des Öffentlichen Fonds „Kasachstaner Vereinigung der Deutschen ‚Wiedergeburt‘“ von Dr. Tamara P. Wolkowa, Kandidatin der Geschichtswissenschaften und Honorarprofessorin der Kasachisch-Deutschen Universität. Von Bibliotheken über Archive bis zur Feldforschung Die Untersuchung entwickelte sich auf Grundlage eines zuvor ausgearbeiteten Forschungsplans. Anna stand vor der Aufgabe, eine große Menge verstreuter Informationen zusammenzutragen und miteinander zu vergleichen, denn die Geschichte der deutschen Bevölkerung Westkasachstans ist bislang noch nicht umfassend im Rahmen einer einzigen Untersuchung dargestellt worden. Die Arbeit begann mit der Auswertung wissenschaftlicher Literatur. Die Masterstudentin recherchierte in Bibliotheksbeständen, Archiven und Museumssammlungen und arbeitete mit weiteren Quellen. Schritt für Schritt führte sie ihre Forschung jedoch über den Schreibtisch hinaus: Um zusätzliches Material zu sammeln, reiste Anna Graf nach Aktobe und in das Dorf Badamscha im Gebiet Aktöbe. Solche Reisen wurden zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Forschungsarbeit. Die Geschichte konkreter Menschen und Familien ist nicht immer ausschließlich in offiziellen Dokumenten überliefert. Manchmal finden sich wichtige Informationen in Museumsbeständen, Erinnerungen von Zeitzeugen, Materialien lokaler Heimatforscher oder sogar in den Erzählungen der Einwohner. Während ihrer Reise fotografierte Anna Denkmäler und Erinnerungsorte, die mit der Geschichte der Deutschen verbunden sind, und sammelte Informationen über sie. Insgesamt konnten sechs solcher Objekte erfasst werden. Später wurden die gesammelten Informationen unter ihrer Mitwirkung systematisiert und als Museumsexponate beschrieben. Die Materialien wurden auf der Website des Virtuellen Museums der Deutschen Kasachstans wiedergeburt.asia im Bereich „Denkmäler und Erinnerungsorte“ veröffentlicht. Damit erhielt die wissenschaftliche Arbeit auch eine praktische Fortsetzung. Die Ergebnisse der Untersuchung blieben nicht ausschließlich Bestandteil der Masterarbeit, sondern wurden zu einem Teil einer öffentlich zugänglichen Informationsressource. So können auch andere Forscher, Vertreter der deutschen Gemeinschaft und alle an der Geschichte Kasachstans Interessierten darauf zugreifen. Dort, wo die Geschichte durch die Stimmen der Menschen spricht Einen besonderen Stellenwert in der Forschungsarbeit nahm die Reise in das Dorf Badamscha ein. Hier führte Anna Graf gewissermaßen eine kleine Feldforschung durch und suchte nach Informationen über deportierte und repatriierte Deutsche. Sie sprach mit lokalen Heimatforschern und Museumsmitarbeitern, beschäftigte sich mit schriftlichen Erinnerungen ehemaliger Angehöriger der Arbeitsarmee und verglich mündliche Zeugnisse mit dokumentarischen Quellen. Eine solche Arbeit erfordert nicht nur die Aufmerksamkeit und Sorgfalt einer Forscherin, sondern auch die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Formen des historischen Gedächtnisses umzugehen. Ein offizielles Dokument kann ein Datum, einen Namen oder einen Wohnort festhalten, während Erinnerungen hinter diesen Angaben das Schicksal eines konkreten Menschen sichtbar machen. Gerade die Verbindung von Archivmaterial mit lebendigen Zeitzeugnissen macht solche Untersuchungen besonders wertvoll. Hinter den Statistiken von Umsiedlungen, Deportationen und Zwangsmobilisierung treten menschliche Schicksale hervor, die helfen, das Ausmaß der damaligen Ereignisse besser zu verstehen. Die während der Reisen gesammelten Materialien flossen später in Annas wissenschaftliche Arbeit ein. Ihre Untersuchung entstand somit nicht nur auf Grundlage bereits veröffentlichter Forschung, sondern auch durch eine eigenständige Suche nach neuen Informationen. Die ersten Ergebnisse werden vorgestellt Noch vor der Verteidigung ihrer Masterarbeit erhielt Anna Graf die Möglichkeit, ihre Forschungsergebnisse der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorzustellen. Im November 2024 hielt sie in Moskau einen Vortrag zum Thema ihrer Masterarbeit im Rahmen des kulturhistorischen Seminars „Die Deutschen Russlands in inländischen und ausländischen Modernisierungsprojekten: Familie, Ethnos und Raum“. Das Seminar wurde vom Internationalen Verband der Deutschen Kultur und dem Institut für ethnokulturelle Bildung (BiZ) als Schule für junge Forscherinnen und Forscher zur Geschichte der Deutschen organisiert. Für eine junge Wissenschaftlerin war die Teilnahme an einer solchen Veranstaltung ein wichtiger Schritt. Die Möglichkeit, Forschungsergebnisse bereits vor Abschluss des Masterstudiums vorzustellen, bietet nicht nur wertvolles fachliches Feedback, sondern ermöglicht es auch, die eigene Arbeit im Kontext eines größeren wissenschaftlichen Forschungsfeldes zu betrachten. Westkasachstan: die Geschichte von vier Regionen Die Masterarbeit von Anna Graf bietet erstmals eine umfassende Betrachtung der Geschichte der Deutschen in Westkasachstan während ihrer Ansiedlung und ihres Lebens in der Region vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Innerhalb der heutigen Verwaltungsgrenzen umfasst die Untersuchung die Gebiete Aktöbe, Atyrau, Westkasachstan und Mangystau. Diese breite geografische Perspektive ermöglichte es, die Geschichte der deutschen Bevölkerung nicht als Summe einzelner lokaler Geschichten zu betrachten, sondern als Teil eines gemeinsamen historischen Prozesses. Im Mittelpunkt von Anna Grafs Untersuchung steht der Beitrag der Deutschen zur kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung der Region. Gleichzeitig zeigt die Arbeit, dass die Präsenz der Deutschen in Westkasachstan unterschiedliche Formen annahm und sich je nach historischer Epoche veränderte. Einige Deutsche waren im Staatsdienst, im Militär oder in der Forschung tätig, andere widmeten sich dem Unternehmertum oder der Landwirtschaft. Während der Sowjetzeit veränderte sich die Situation der deutschen Bevölkerung grundlegend. Deportation und Arbeitsarmee wurden zu einer der schwersten Prüfungen und bestimmten das Schicksal Tausender Menschen. Vom Russischen Kaiserreich bis zur Sowjetzeit Die Dissertation besteht aus zwei Kapiteln, die jeweils eine bestimmte historische Epoche untersuchen. Das erste Kapitel – „Die Rolle der Deutschen in der Region Westkasachstan als Bestandteil des Russischen Kaiserreichs (18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts)“ – widmet sich den frühen Perioden der deutschen Präsenz in der Region. Untersucht werden die Beteiligung der Deutschen am Staatsdienst, an der militärisch-administrativen Verwaltung Westkasachstans sowie der Beitrag deutscher Forscher zur Erforschung der Natur, Geschichte und Kultur der Region. Besondere Aufmerksamkeit gilt deutschen Unternehmern und Bauern unter den Siedlern. Die Autorin versucht aufzuzeigen, wie sich Vertreter der deutschen Bevölkerung in das Wirtschaftsleben der Region integrierten und welche Bereiche ihrer Tätigkeit deren Entwicklung beeinflussten. Das zweite Kapitel – „Die deutsche Bevölkerung Westkasachstans in den politischen und sozioökonomischen Prozessen der Sowjetzeit (1917–1990er Jahre)“ – führt die Untersuchung in eine völlig andere historische Realität. Hier werden die Beteiligung der Deutschen an den sozioökonomischen Umgestaltungen des Sowjetstaates in den 1920er und 1930er Jahren sowie die Folgen der Deportationspolitik untersucht. Einen besonderen Platz nimmt der Arbeitsbeitrag der deutschen Bevölkerung zur Wirtschaft während der Deportationszeit und in der Arbeitsarmee ein. Gleichzeitig widmet sich die Autorin der Nachkriegszeit und zeigt die Rolle der Deutschen Kasachstans bei der weiteren sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Region. Dieser Ansatz ermöglicht es, die Geschichte der deutschen Bevölkerung nicht ausschließlich durch die tragischen Seiten des 20. Jahrhunderts zu betrachten. Deportation und Arbeitsarmee sind zweifellos ein wesentlicher Bestandteil dieser Geschichte, doch sie erschöpfen sie nicht. Deutsche waren über einen langen historischen Zeitraum hinweg an der Erschließung von Gebieten, an der Entwicklung der Landwirtschaft, Industrie, Wissenschaft, Bildung und anderer Bereiche des gesellschaftlichen Lebens beteiligt. Forschung als Beitrag zur Bewahrung der Erinnerung Von besonderem Wert ist die Verbindung wissenschaftlicher Analyse mit praktischer Arbeit zur Bewahrung des historischen Gedächtnisses. Die von Anna Graf gesammelten Materialien über Denkmäler und Erinnerungsorte sind bereits Teil des Virtuellen Museums der Deutschen Kasachstans geworden. Damit können die Ergebnisse ihrer Masterarbeit auch nach der universitären Verteidigung weiterwirken und einem breiteren Leserkreis zugänglich bleiben. Heute, da viele Zeitzeugen historischer Ereignisse bereits verstorben sind und zahlreiche Dokumente weiterhin über verschiedene Archive und Museumssammlungen verstreut sind, gewinnt eine solche Arbeit besondere Bedeutung. Jedes gefundene Dokument, jede Erinnerung und jeder dokumentierte Erinnerungsort trägt dazu bei, eine weitere Seite der Geschichte zu bewahren. Für die deutsche Gemeinschaft Kasachstans haben solche Untersuchungen noch eine weitere Bedeutung. Sie ermöglichen es der jungen Generation, die Geschichte ihrer Vorfahren nicht nur anhand allgemeiner historischer Daten und Jahreszahlen kennenzulernen, sondern auch durch konkrete Orte, Lebensgeschichten und den Beitrag einzelner Menschen zur Entwicklung des Landes. Ein erster wichtiger Schritt für eine junge Historikerin Die Verteidigung am 5. Juni war der konsequente Abschluss einer umfangreichen Arbeit. Die staatliche Prüfungskommission der M. Utemissow-Universität bewertete die Masterarbeit von Anna Graf mit der Bestnote „ausgezeichnet“. Doch vielleicht ist wichtiger als die Note selbst, dass diese Untersuchung zu einem ersten bedeutenden Schritt in der beruflichen Laufbahn der jungen Historikerin geworden ist. Die Arbeit verband universitäre Ausbildung, Archivforschung, die Auswertung wissenschaftlicher Literatur, Museumsarbeit und Feldforschung. Die Geschichte der Deutschen Westkasachstans ist noch lange nicht vollständig erforscht. In den Archiven befinden sich weiterhin Dokumente, in den Museen schlummern wenig bekannte Materialien, und im familiären Gedächtnis werden Geschichten bewahrt, die noch auf ihre Forscher warten. Die Dissertation von Anna Graf zeigt, wie wichtig es sein kann, dass sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dieser Thematik widmen. Denn die Bewahrung des historischen Gedächtnisses ist nicht nur eine Aufgabe von Archiven und professionellen Historikern. Sie bietet auch der neuen Generation die Möglichkeit, wenig bekannte Seiten der Vergangenheit selbst zu entdecken und mit der Gegenwart zu verbinden. Gerade solche Forschungsarbeiten tragen dazu bei, die Geschichte der deutschen Bevölkerung Kasachstans als Teil der gemeinsamen Geschichte des Landes sichtbar zu machen – einer komplexen, multinationalen Geschichte, die von den Lebenswegen vieler Menschen geprägt ist und deren Arbeit und Beitrag es verdienen, bekannt und in Erinnerung bewahrt zu werden. Tamara Wolkowa, Kandidatin der Geschichtswissenschaften, Honorarprofessorin der Kasachisch-Deutschen Universität Поделиться ссылкой: