Nemetski: Ein Theater, das Generationen verbindet Zurück Veröffentlicht in 3. Juni 20263. Juni 2026 Im Rahmen einer Bildungsreise nach Kasachstan besuchten Vertreter des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland (BKDR) unter der Leitung von Waldemar Eisenbraun und Dr. Olga Litzenberger das Kasachisch-Deutsche Zentrum in Astana. Einer der Höhepunkte des Besuchs war die Begegnung mit der Geschichte und Gegenwart des Deutschen Theaters Kasachstans, das im vergangenen Jahr sein Jubiläum feierte. Ein besonderes Geschenk für alle Teilnehmenden war die Anreise ehemaliger Schauspielerinnen und Schauspieler, die bis Anfang der 1990er-Jahre zum Ensemble des Theaters gehörten. Unter den Gästen waren Ida Haag, Alexander Hahn, Lilia Henze und Viktoria Gräfenstein. Für viele wurde das Treffen nicht nur zu einer Reise in die Vergangenheit, sondern auch zu einer Gelegenheit, sich erneut als Teil einer großen Theaterfamilie zu fühlen. Eine Einführung in die Arbeit der Selbstorganisation der Deutschen Kasachstans gab Margarita Belkowa, Koordinatorin für ethnokulturelle Arbeit der Gesellschaftlichen Stiftung „Vereinigung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“. Die Gäste erhielten Einblicke in zahlreiche Projekte zur Förderung der deutschen Sprache und Kultur. Besonders herzlich verlief die Begegnung der ehemaligen Ensemblemitglieder mit der heutigen künstlerischen Leiterin des Deutschen Theaters, Natascha Dubs. Schnell entwickelte sich aus dem offiziellen Gespräch ein lebendiger Dialog zwischen den Generationen. Das Theater befindet sich derzeit in einer neuen Entwicklungsphase. Wie Natascha Dubs berichtete, bildet das Haus inzwischen seinen Nachwuchs selbst aus. Dank eines Vertrags über eine duale Ausbildung mit der Kasachischen Nationalen Kunstakademie benannt nach T. Zhurgenov arbeitet das Theater eng mit Studierenden zusammen, von denen viele später Teil des Ensembles werden. „Wir bilden unsere künftigen Schauspieler selbst aus. In diesem Jahr habe ich bereits die vierte Studentengruppe aufgenommen, und heute bestehen rund 90 Prozent unseres Ensembles aus meinen Absolventinnen und Absolventen“, erklärte sie. Doch das Theater beschränkt sich nicht auf die Bühne. Einen wichtigen Schwerpunkt bildet die soziale Arbeit. Kreativwerkstätten ermöglichen es den Schauspielerinnen und Schauspielern, eigene Inszenierungen zu entwickeln. Darüber hinaus arbeitet das Theater mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen, mit Clubs für Mütter mit kinderreichen Familien sowie mit Seniorengruppen zusammen. „Wir stehen allen offen. Uns ist wichtig, dass das Theater ein Ort der Begegnung und persönlichen Entwicklung ist“, betonte Natascha Dubs. Einen besonderen Stellenwert hat die Bewahrung der historischen Erinnerung. Im Theater werden Kostüme, Plakate und Archivmaterialien aus verschiedenen Jahrzehnten sorgfältig aufbewahrt. Zu den jüngsten Projekten zählt eine Inszenierung über den Schriftsteller und gesellschaftlichen Akteur Herold Belger. Wie Natascha Dubs hervorhob, haben solche Begegnungen nicht nur kulturelle, sondern auch eine wichtige soziale und emotionale Bedeutung. „Das Projekt des Bayerischen Kulturzentrums ist für mich von großer Bedeutung. Hier entstehen Prozesse, die Erinnerungen wachrufen und die Fäden zwischen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar machen. Menschen kehren gewissermaßen zurück, entdecken sich neu und gehen in Gedanken noch einmal die Wege ihrer Kindheit. Sie setzen sich erneut mit ihrer Identität auseinander durch vertraute Orte, Erinnerungen an Häuser und Straßen, von denen viele inzwischen verschwunden sind. Für mich war diese Begegnung etwas ganz Besonderes. Ich habe auf sie gewartet und sie gewissermaßen herbeigesehnt. Vor einigen Jahren stand auf ähnliche Weise plötzlich Viktor Pretzer vor der Tür des Deutschen Theaters. Nun hat uns das Schicksal erneut eine solche Gelegenheit geschenkt. Es war ein herzliches, ehrliches und wichtiges Treffen. Ich wünsche mir, dass wir auch künftig miteinander verbunden bleiben. Zum 50-jährigen Jubiläum des Deutschen Theaters sollten wir uns wieder zusammenfinden und unserem Theater ein echtes Fest bereiten. Waldemar Eisenbraun: „Ich bin von Herzen dankbar für diese Begegnung und die Möglichkeit, erneut zu spüren, dass eine Theaterfamilie weder Entfernungen noch Zeit kennt.“ Lebendige Verbindung der Generationen Im Anschluss fand eine Podiumsdiskussion statt, an der Vertreter verschiedener Generationen der Theatergemeinschaft sowie der Gesellschaftlichen Stiftung „Vereinigung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“ teilnahmen. Über die Arbeit der Selbstorganisation der Deutschen Kasachstans berichtete Olga Stein ausführlich, die seit mehr als 30 Jahren in diesem Bereich tätig ist. Großes Interesse weckten die Erinnerungen von Alexander Hahn. Nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland ergriffen viele ehemalige Ensemblemitglieder neue Berufe und absolvierten weitere Ausbildungen. Die Jahre am Deutschen Theater blieben jedoch ein prägender Teil ihres Lebens. In seinen Erinnerungen an die Anfangszeit berichtete er, dass die Absolventinnen und Absolventen der Shepkin-Theaterschule von großen Bühnen und anspruchsvollen Inszenierungen geträumt hätten. Die Realität sei zunächst ernüchternd gewesen. „Als wir in Temirtau ankamen, fanden wir keine idealen Bedingungen vor. Das Gebäude war renovierungsbedürftig, und wir waren zunächst etwas schockiert. Aber sehr schnell wurden wir zu einer Familie“, erinnerte er sich. Trotz aller Schwierigkeiten gastierte das Ensemble in zahlreichen Städten und stand in engem Kontakt mit seinem Publikum. Die Schauspieler wurden in Familien eingeladen, bekamen Fotoalben gezeigt und hörten persönliche Lebensgeschichten. Gerade diese Nähe zum Publikum sei zu einem besonderen Merkmal des Deutschen Theaters geworden. Über die Bedeutung der Arbeit mit Jugendlichen sprach Igor Liskow, Leiter des Jugendtheaters „Diamant“ der Gesellschaft der Deutschen in Astana. Das von ihm gegründete Ensemble fördert seit mehr als 16 Jahren junge Menschen durch die Theaterarbeit. In dieser Zeit entstanden rund 30 Inszenierungen auf Russisch, Deutsch und Kasachisch. Das Repertoire umfasst historische Stücke, Werke deutscher Autorinnen und Autoren sowie soziale und Produktionen für Kinder. Einen besonderen Schwerpunkt bilden Themen zur Geschichte der Deutschen Kasachstans. „Durch das Theater lernen junge Menschen Mitgefühl, entwickeln eine eigene Stimme, verfolgen ihre Ziele und lernen Teamarbeit“, erklärte Igor Liskow. Mehr als hundert Jugendliche haben das Ensemble im Laufe der Jahre durchlaufen. Viele gingen später eigene Wege, bewahrten jedoch ihre Begeisterung für die Kunst. Einige stehen bis heute auf der Bühne. Ein weiterer Schwerpunkt des Treffens war die deutsche Sprache im Theater. Natascha Dubs erläuterte, dass das Haus in den vergangenen Jahrzehnten vor großen Herausforderungen gestanden habe. Lange Zeit musste das Ensemble auf verschiedenen Bühnen arbeiten, und das Fehlen einer eigenen technischen Infrastruktur erschwerte die Entwicklung deutschsprachiger Produktionen. Dennoch gelingt es dem Theater heute zunehmend, die deutsche Sprache wieder stärker in seine Arbeit einzubinden. Dank der Unterstützung von Partnern und internationalen Programmen entstehen regelmäßig deutschsprachige Inszenierungen, und junge Schauspielerinnen und Schauspieler erhalten die Möglichkeit, ihre Sprachkenntnisse weiterzuentwickeln. Eine der größten Herausforderungen bleibt die Gewinnung von Fachkräften für die deutsche Bühnensprache und die Sprecherziehung. Das Theater sucht weiterhin nach Möglichkeiten, entsprechende Bildungsprojekte umzusetzen. Den kulturellen Teil der Begegnung bereicherten Aufführungen verschiedener Generationen von Theatergruppen. Das Jugendtheater „Diamant“ der Gesellschaft der Deutschen in Astana unter der Leitung von Igor Liskow präsentierte das Stück „Weg des Volkes“. Die Inszenierung war so eindrucksvoll und emotional, dass viele Zuschauer ihre Tränen nicht zurückhalten konnten. Das aufrichtige Spiel der jungen Darstellerinnen und Darsteller sowie die tiefgehende Auseinandersetzung mit der historischen Erinnerung fanden großen Widerhall. Die Theatergruppe aus Temirtau gab ihrerseits eine Aufführung in deutscher Mundart. Für viele Zuschauer wurde sie zu einer Reise in die Vergangenheit und erinnerte an Sprache und kulturelle Traditionen, die über Generationen hinweg bewahrt wurden. Die Aufführung löste starke Emotionen aus und zeigte einmal mehr die wichtige Rolle des Theaters bei der Bewahrung des kulturellen Erbes und der Verbindung zwischen den Generationen. Den Abschluss bildete die Vorführung eines Films über das Deutsche Theater. Im Saal herrschte eine besondere Atmosphäre. Ehemalige Schauspieler erkannten vertraute Gesichter und Szenen wieder, junge Künstler lauschten aufmerksam den Erinnerungen ihrer älteren Kolleginnen und Kollegen, und die Gäste aus Deutschland konnten erleben, wie sorgsam Traditionen bewahrt und zugleich Zukunft gestaltet wird. An diesem Tag wurde besonders deutlich, dass die Geschichte des Deutschen Theaters weit mehr ist als die Geschichte einer Bühne. Sie ist die Geschichte von Menschen, Erinnerung, Sprache und Kultur; eine Geschichte, die durch diejenigen weiterlebt, die sie einst begründeten, und durch jene, die heute voller Zuversicht nach vorn blicken. Олеся Клименко Übersetzung: Anton Genza Поделиться ссылкой: