Recht auf Leben: Die Geschichte der Sondersiedlerin Lidia Grinke

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Lidia wurde im Gebiet Moskau geboren, und wuchs in der Nähe der Bahnstation Kraskowo, in einer internationalen Familie auf: Ihr Vater, Theodor Grinke, war Deutscher und arbeitete in einem Silikatwerk, ihre Mutter, Elisabeth Bondarewa, war Russin.

Das ruhige Leben endete im August 1941. Wegen der deutschen Herkunft des Vaters wurde die Familie in das Gebiet Schymkent in Südkasachstan deportiert. Von dort wurde Theodor nach Magnitogorsk in die Arbeitsarmee geschickt, Elisabeth kam ums Leben, und die kleine Lida geriet in das Turkestaner Kinderheim Nr. 4.

Das Leben im Kinderheim war nicht leicht, doch Lidia schloss dort erfolgreich vier Klassen ab. Danach wurde sie an die Mittelschule von Jamanchalinka versetzt. Das wurde zu einer noch größeren Prüfung: Die Klassenkameraden begegneten der Neuen mit Misstrauen, manche versuchten sogar, sie zu verletzen.

Eines Tages fasste sie auf dem Weg zur Schule den Entschluss wegzulaufen: Sie ging bis zu einem tiefen, noch nicht ausgetrockneten Aryk und versteckte sich ganz unten, damit niemand sie finden konnte. Vor Erschöpfung und Aufregung schlief sie unbemerkt direkt auf der Erde ein.

Nach einiger Zeit kehrte Theodor aus Magnitogorsk zurück, heiratete erneut und holte Lidia zu sich in sein neues Zuhause.

In der zehnten Klasse beschloss das Mädchen, für Gerechtigkeit zu sorgen. Sie verstand nicht, warum ihre Familie verbannt worden war, denn ihre Mutter war Russin, und ihr Vater sprach nicht einmal Deutsch. Heimlich schrieb Lidia einen Brief persönlich an Lawrenti Berija. Die Antwort aus Moskau ließ nicht lange auf sich warten. Direkt aus dem Unterricht wurde die Schülerin von einem Milizionär abgeholt und in die Sonderkommandantur gebracht. Ein Offizier hörte Lida an und ließ sie gehen, wobei er ihr das gefährliche Schreiben zurückgab. Zuvor gab er ihr jedoch einen Rat, den sie ihr Leben lang nicht vergaß: „Schreib nie wieder irgendwohin darüber!“

Die Schule schloss Lidia erfolgreich ab. Rechtlich blieb sie jedoch weiterhin rechtlos. In der Kommandantur wurden die Grenzen des Erlaubten klar gezogen: „Studieren dürfen Sie nur in Uralsk. Die Ausreise in andere Regionen ist verboten.“ Mit dem Beginn des Chruschtschow-Tauwetters wurde der Status der Sondersiedler für die Sowjetdeutschen aufgehoben. Lidia erhielt eine Hochschulbildung und widmete ihr Leben der Pädagogik.

Heute ist sie 92 Jahre alt. Die Regionalvertretung der Gesellschaftlichen Stiftung „Vereinigung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“ in Uralsk hat Lidia unter ihre Obhut genommen. Sozialarbeiterinnen besuchen sie regelmäßig zu Hause und schenken ihr Pflege, Unterstützung und Fürsorge.

Marina Angaldt

Übersetzung: Anton Genza

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