„Solange die Herzen schlagen, denkt daran …“ Zurück Veröffentlicht in 21. Juni 20254. September 2026 Diese Zeile aus dem Gedicht „Requiem“ von Robert Roschdestwenski stand einst als Inschrift auf dem Mahnmal „Den Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges“ in Kostanai. Auch Iwan Jaufmann leistete seinen Beitrag zur Entstehung dieses für die gesamte Stadt bedeutenden Denkmals aus Granit und Metall. In diesem Jahr wäre er 90 Jahre alt geworden. Den größten Teil seines Lebens verbrachte Iwan Pjussowitsch Jaufmann in Kasachstan. In Kostanai gründete er eine Familie, hier wurden seine beiden Söhne geboren. In dieser Steppenstadt am Fluss Tobol machte er sich als hochqualifizierter Fachmann einen Namen und hinterließ bei den Menschen eine bleibende Erinnerung. „Ich lernte Iwan Pjussowitsch 1959 kennen. Damals begannen wir, gemeinsam in einer kunsthandwerklichen Produktionswerkstatt zu arbeiten – allerdings jeder in seinem eigenen Fachgebiet: Ich als Künstler, er als Meister und Schweißer für Buntmetalle“, erzählt Nikolai Torschin, Mitglied des Künstlerverbandes der Republik Kasachstan. „Er war ein sehr intelligenter junger Mann, ruhig, sorgfältig und pedantisch. Nachlässigkeit und eine oberflächliche Einstellung zur Arbeit konnte er nicht ertragen. Ein echter Deutscher! Ordnung war ihm in allen Dingen wichtig. Und was für ein Fachmann er war! Ich würde sagen: ein Spezialist, wie man ihn nur selten findet! Einen solchen gab es in der ganzen Stadt kein zweites Mal.“ Damals wurde Iwan Pjussowitsch auch von dem talentierten Kostanai¬er Bildhauerduo Muza und Leonid Beloussow entdeckt. Die beiden erhielten den Auftrag, für den 1965 angelegten Siegespark ein Ehrenmal zu schaffen. „Muza und ich machten uns mit großer Begeisterung an den Entwurf der Soldatenfigur, die zum Mittelpunkt des Mahnmals werden sollte“, erzählte Leonid Prokopjewitsch dem Autor dieses Beitrags im Jahr 2014. „Zunächst wurde das Modell im Kleinformat aus Ton gefertigt, anschließend übertrugen wir es auf die Originalgröße. Der Soldat war mehr als sechs Meter hoch, sodass wir auf hohe Gerüste steigen mussten. Als Muza und ich erkannten, dass wir die Arbeit allein nicht rechtzeitig bewältigen würden, suchten wir einen Mann, den wir in alle Feinheiten unseres Handwerks einführen konnten. Mein Assistent und zugleich Formbauer wurde Iwan Pjussowitsch. Wir erreichten sogar, dass er zur Ausbildung nach Moskau geschickt wurde.“ Jaufmann unterstützte die Beloussows bei diesem Projekt in erheblichem Maße. Die Frist für die Fertigstellung der Skulptur war knapp bemessen. Alle drei arbeiteten unermüdlich, um bis zum 9. Mai 1968 – dem Tag der Eröffnung des Siegesparks – ihren monumentalen Soldaten aufstellen zu können. In der rechten Hand hält er eine gesenkte Maschinenpistole, in der ausgestreckten linken einen Lorbeerzweig – als Symbol für Sieg und Frieden. Und das kreative Trio schaffte es tatsächlich, die Arbeit fristgerecht fertigzustellen! Viele Jahre sind inzwischen vergangen, und das Mahnmal hat sich äußerlich stark verändert. Die legendäre Zeile Roschdestwenskis – „Menschen, solange eure Herzen schlagen, denkt daran, welchen Preis das Glück gekostet hat, denkt daran!“ – ist heute nicht mehr zu sehen. An ihrer Stelle stehen die Namen der Einwohner von Kostanai, die im Großen Vaterländischen Krieg gefallen sind. Rund um das Mahnmal wurde ein gepflasterter Platz angelegt. Doch jeden 9. Mai führt der Weg dankbarer Nachkommen unweigerlich zur Gedenkmauer und zum schweigenden Soldaten – zu Ehren jener Menschen, deren Leben der Große Vaterländische Krieg jäh beendete. „Leonid Prokopjewitsch starb 2014, Iwan Pjussowitsch 2017“, fährt Nikolai Torschin fort. „Und wissen Sie was? Die Gesichtszüge Iwan Pjussowitschs finden sich in der Gestalt eben jenes Soldaten wieder, den die Beloussows gemeinsam mit ihm für den Siegespark geschaffen haben. Das Hauptmodell war der Kostanai¬er Milizionär Witali Gruschkowski. Aber ich weiß genau, dass auch Muza Alexandrowna nach Jaufmann arbeitete. Er zog die Uniform, den Helm und die Stiefel an, nahm die Maschinenpistole und den Lorbeerzweig in die Hände und stand ihr Modell. Diese Arbeit – als Modell, Formbauer und Hilfsarbeiter – gab ihm in der Praxis und an Erfahrung sehr viel.“ Später arbeitete Iwan Pjussowitsch äußerst produktiv mit einem weiteren bekannten Bildhauer aus Kostanai zusammen – Innokenti Bolschanin. Jaufmann war es, der dessen Werke gewissermaßen „in Metall kleidete“. So wurde 1994 auf dem Bahnhofsvorplatz von Kostanai ein Denkmal für Beimbet Mailin, einen der Begründer der kasachischen Literatur, errichtet. Die Enthüllung des Denkmals fand anlässlich des 100. Geburtstags des Schriftstellers und Dramatikers statt, der im heutigen Bezirk Beimbet Mailin geboren wurde (bis 2019 trug der Bezirk den Namen Taranowski; Anm. d. Red.). Bis heute erhalten ist auch die Aluminiumkomposition über dem Eingang des Pädagogischen Colleges von Kostanai. Sie stellt einen Baum der Wissenschaft mit einem Torbogen dar, durch den ein Schüler hindurchgeht und sich für einen der möglichen Lebenswege entscheidet. Jaufmann schuf diese Komposition gemeinsam mit dem Künstler Sergej Lugowoj. …In den 1990er-Jahren zogen die Jaufmanns, wie viele andere Spätaussiedler, nach Deutschland. Sie ließen sich in Dingolfing, dem Verwaltungssitz des gleichnamigen Landkreises in Bayern, nieder. Leider gelang es nicht, Kontakt zu den Angehörigen von Iwan Pjussowitsch aufzunehmen. Doch mir als Autorin ist es ein großes Anliegen, diesem außergewöhnlich talentierten Menschen meine Anerkennung und meinen Respekt zu erweisen. Und von ganzem Herzen wünsche ich mir, dass seine Heimatstadt Kostanai jene Menschen nicht vergisst, die ihr ihre ganz eigene Handschrift schenkten und mit ihrer unverwechselbaren kreativen Arbeit Spuren in der Geschichte der Stadt hinterließen. „Solange die Herzen schlagen, denkt daran!“ Und vergesst sie nicht! Sulfiya Nabijewa Поделиться ссылкой: