Aus Hessen nach Uralsk: Eine Begegnung, die Menschen und Geschichten verbindet

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Anfang August empfing die Regionalvertretung der Stiftung „Wiedergeburt“ in Uralsk Gäste aus Hessen. Im Mittelpunkt des Besuchs standen der internationale Austausch innerhalb der deutschen Gemeinschaften, das gegenseitige Kennenlernen und die Möglichkeit, Erfahrungen aus der Vereinsarbeit miteinander zu teilen.

Die Idee für dieses grenzüberschreitende Projekt entstand in der Gemeinschaft der Russlanddeutschen der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland im Bundesland Hessen (LmDR-Hessen). Bereits im vergangenen Jahr hatten Vertreterinnen und Vertreter der Gemeinschaft Kasachstan besucht und dabei Astana, Schtschutschinsk und Temirtau kennengelernt. In diesem Jahr führte die gemeinsame Initiative nach Uralsk.

Für die Regionalvertretung war der Besuch weit mehr als eine Reihe offizieller Veranstaltungen. Hinter dem umfangreichen Programm standen Menschen, ihre Familiengeschichten und das gemeinsame Interesse an der deutschen Kultur und Geschichte. Über viele Jahrzehnte und Tausende Kilometer hinweg haben die Deutschen in Kasachstan und die Russlanddeutschen in Deutschland unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Dennoch gibt es vieles, was sie miteinander verbindet: Erinnerungen an die Vorfahren, die deutsche Sprache, Traditionen und vor allem der Wunsch, diese Verbindung an die jüngere Generation weiterzugeben.

„Wir haben uns bereits im vergangenen Jahr bei Zoom-Konferenzen ausgetauscht. Nun wollten wir uns persönlich kennenlernen und gemeinsam ein Programm gestalten, bei dem beide Seiten ihre Arbeit und ihre Projekte vorstellen können“, erzählt Marina Martynova, Leiterin der Regionalvertretung „Wiedergeburt“ in Uralsk.

Eine Woche voller Begegnungen

Eine Woche lang lernten die Gäste aus Hessen Uralsk und seine Geschichte kennen. Sie besuchten zwei Museen, erkundeten das historische Zentrum der Stadt und entdeckten alte Gebäude und Orte, die eng mit der Vergangenheit der Region verbunden sind. Einen besonderen Einblick in die Stadtgeschichte vermittelte das Museum „Altes Uralsk“, das der Geschichte der Ural-Kosaken gewidmet ist. Im Museum von Gabdulla Tukai erfuhren die Gäste mehr über die Geschichte und Kultur der Tataren.

Auch Bewegung und gemeinsames Erleben kamen nicht zu kurz. Margarita Buldakova leitete eine Yoga-Stunde im Stadion „ZhasTar“. Bei einer Fahrradtour durch den Chanskaja Roschtscha konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Natur genießen. Ein gemeinsamer Ausflug an den Ural und das Baden im Fluss sorgten für weitere unbeschwerte Momente.

Gerade diese gemeinsamen Erlebnisse machten den Austausch besonders wertvoll. Denn Kultur besteht nicht nur aus Ausstellungen, Konzerten oder offiziellen Veranstaltungen. Sie entsteht auch im persönlichen Gespräch, beim gemeinsamen Arbeiten, Lachen, Musizieren und bei einem Spaziergang durch die Stadt. Wo Menschen Zeit miteinander verbringen, entstehen Verbindungen, die über ein einzelnes Projekt hinausreichen.

Kreativität verbindet

Jeden Tag fanden Workshops im Bereich des Kunsthandwerks statt. Gemeinsam entstanden Puppen in Nationaltrachten, Arbeiten aus Weinreben und Stofftaschen mit deutschen Sprüchen. Ein besonderes Gemeinschaftswerk war das Bild „Unterwasserwelt“, an dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam arbeiteten.

Auch die junge Künstlerin Barbukhina stellte ihre Bilder vor. Für viele Gäste war es interessant zu sehen, wie junge Menschen in Uralsk ihre kulturellen Wurzeln wahrnehmen und gleichzeitig eigene kreative Wege gehen.

Barbukhina bezeichnete den Besuch als ein wichtiges Ereignis für die gesamte Regionalvertretung. Kinder, Jugendliche und Senioren nahmen an den Veranstaltungen teil. Für Oksana ist die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte auch eine persönliche Angelegenheit.

Ihre Großmutter besaß als Kind die deutsche Staatsangehörigkeit. Später zog die Familie nach Russland und musste schwierige Zeiten der Repression erleben. In den 1990er-Jahren kehrte die Großmutter nach Deutschland zurück. Seit vier Jahren besucht Oksanas Familie die Regionalvertretung. Sie selbst lernt Deutsch, und auch ihre drei Kinder nehmen an den Angeboten der Gemeinschaft teil.

Für Oksana bedeutet die Arbeit der Regionalvertretung deshalb nicht nur die Pflege von Traditionen. Sie bietet die Möglichkeit, die eigenen Wurzeln besser zu verstehen und Menschen zu treffen, die ähnliche Familiengeschichten und Erfahrungen haben.

Gemeinsame Geschichte – eine Brücke zwischen Generationen

Eine besondere Perspektive brachte Katharina Martin von der LmDR-Hessen in das Projekt ein. Die Landsmannschaft verbindet Menschen, deren Familiengeschichten eng mit Russland, Kasachstan und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion verbunden sind. Neben kulturellen Projekten bietet die Organisation auch Beratung zu sozialen und rechtlichen Fragen und unterstützt Menschen, die sich mit ihrer Identität und ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen.

Auch Katharina selbst hat eine besondere Verbindung zu Kasachstan. Ihre Großmutter stammte aus der Ukraine, ihr Vater wurde in Kasachstan geboren. Er wuchs in der Region Akmola auf. Während ihres Besuchs in Kasachstan konnte Katharina viele Orte sehen, die sie bisher nur aus den Erzählungen ihrer Familie kannte. Dabei fragte sie sich, wie ihre Großmutter wohl auf dieses Land zurückblicken würde.

Heute erlebt Katharina eine neue Generation, die ihre multikulturelle Herkunft zunehmend als Bereicherung versteht. Sie erzählt von ihrem Sohn, der sich bewusst für Kasachstan interessiert und für ein Schulprojekt sogar Beshbarmak zubereitete. Solche Geschichten zeigen, dass die Verbindung zur Herkunft nicht zwangsläufig in der Vergangenheit bleiben muss. Sie kann auch für junge Menschen zu einem Teil ihrer persönlichen Identität werden.

Katharina studierte Kulturwissenschaften, Linguistik und Übersetzungswissenschaft. Seit 2015 arbeitet sie in verschiedenen Projekten der LmDR-Hessen und engagiert sich unter anderem in den Bereichen Kultur, Jugend und Frauenarbeit. Außerdem beschäftigt sie sich mit der Geschichte der Deutschen in Russland und den GUS-Staaten. Zu ihren Projekten gehört auch ein Theaterstudio.

Theater, Musik und lebendige Erinnerung

Auch Oleg von Riesen, der sich bei der LmDR-Hessen mit Kultur, Musik und internationalen Beziehungen beschäftigt, brachte seine Erfahrungen in den Austausch ein. Er spielt in verschiedenen Regionalgruppen in Hessen, arbeitet als professioneller Regisseur und entwickelt neue Theaterstücke.

Für ihn ist Theater ein besonders wirkungsvolles Mittel, Geschichte zu vermitteln. Es ermöglicht, historische Ereignisse nicht nur mit Fakten zu beschreiben, sondern sie aus der Perspektive der Menschen sichtbar und emotional erfahrbar zu machen.

Eine Wanderausstellung, an der er beteiligt ist, beschäftigt sich mit der Geschichte der Deutschen in verschiedenen Ländern Osteuropas. Denn die Schicksale der Deutschen in Ungarn, Rumänien, Kroatien, im Baltikum, in Georgien und anderen Regionen weisen trotz ihrer Unterschiede gemeinsame Erfahrungen von Verfolgung, Umsiedlung und Verlust auf.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Erinnerungen von Zeitzeugen. Auch die ungarndeutsche Dichterin Valeria Koch beschäftigte sich in ihren Werken mit Fragen von Herkunft, Identität und Erinnerung. Oleg von Riesen komponierte Musik zu ihren Texten.

In Uralsk gestalteten Oleg von Riesen und Ilja Fjodorow gemeinsam einen musikalischen Abend. Neben Stücken von Rammstein gab es auch Raum für spontane Übersetzungen und Gespräche. Die Teilnehmer konnten eigene deutsche Übersetzungen ausprobieren und so Sprache und Musik miteinander verbinden.

Wenn Geschichte lebendig wird

Marina Krieger, die als Grafikdesignerin für die sozialen Medien der Regionalvertretung sowie an Broschüren und Büchern arbeitet, war ebenfalls von dem Projekt beeindruckt. Besonders hob sie die Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen in Uralsk hervor. Für sie war es wichtig zu sehen, dass Geschichte nicht nur in Büchern bewahrt wird, sondern durch Menschen weitergetragen und mit neuen Ideen verbunden werden kann.

Gerade darin lag eine der wichtigsten Erfahrungen dieses Treffens: Geschichte wird lebendig, wenn Menschen darüber sprechen. Wenn persönliche Familiengeschichten erzählt werden, bekommen historische Ereignisse ein Gesicht. Und wenn verschiedene Generationen gemeinsam über ihre Herkunft nachdenken, entsteht die Möglichkeit, Erinnerung nicht als etwas Abgeschlossenes zu betrachten, sondern als Teil der Gegenwart.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer – Ilja Fjodorow, Natalie Paschenko und Katharina Haupt – bedankten sich bei den Organisatoren für die herzliche Aufnahme und die abwechslungsreiche Woche.

Für Katharina Martin soll es nicht bei diesem Besuch bleiben. Das Projekt „Grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen der Landesgruppe LmDR-Hessen und der RV Uralsk“ wird fortgesetzt. Die Gäste aus Uralsk wurden nach Hessen eingeladen. Nun hoffen beide Seiten auf einen Gegenbesuch und auf neue gemeinsame Projekte.

Ein Weg, der weiterführt

Für Marina Martynova hat der Austausch bereits neue Impulse gegeben. Sie ist überzeugt, dass die Zusammenarbeit weitere gemeinsame Projekte hervorbringen und dazu beitragen wird, die kulturellen Beziehungen zwischen den deutschen Gemeinschaften in Kasachstan und Deutschland zu stärken.

Der Besuch hat gezeigt, dass internationale Zusammenarbeit nicht nur aus Vereinbarungen und gemeinsamen Programmen besteht. Sie beginnt mit dem persönlichen Kennenlernen, mit Interesse an der Geschichte des anderen und mit der Bereitschaft, eigene Erfahrungen zu teilen.

Hessen und Uralsk trennen Tausende Kilometer. Doch gemeinsame Geschichte kennt keine Grenzen. Sie verbindet Familien, Generationen und Menschen, die vielleicht zum ersten Mal miteinander sprechen, aber schnell feststellen, wie vieles sie gemeinsam haben.

So wurde aus einem einwöchigen Besuch mehr als ein kulturelles Austauschprogramm. Es entstand eine Begegnung, die neue Kontakte geschaffen, Erinnerungen lebendig gehalten und den Blick auf gemeinsame Zukunftsperspektiven geöffnet hat.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Bedeutung solcher Projekte: Sie schaffen Wege, auf denen Menschen einander näherkommen – über Grenzen hinweg, von Generation zu Generation.

Svetlana Tomina

 

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