Züge ins Ungewisse

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Das Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 „Über die Umsiedlung der in den Wolgagebieten lebenden Deutschen“ diente als rechtliche Grundlage für die massenhafte Deportation.

Als Begründung wurde das angebliche Vorhandensein von „Tausenden und Zehntausenden Diversanten und Spionen“ unter der deutschen Bevölkerung angeführt. Die Realität sah selbstverständlich anders aus: Fleißige Bauern, Lehrer und Ärzte wurden über Nacht zu „Volksfeinden“. Die Deportation hinterließ tiefe Spuren im Bewusstsein der Menschen. Daran besteht kein Zweifel. Eine ganze Generation wuchs mit einem Gefühl der Schuld und Scham für ihre Nationalität – das „Deutschsein“ – auf. Wenn es möglich war, änderten die Menschen ihre Nationalität und ihre Familiennamen. Gleichzeitig wurde den Deutschen alles genommen: ihre Häuser, ihr Eigentum, ihre gewohnte Lebensweise und ihr guter Ruf.

Das „unerwünschte Element“ wurde über lange Zeit deportiert

Meine heutige Gesprächspartnerin ist Tamara Wolkowa, Kandidatin der Geschichtswissenschaften und Ehrenprofessorin der Kasachisch-Deutschen Universität. Ihrer Ansicht nach ist die Deportation der Sowjetdeutschen eine tragische Seite der Geschichte, die nicht vergessen werden darf. Es ist wichtig, sich an das Leid der Menschen zu erinnern und daran, wie leicht ganze Völker zu Opfern politischer Spiele und ideologischer Vorurteile werden können.

– Tamara Petrowna, lassen Sie uns über einige wenig bekannte Fakten der Deportation sprechen.

– Die Deportation war zeitlich gesehen ein sehr langwieriger Prozess. Was wir meistens als „Deportation“ bezeichnen, ist vor allem die Deportation der Wolgadeutschen, also das Ereignis, das am 28. August 1941 offiziell verkündet wurde.

Aus anderen Regionen der Sowjetunion begannen die Deportationen jedoch schon wesentlich früher. Bereits in den ersten Kriegswochen wurde die Bevölkerung aus den westlichen Gebieten der UdSSR – vor allem aus Belarus und der Ukraine – abtransportiert. Damals wurde dies lediglich als „Evakuierung“ bezeichnet. Deportiert wurden Menschen, die als „unerwünschtes Element“ galten. Dabei spielte weniger die ethnische Zugehörigkeit als vielmehr die soziale und gesellschaftliche Herkunft eine Rolle. Zu diesem „unerwünschten Element“ gehörten auch Sowjetdeutsche.

Die ersten Deportierten kamen somit bereits im Juli oder Anfang August 1941 auf dem Gebiet Kasachstans an. Sie wurden hauptsächlich in die westlichen Gebiete gebracht. Eine Ausnahme bildete natürlich Gurjew, das grundsätzlich für Deportierte gesperrt war.

Warum zog sich die Deportation so lange hin? In der ersten Kriegsphase herrschte große Unordnung: Menschen wurden in Züge gesetzt, die sich zunächst in, sagen wir, „unbekannte Richtungen“ bewegten.

Es gab Fälle, in denen ein Zug sogar bis Alma-Ata gelangte, dort jedoch umgeleitet und zurück nach Sibirien geschickt wurde. Die Fahrt konnte länger als einen Monat dauern. Häufig wurden die Waggons irgendwo angehalten, weil die Deportierten als Arbeitskräfte gebraucht wurden. Die Menschen mussten dringend bei der Ernte und beim Einbringen des Getreides helfen oder Eisenbahngleise abbauen.

Schon der Weg in die Deportation bedeutete für sie also Zwangsarbeit.

Außerdem wurde bereits am 15. August 1941, also noch vor der Veröffentlichung des Erlasses, ein Dokument mit einer Anordnung zur ethnischen Deportation erlassen. Darin hieß es, dass aus der Krim „unzuverlässige Personen“ und Deutsche ausgesiedelt werden sollten – unabhängig davon, ob sie tatsächlich als zuverlässig oder unzuverlässig galten.

Deutsch? Dann nichts wie rein in die Züge!

Die Deportation begann also lange vor dem 28. August. Und sie verlief für die Menschen jeweils sehr unterschiedlich.

– Es gibt Beispiele dafür, dass den Menschen sogar Zeit zum Packen gegeben wurde. Natürlich spielten dabei menschliche Faktoren eine Rolle – alles hing davon ab, wer unmittelbar mit der Deportation beauftragt war. Wenn jemand menschlich war, warnte er die Betroffenen rechtzeitig vor der bevorstehenden Massenaussiedlung. Aber das waren Einzelfälle.

– Das stimmt tatsächlich. Manchmal wurden den Menschen sogar mehrere Tage zum Packen gegeben. Mitunter erfuhren diejenigen, die deportiert werden sollten, davon durch ihre Dorfbewohner: „Macht euch bereit!“

Dann hatten sie mehr Zeit zum Packen und mehr Möglichkeiten, sich vorzubereiten. Das galt auch für Lebensmittel und andere Güter.

Allerdings waren die Informationen sehr unterschiedlich. Den Menschen wurde gesagt, sie würden evakuiert und nur für kurze Zeit weggebracht. Sobald sich die Lage normalisiert habe, würde man sie wieder zurückbringen.

– Wir werden den Krieg schnell gewinnen und zurückkehren …

– Ja. Deshalb nahmen diejenigen, die dieser Version glaubten, nur wenige Sachen mit. Besonders betroffen waren die Deutschen aus dem Kaukasus. Welche Kleidung hatten sie dort? Das Klima war warm.

Im Wesentlichen leichte Kleidung …

Doch die Deutschen waren schließlich ein praktisches Volk. Nicht umsonst waren sie häufig umgezogen und weitergezogen. Sie verfügten, wenn man so will, über jahrhundertelange Lebenserfahrung.

Diejenigen, die im Voraus von der Deportation erfahren hatten, dachten sich: Wenn man uns irgendwohin bringt und die Situation unklar ist, ist es besser, Vorräte mitzunehmen. Sie konnten deshalb ein Schwein schlachten, Speck und Fleisch einsalzen. Sie nahmen warme Sachen, Federbetten, Kissen und Winterkleidung mit.

Aber auch hier war die Situation unterschiedlich. An den Bahnhöfen, an denen die Menschen verladen wurden, entschieden die NKWD-Truppen, die die Züge begleiteten, rücksichtslos, was zurückgelassen und was mitgenommen werden durfte.

Auf den Bahnsteigen blieben persönliche Gegenstände und Truhen mit Schweinefleisch zurück und vieles andere. Bei dem einen gelang es besser, bei dem anderen schlechter. Der menschliche Faktor spielte tatsächlich eine große Rolle.

– Viele Menschen erreichten den Deportationsort unter großen Schwierigkeiten. Diejenigen, die unterwegs starben, wurden während der Fahrt aus den Zügen geworfen – die Züge hielten nicht an.

– In erster Linie starben Kinder, alte und kranke Menschen. Die Waggons waren überwiegend Güterwagen, und die Bedingungen waren schrecklich. Die Aufenthalte unterwegs konnten sehr kurz sein, manchmal standen die Züge aber auch wochenlang irgendwo auf einem Abstellgleis, weil Militärzüge Vorrang hatten.

Es gab weder ausreichend Nahrung noch Trinkwasser. Alles, was möglich war, versuchten die Menschen an den Bahnhöfen gegen Lebensmittel einzutauschen. Aber an kleinen Haltepunkten gab es oft nichts, womit man hätte tauschen können …

Deshalb starben natürlich Menschen.

Es gab weder Medikamente noch medizinische Hilfe. Dabei existierte ein vom NKWD ausgearbeiteter Umsiedlungsplan, nach dem sich in jedem Zug medizinisches Personal und eine Küche befinden sollten. Mindestens einmal am Tag sollte den Menschen eine warme Mahlzeit ausgegeben werden.

In der Praxis wurde das fast nie eingehalten.

Am 26. August 1941 wurde ein ziemlich umfangreiches Dokument erstellt: Auf mehreren Seiten waren darin die Regeln für den Transport festgelegt. Alles war genau geregelt: wie viele Menschen in welche Republik und in welches Gebiet gebracht werden sollten, wie viele Züge dafür benötigt wurden und was sich in den Zügen befinden musste.

Die NKWD-Organe verfügten bereits über umfangreiche Erfahrungen bei Deportationen. Das hatte schon in den 1930er-Jahren begonnen, als unter anderem Deutsche, Polen und sogenannte Kulaken deportiert wurden.

– Die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen wurde bereits Anfang September 1941 aufgelöst. Das zeigt doch, dass man von oben im Voraus wusste, dass niemand zurückkehren würde.

– Natürlich. Die Republik sollte einfach verschwinden.

In die verlassenen Gebiete wurden Menschen aus den besetzten Regionen angesiedelt. Sie zogen in die Häuser ein und lebten dort. Zurückgeblieben waren Kühe und die bereits eingebrachte Ernte. Es handelte sich um wohlhabende Bauernwirtschaften. Alles war vorbereitet und eingelagert.

Als die Deutschen deshalb in den 1960er- und 1970er-Jahren zurückkehren wollten, gab es für sie keinen Ort mehr, an den sie hätten zurückkehren können. In ihren Häusern lebten inzwischen andere Menschen – teilweise bereits in der zweiten oder sogar dritten Generation …

Nach dem ursprünglichen Plan sollte die Deportation Ende Oktober 1941 abgeschlossen sein. Tatsächlich war dies jedoch nicht der Fall. Noch im Dezember wurden Deportierte an ihre Bestimmungsorte gebracht.

Alles zog sich sehr lange hin.

Während dieser langen „Reise“ mussten die Menschen unvorstellbares Leid ertragen. Sie litten unter den katastrophalen Lebensbedingungen. Es fehlte an Nahrung und Kleidung. Frauen verkrafteten die Fahrt häufig schlechter als Männer.

Und auch psychisch war die Situation äußerst belastend. Die Menschen wussten nicht, wohin man sie brachte. Die Züge fuhren zunächst in eine Richtung und änderten dann ihren Kurs. Niemand sagte den Deportierten, wohin sie gebracht wurden und wie lange sie dort bleiben mussten.

Der erste Schock traf sie bereits in ihrer Heimat, als man sie zu Verrätern erklärte. Natürlich kursierten Gerüchte, dass man sie in den Tod schicke.

Die Züge konnten an Bahnhöfen nur wenige Minuten halten. Wer ausstieg, um beispielsweise heißes Wasser zu holen oder etwas zu kaufen, konnte den Zug verpassen. Danach versuchten die Menschen, den Zug wieder einzuholen – andernfalls hätten die Behörden sie als Flüchtlinge oder Ausreißer betrachtet.

– Vielen Dank für dieses offene und interessante Gespräch.

Marina Angaltdt

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