Tal der heiligen Erinnerung

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Es war ein göttlich heller, von Feldblumen und reifen Äpfeln duftender Herbsttag. Mein Stiefvater Dmitri Alexejewitsch, ein Künstler, und ich gingen mit unseren Windhunden am Rand von Dolinka spazieren und genossen die Stille und Ruhe dieses kleinen Dorfes.

An einer von Büschen überwucherten unbefestigten Straße, die irgendwo in Richtung der Waldschutzstreifen führte, blieb er plötzlich stehen.

„Schau genau hin. Daraus könnte ein Bild mit einer tiefen philosophischen Bedeutung entstehen. Diese malerische Straße wurde nicht vom Regen, sondern von menschlichen Tränen benetzt – es ist der direkte Weg vom Bahnhof der Siedlung Karabas zu den Lagern von Dolinka, etwa 27 Kilometer.

Auf diesem Weg wurden die Verurteilten auf Pferdefuhrwerken in die Lager gebracht, und nur wenige kehrten zurück. Ich wollte sie schon damals malen, als ich gemeinsam mit Dmitri Krein aus Odessa arbeitete, aber ich hatte Angst.

Er war nach Artikel 58.10 – wegen antisowjetischer Propaganda – verurteilt worden, während ich frei war. Vielleicht malst du sie?“

Die Jahre vergingen nicht einfach, sie flogen nicht dahin – sie rasten mit unvorstellbarer Geschwindigkeit. Und nun steige ich die Marmortreppe des Museums zum Gedenken an die Opfer politischer Repressionen hinauf, das sich einst im Gebäude der Hauptverwaltung des Karlag befand.

Jedes Jahr am 28. August versammeln sich hier die Familienangehörigen der repressierten Deutschen, um ihrer Angehörigen zu gedenken. Sie erinnern sich an den Erlass des Präsidiums, mit dem die Tragödie begann – eine Tragödie, von der jeder Einzelne mit Schmerz erzählt.

Heute hatte ich die Gelegenheit, mit Lidia Iwanowna Sai zu sprechen, deren Mutter 1943 repressiert wurde.

– Vor langer Zeit gab es im Gebiet Nordkasachstan eine Siedlung von Wolgadeutschen. Sie waren noch unter Zar Nikolaus freiwillig dorthin gekommen, weil es dort so gutes Land gab. Wir lebten gut. Doch als der Krieg begann, wurde mein Großvater abgeholt. Er dachte, er würde seine Heimat verteidigen, aber stattdessen wurde er repressiert und in den Ural geschickt, um dort Rüstungsbetriebe zu bauen. Die Bedingungen waren schrecklich. Im Winter übernachteten sie in Zelten. Menschen starben.

Als meine Mutter 16 Jahre alt wurde, holte man auch sie ab und schickte sie zum Holzfällen in die Taiga des Gebiets Archangelsk. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie schwache, unterernährte Jugendliche dort Bäume fällten – und das auch noch im Winter.

Nach Kriegsende wurde meine Mutter nicht freigelassen. Das Land brauchte Arbeitskräfte. Sie blieben in Baracken, in denen bis zu 60 Menschen untergebracht waren und es nur einen einzigen kleinen Ofen gab. Die durchnässten und durchgefrorenen Kinder hatten kaum Zeit, ihre Kleidung zu trocknen oder sich wenigstens ein wenig aufzuwärmen, bevor man sie wieder zum Holzfällen schickte.

Später begann man, sie auf irgendwelche kleinen Zimmer und Wohnheime zu verteilen. Dort lebten sehr viele deutsche Frauen aus allen Teilen der Sowjetunion. Sie sehnten sich schrecklich nach ihren Eltern und weinten nachts heimlich. Aber die Jugend, die Jugend … Die Liebe fragt nicht nach Zeit, Ort oder Nationalität – sie ist wie eine neunte Welle, die einen überrollt.

Meine Mutter lernte meinen Vater kennen, und sie gründeten eine glückliche, harmonische Familie. Aber … mein Vater war Russe. Und man hetzte ihn wegen seiner Beziehung zu einer Deutschen und beschimpfte ihn als Verräter.

Der naive junge Mann hielt das nicht aus. Er lief davon. Ich blieb ohne Vater zurück.

1954 wurde meine Mutter freigelassen und durfte nach Hause zurückkehren – in bittere Armut, ohne Hab und Gut, ohne Geld und ohne warme Kleidung für ihre Tochter.

Meine Mutter kam mit mir an einen völlig leeren Ort und war gezwungen, sich auf dem Bauernhof „Landmann“ niederzulassen, der einst von Deutschen gegründet worden war.

Sie arbeitete als Geflügelzüchterin – weit entfernt vom Kolchos, mitten in der Steppe. Bis zum Schuleintritt wuchs ich zwischen Vögeln auf. Später lernte ich, machte meinen Abschluss und fand hier, im Gebiet Karaganda, meine große Liebe.

Ich habe zwei Töchter, drei Enkel und drei Urenkel.

Wahrscheinlich hat meine Mutter all das Leid stellvertretend für uns getragen und uns damit ein ruhiges Leben geschenkt.

Manchmal möchte man sich vor unseren alten Menschen tief verbeugen – vor denen, die all diese Schrecken durchgestanden und es geschafft haben, uns zu guten Menschen zu erziehen.
Heute möchte ich mich an die jungen Menschen wenden: Gott bewahre, dass ihr jemals das erleben müsst, was unsere Eltern erlebt haben.

Schätzt euer Leben und eure Heimat. Lernt ständig dazu, erlernt Handwerke und Berufe, habt keine Angst vor körperlicher Arbeit – eines Tages kann sie euch retten.

Vergesst die Geschichte nicht. Lernt, mit Menschen aller Nationalitäten Freundschaft zu schließen.

Bewahrt den Frieden, den man euch geschenkt hat!

Nach dem Gespräch mit Lidia Iwanowna bekam ich den Wunsch, hinaus auf jene Straße zu gehen, auf der einst die Verurteilten abtransportiert wurden.

Ich habe das Bild schließlich doch gemalt.

Ein helles, friedliches, durchsichtiges Herbstbild.

Mit einer tiefen philosophischen Botschaft: Man muss jeden geschenkten Tag zu schätzen wissen.

Denn welchen Wert hat dein Lebensweg, wenn er nicht dazu führt, das Leid eines anderen als sein eigenes anzunehmen und Mitgefühl zu empfinden?

Für uns ist ganz Dolinka ein Tal der heiligen Erinnerung.

Und diese Erinnerung haben wir bewahrt, bewahren wir und werden wir auch in Zukunft bewahren.

Jewgenija Schulz

 

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