Wie ein ehemaliges Heimkind sozialer Unternehmer wurde

Noch vor einem Jahr konnte sich der Unternehmer Gennadij Frank aus Uralsk nicht vorstellen, dass er einmal der Leiter der deutschen Gesellschaft des Gebietes Nordkasachstan sein würde. Jetzt ist alles anders – mehr als tausend Deutsche erwarten das Handeln des neuen Vorsitzenden, und der seinerseits versucht, sie nicht zu enttäuschen.

Eine Folge der Umstände

Die Vorfahren Genadijs waren Wolgadeutsche, welche in den Kreis Altai deportiert wurden. Bereits nach 1956 ging der Großvater mit der Großmutter nach Pawlodar, für den Bau eines Getreidekombinates.

Nur wenig später gingen einige aus der Familie Frank nach Uralsk. Hier wurde im Jahr 1971 Genadij geboren. Im Alter von sieben Jahren landete der Junge im Kinderheim…

Es war eine Vorsehung

Nach dem Kinderheim ging der junge Mann auf die technische Berufsschule Samara. Nachdem er seine Berufsausbildung abgeschlossen hatte, diente Gennadij in der Armee. Anschließend ging er zurück in seine Heimatstadt, wo ihn unangenehme Neuigkeiten erwarteten: Die Wohnung der Eltern wurde in den Wohnraumbestand überführt.

Im Akimat von Uralsk riet man ihm, sich an das Gericht zu wenden. Der junge Mann überstürzte nichts und entschied sich dazu, alles gründlich zu aufzuklären. Genadij ging an die Universität, trat in die juristische Fakultät ein, und schon im dritten Studienjahr reichte er eine Klage im Akimat ein. Er gewann die Sache.

– Das war so etwas wie ein Zeichen. Die juristischen Kenntnisse helfen mir bis heute. Alles,w as ich jetzt kann, habe ich dank meines Fachgebietes, – sagt mein Gesprächspartner.

Gennadij begann mit dem dritten Studienjahr als Rechtanwaltsgehilfe in der Nationalkammer zu arbeiten.

– Es gab eine Schweißerei, in der einige Heimkinder arbeiteten. Später baten mich einige Gruppenkameraden um Hilfe bei der Dokumentation eines Individualunternehmens. Dort habe ich unternehmerische Erfahrung gesammelt.

Im Jahr 2010 wandte sich die Leitung des Kinderhauses mit der Bitte an den diplomierten Spezialisten, Arbeitsplätze für Abgänger zu organisieren. Genau dies war der erste Schritt in das soziale Unternehmertum.

Mit dem eigenen Beispiel

Im Jahr 2013 kam Gennadij Frank an die Spitze des nordkasachstanischen Verbandes der Abgänger der Kinderheime und Schulinternate „Nur“. Kurz darauf entstand auf Grundlage des Verbandes das soziale Unternehmen „Schanyrak“. Die Hauptaufgabe ist, eine Berufsausbildung für die Abgänger aus Kinderheimen zu organisieren.

Heute ist die TOO „Soziales Unternehmen „Schanyrak“ eine fachliche Basis, in der die Abgänger von Kinderheimen, Schulinternaten und auch Waisen, die ohne die Fürsorge ihrer Eltern zurückgeblieben sind, eine praktische Ausbildung in der Produktion absolvieren, Geld verdienen, Erfahrung und Arbeitspraxis, aber auch kaufmännische Fähigkeiten erwerben.

– Wenn wir eine geschäftliche Initiative unterstützen, beginnen wir, zu verstehen, dass wir ein Gründerzentrum brauchen, in dem gezeigt wird, wie man arbeitet und Geld verdient. Wir haben eine Werkstatt eröffnet, in der die Abgänger der Kinderheime nach ihrer Ausbildung Arbeitswerkzeuge erhielten und bereits vorbereitete Dienstleistungen auf den Markt brachten.Wir haben eine beeindruckende Geschichte der sozialen Unternehmen – noch aus den Zeiten der Sowjetunion. Das grundlegende Ziel ist nicht der Verdienst, obwohl es eine kommerzielle Organisation ist. Mit der Arbeit lösen wir soziale Probleme, – betont Gennadij Arturowitsch.

In den Jahren der Arbeit von „Schanyrak“ lernten mehr als einhundert Heimkinder und problematische Jugendliche. Praktisch alle von ihnen sind beschäftigt. Vielmehr haben einige sogar ein eigenes Geschäft eröffnet:

– Wir sind keine gemeinnützige Organisation. Wir haben nicht das Ziel, die Alltagsprobleme der Jungs und Mädels zu lösen. Die Aufgabe ist, ihre unternehmerischen Initiativen zu unterstützen. Übermäßige Behütung führt zu Abhängigkeit, das brauchen wir nicht. Wir haben von Anfang an eine Geschäftsbeziehung – wir geben Wissen, die notwendigen Instrumente, weiter entwickeln sie sich selbstständig.

Allerdings schafft es Gennadij Arturowitsch, alle Projekte seiner „Küken“ mitzuverfolgen. Immer gibt er irgendwo Tipps, leitet an, versucht es so zu machen, dass die Abgänger der Kinderheime weniger Fehler begehen.

In „Schanyrak“ arbeitet alles präzise: es gibt eine Schule für die Berufsausbildung (eine Unternehmerschule und eine produktionspraktische Ausbildung zur Berufsspezialisierung). Es gibt die eigene Personalagentur „Arbeitsmarkt“, welche die Arbeitsvermittlung von angelernten Jugendlichen fördert, die Praktika und Arbeitserfahrungen gesammelt haben.

Seinen Gewinn erhält das soziale Unternehmen aus der Produktion von Schmiede-, Karosserie-, Nähwerkstätten und Schweißereien.

Mit Fürsorge für die Kinder

In letzter Zeit hat sich die Richtgröße der Aktivitäten von „Schanyrak“ leicht verändert. Alle Werkstätten und Stützpunkte wurden in die Treuhand der Abgänger von Kinderheimen gegeben. Unter den „Fittichen“ von Gennadij Frank bleibt ein Schulungs- und Produktionskombinat, in dem unter anderem auch selbstständigen Bewohner von Uralsk über die Geschäftswelt unterrichtet werden.

– Wir haben eine Nähwerkstatt zur Herstellung von weichen Spielmodulen eröffnet und angefangen, die Produkte unter der Handelsmarke „Balalar Kids“ herauszubringen. Das ist unsere Idee, die wir umgesetzt haben. Wir bieten Kinder-, Sport und Therapieutensilien aus eigener Produktion für Spielzimmer und Sensorikräume von Kindergärten, Sportstätten , Rehabilitations- und Unterhaltungszentren an. Wiederum stellen wir die Beschäftigung von Abgängern der Kinderheime sicher, – erläutert der Unternehmer.

In kurzer Zeit verliebten sich die Kasachstaner in die Spielzeuge, Baukasten und Kinderzimmer aus der Uralsker Produktion. Die qualitativ hochwertige Ware ist in neun Regionen der Republik zu finden.

Dem Ruf des Herzens folgend

Soziales Unternehmertum ist nicht die Hauptarbeit von Gennadij Arturowitsch. Schon seit einigen Jahren arbeitet er in einem Großunternehmen. Vor der gesellschaftlichen Belastung schreckt Frank nicht zurück, er ist es gewohnt, anderen zu helfen.

Vor einigen Monaten wurde dem aktiven Unternehmer aus Uralsk angeboten, die deutsche Gesellschaft „Heimat“ wachzurütteln. Er dachte kurz nach und stimmte zu:

– Es war irgend ein inneres, unerklärliches Gefühl. Vielleicht der Ruf des Herzens.

Der neue Vorsitzende hat viele Pläne. Einige von ihnen hat er mit uns geteilt.

– Im sozialen Unternehmertum sind die Deutschen führend in Europa. Also warum sollten wir nicht ihre Erfahrung übernehmen? Wir treiben aktiv den Einsatz der deutschen Sprache voran. Dies ist nicht nur für die junge Generation wichtig, sondern ebenso für ältere Menschen, so ist doch die Kenntnis der Muttersprache ein Zeichen des Respekts an die eigenen Vorfahren. Wir wollen eine Sonntagsschule aufbauen, in der wir ein Kindertheater gründen. Wir ziehen aktiv die Jugend an, wir haben jetzt ideenreiche Jungs und Mädels, die sich nicht davor fürchten, ihre Ideen umzusetzen. Insgesamt gibt es viel Arbeit. Wir schaffen das. Denn hier ist das wichtigste, die Ziele und Aufgaben zu benennen und sie konsequent zu verfolgen, – fasst Gennadij Frank zusammen.

Dmitrij Schinkarenko

Ubersetzung: Philipp Dippl

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