Viktor Koch: „Nicht alles ist so einfach“ Zurück Veröffentlicht in 18. August 20254. September 2026 Vor nicht allzu langer Zeit präsentierte Viktor Koch, Unternehmer und Mäzen sowie ehemaliger Akim von Aktau, der kasachischen Öffentlichkeit sein erstes Buch „Frau Erika“, den ersten von drei Romanen der Reihe „Nicht alles ist so einfach“. Dem Roman liegen wahre Begebenheiten und die Lebensgeschichten von Menschen zugrunde, die die tragischen Ereignisse der Kriegszeit durchlebt haben. Der Autor betonte, dass es ihm nicht nur darum gehe, den Lesern das ganze Grauen von Krieg und Deportationen vor Augen zu führen, sondern auch die Widerstandskraft der menschlichen Seele zu zeigen, die selbst die härtesten Prüfungen überstehen kann. Gleichzeitig möchte er die Geschichte jener Jahre aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Perspektiven betrachten. Ich habe mich mit Viktor Koch getroffen und mit ihm über sein Buch, Geschichte und vieles andere gesprochen. – Viktor Michailowitsch, Ihr Roman ist ein Blick von innen auf die tragischen Ereignisse der Vergangenheit. Was hat Sie dazu bewogen, sich mit einem solch schwierigen Thema auseinanderzusetzen? Und woher stammt der Titel? – Ich beginne mit dem Titel: Nach Gottes Willen ist im Leben „Alles so einfach“, aber … den Menschen ist die Freiheit der Entscheidung gegeben. Sie wird durch das kleine Wörtchen „nicht“ bestimmt, das unsere Handlungen, unser Verhalten und deren Folgen charakterisiert. Das betrifft ausnahmslos jeden einzelnen Menschen. Und dieses „Nicht“, das gegenüber dem göttlichen Plan eigentlich unbedeutend ist, beeinflusst das Leben der Menschen – und oft nicht zum Guten, weil darin Stolz, Habgier und andere niedere Eigenschaften liegen … Doch gerade dieses „Nicht“ kann auch der Weg zur inneren Erhöhung des Menschen sein – in seiner Liebe zum Allmächtigen und zu den Mitmenschen. Was Ihre erste Frage betrifft, kann ich sagen: Ja, ich habe tatsächlich versucht, die Ereignisse vom Beginn des Großen Vaterländischen Krieges bis zur Amnestie von 1955 unaufdringlich und aus der Innenperspektive darzustellen. Die Tragik dieser Jahre beschränkt sich nicht allein auf den Krieg. Sie umfasst auch die Bedingungen, denen das sowjetische Volk ausgesetzt war. Die Sowjetunion war der Genfer Konvention nicht beigetreten. Das bedeutete, dass unsere Menschen in Gefangenschaft nicht als Menschen behandelt wurden. 1941 griffen zwischen drei und dreieinhalb Millionen deutsche Soldaten die Sowjetunion an. Bereits im ersten Kriegsjahr gerieten 3,5 Millionen unserer Soldaten in Gefangenschaft. Und das waren nur die Gefangenen – wie viele wurden getötet oder verwundet … Denken Sie darüber nach: Kann so etwas überhaupt möglich sein? Aber es geschah! Und diejenigen, die in Gefangenschaft gerieten, waren keineswegs Verräter. Im Großen und Ganzen waren es Patrioten. Aber wurden die Verantwortlichen für dieses Leid tatsächlich richtig benannt? Viele Unschuldige wurden erschossen. Darüber muss man heute nachdenken. In jedem Buch werden Ereignisse und Fakten beschrieben. Meine persönliche Meinung findet sich dort nicht. Ich möchte, dass jeder Leser seine eigenen Schlussfolgerungen zieht. Bei der Buchpräsentation habe ich eine Passage vorgelesen, in der Kriegsgefangene in Eisenbahnwaggons transportiert wurden. Die Menschen wurden unter unmenschlichen Bedingungen zusammengepfercht. Und gerade in dieser schlimmen Situation mussten sie versuchen, sich selbst nicht zu verlieren. – Manche Menschen lassen sich von ihren tierischen Instinkten leiten, während bei anderen das Geistige, die Vernunft, die Oberhand gewinnt? – Die Vernunft ist das Wichtigste. Es war immerhin gut, dass dort ausschließlich männliche Kriegsgefangene transportiert wurden. Stellen Sie sich einen Waggon vor, in den Menschen hineingepfercht werden, Schulter an Schulter. Und das mehrere Tage lang. Gleichzeitig bekommen sie praktisch nichts zu essen. Außerdem hat jeder Mensch seine natürlichen Bedürfnisse … Und was soll man tun? Wenn alles auf die elementarsten Bedürfnisse reduziert ist, wird jede Bewegung besonders deutlich. Es wird Essen verteilt. Und der Mensch versteht: Wenn ich etwas mehr nehme, habe ich dadurch vielleicht eine größere Chance zu überleben. Aber wenn ich mit jemandem teile, können vielleicht zwei Menschen überleben. Schlecht und recht, aber sie werden überleben. Wenn ich dagegen mehr Essen an mich nehme, wird jemand anderes sterben. So entsteht ein Kampf zwischen den Kräften des Guten und des Bösen. Es finden sich Anführer, die für Gerechtigkeit, Menschlichkeit und richtiges Verhalten eintreten. Und es gibt Schurken, die nur ihren eigenen Vorteil suchen. – Es gibt eine bekannte Redewendung: Wer die Masse in die Irre führt, kann leicht über sie herrschen; wer dagegen versucht, sie zur Vernunft zu bringen, wird zu ihrem Feind. – Genau darum geht es im nächsten Buch „Marja Petrowna“. Eine der Figuren spricht in einem Gespräch das Thema Revolution an. Sein Gesprächspartner wundert sich: Aber was ist mit der Gerechtigkeit? Die Antwort lautet: „Welche Gerechtigkeit …? Es gibt keine.“ Es kommt zu einem umfassenden Verrat an den menschlichen Werten. Die Kultur hat sich verschoben. Das Schlechte, das mit den Instinkten verbunden ist, nehmen die Menschen leichter und schneller wahr als das Gute. Das Gute aber ist Kultur. Die Menschen entfernen sich von den heiligen Büchern. Und heute sprechen sehr viele, ja die meisten Menschen, von ihrem Glauben an den Allmächtigen, lesen aber gleichzeitig weder die Tora noch das Evangelium oder den Koran. – Im Mittelpunkt Ihres ersten Buches steht die Liebe zwischen der Sowjetdeutschen Erika und dem russischen Soldaten Iwan, der gleich zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges in Gefangenschaft gerät. Erika setzt alles daran, ihren Mann aus einem nationalsozialistischen Konzentrationslager zu befreien … Wie haben Sie von dieser außergewöhnlichen Geschichte erfahren? – Erika Teodorowna lernte ich 1979 kennen. Sie war meine Nachhilfelehrerin für Deutsch. Eines Tages erzählte sie mir von ihrem Leben, und das hat mich tief beeindruckt. Mich faszinierte vor allem, dass sie zur Kommandantur der Nationalsozialisten ging und die Freilassung ihres Mannes forderte. Ich wusste, dass man allein schon deshalb verhaftet werden konnte, wenn der eigene Mann Kommunist war. Und wenn man nicht erschossen wurde, hatte man noch Glück gehabt! Die Geschichte von Erika Teodorowna und ihrer Suche nach ihrem Mann war für mich wie eine andere Welt … Diese mutige Frau hinterließ einen unauslöschlichen Eindruck in meinem Gedächtnis. 2008 fuhr ich gemeinsam mit meinem Sohn nach Nowotscherkassk zu Natalja Petrowna Salnikowa, die Deutsch am Institut unterrichtet hatte, als ich dort studierte. Sie war mit Erika Teodorowna befreundet. Wir erhielten die Unterlagen von ihrem Sohn, da Erika Teodorowna selbst zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben war. 2023 begann ich mit dem Schreiben. – Nach Gefangenschaft, Konzentrationslager und anderen qualvollen Prüfungen werden die Hauptfiguren auch von der sowjetischen Staatsmacht bestraft. Nach Kriegsende werden sie verbannt, später kommt Iwan in ein Besserungsarbeitslager des NKWD. Wie denken Sie: War das richtig und gerecht? – Heute ist es schwierig, darüber zu urteilen. Das ist ein sehr ernstes Thema, das mehr als ein Interview erfordern würde. In meinem zweiten Buch greife ich dieses Thema übrigens auf: Der Protagonist wird unmittelbar vor Beginn des Großen Vaterländischen Krieges hingerichtet. Er sagt: Wer zuerst angreift, hat einen gewaltigen Vorteil. Das ist vergleichbar mit zwei Schwergewichtlern, die den Ring betreten, wobei einer von ihnen das Recht auf den ersten offenen Schlag hat. Hier muss man sich daran erinnern, dass bis zum Sommer 1941 bereits sämtliche diplomatischen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Deutschland abgebrochen waren. Sowohl in Deutschland als auch in der Sowjetunion war die Macht usurpiert worden: In Deutschland war der Nationalsozialismus eindeutig schlecht. In der Sowjetunion hingegen wurde der Kommunismus aufgebaut – zunächst war es eine Idee, dann eine Ideologie. Auch heute können wir nicht eindeutig behaupten: War das gut oder schlecht? Wir können darüber vielleicht nur auf Küchenebene diskutieren. Was Stalin getan hat, hätte niemand sonst getan. Aber bis heute bleibt die Frage offen: Waren solch gewaltige Opfer wirklich notwendig? Warum wurden Menschen in Lagern vernichtet? Warum gab man ihnen nicht einfach eine normale Unterkunft, Kleidung und ausreichend Nahrung? Sie hätten doch ohnehin kostenlos für den Staat gearbeitet. – Unweit des Gebietes, auf dem sich einst das Karlag befand, liegt der berüchtigte sogenannte „Mütterchen-Friedhof“. Dort ruhen die sterblichen Überreste von Frauen und Kindern, von denen viele nicht einmal das erste Lebensjahr erreichten. Sie starben auch nach dem Krieg an Entkräftung, Krankheiten und den entsetzlichen Lebensbedingungen. Die genaue Zahl der dort Bestatteten ist unbekannt. Welche Argumente könnten eine solche Tragödie rechtfertigen? Etwa die Arbeitsleistungen und die Erschließung des Neulandes? – Diese Frage kann man nicht beantworten, weil der menschliche Verstand überhaupt nicht begreifen kann, warum so etwas notwendig gewesen sein soll! Und man wird es auch niemals verstehen. – Und die Massendeportation der Sowjetdeutschen? War sie Ihrer Meinung nach notwendig? – Notwendig, aber sie hätte nicht so grausam durchgeführt werden dürfen. Eine Deportation ist eine Maßnahme der Kriegszeit. Es ist vergleichbar mit einer Evakuierung während einer Überschwemmung. Aber es geht darum, wie diese Deportation durchgeführt wurde: im Herbst, und zwar im tiefen Herbst – die Verbannung nach Sibirien und nach Nordkasachstan. Die Menschen gruben sich buchstäblich mit bloßen Händen in den gefrorenen Boden und sagten: „Wir müssen tiefer graben – dort ist es wärmer …“ Und das betrifft alle Nationalitäten, die während der Kriegsjahre deportiert wurden. Schauen Sie sich die Tschetschenen, Koreaner und andere Völker an! Es ist schrecklich. Ich glaube, unsere heutige Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass ein solcher grausamer Wahnsinn in Zukunft niemals wieder geschieht … Ich war in dem Dorf auf der Krim, in dem mein Vater gelebt hatte. Meine Eltern hatten dort ein sehr schönes Haus. Ich war stolz auf die Deutschen, die dort gelebt hatten: steinerne Häuser, an jeder Straße eine klare Bauflucht … Die Kirche im Dorf steht bis heute. Die Kuppel wurde abgetragen, aber schließlich ließ man das Gebäude in Ruhe: Diejenigen, die die Kirche abtragen wollten, wurden anschließend selbst von Unglück verfolgt. – Hatten Sie nie den Wunsch, sozusagen in die historische Heimat auszureisen? – Ich versuche, darauf verständlich zu antworten: Ein Mensch sollte sich selbst treu bleiben – in seinem Glauben, seiner Nationalität und seiner Kultur – und gleichzeitig Patriot des Landes sein, in dem er lebt. Wenn er kein Patriot ist, dann ist dieses Land nicht seine Heimat. Und das hängt nicht von der Nationalität ab. Ich bin Patriot Kasachstans. Hier sind meine Großeltern und meine Eltern für immer geblieben. Hier wurde ich geboren, in Aktau wurden mein Sohn und meine Enkelkinder geboren. Und hier sind meine Freunde. – Ich wünsche Ihrem Roman eine weite Reise und viel Anerkennung bei den Lesern. – In diesem Jahr erscheint das Buch „Frau Erika“ in Georgien auf Georgisch, zunächst in einer Auflage von 1.000 Exemplaren. Im kommenden Jahr soll es in Polen auf Polnisch erscheinen. Aber in dieser Hinsicht liegt noch viel Arbeit vor uns. Wir hoffen, den Roman in naher Zukunft auch als Hörbuch und in elektronischer Form herausbringen zu können. – Vielen Dank für dieses wunderbare Gespräch. Marina Angaltdt Поделиться ссылкой: